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STANS: «Comics-Journalismus» als Mittel zur Demokratisierung

Der Inder Sharad Sharma ist ein Comics-Künstler mit einer Mission: Er instruiert Menschen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und damit ein wenig die Welt zu verändern. In diesen Tagen kommt er in die Innerschweiz.
Pirmin Bossart
Sharad Sharma (45) mit von Laien gezeichneten Grassroots Comics. (Bild: Manuela Jans-Koch (16. Februar 2018))

Sharad Sharma (45) mit von Laien gezeichneten Grassroots Comics. (Bild: Manuela Jans-Koch (16. Februar 2018))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Mann, den wir an der Hochschule der Künste Zürich treffen, ist quicklebendig. Vor ein paar Tagen ist er nach einem zehnstündigen Flug von Delhi in Zürich eingetroffen und direkt in die Schule gefahren, um einen Workshop durchzuführen. «Ich war noch ziemlich erkältet, aber die Arbeit kickt mich, ich lebe dafür.»

Der Enthusiasmus ist spürbar, wenn Sharad Sharma von seinem Projekt erzählt, das ihn nun schon seit 20 Jahren beschäftigt. Anfang der 1990er-Jahre begann er im indischen Staat Rajasthan mit den ersten Workshops. Im Rahmen einer Alphabetisierungskampagne sensibilisierte er die ländliche Bevölkerung, ihre Themen, die sie beschäftigten, mit knappen Bildergeschichten auszudrücken. «Auch jene Menschen sollen eine Stimme erhalten, die nie gehört werden und in den politischen Entscheidungsprozessen übergangen werden.»

Grassroots Comics – von normalen Leuten gezeichnet

Vier Zeichenfelder auf zwei A4-Seiten sind das Format, in dem ein Thema abgehandelt wird. «So können die Geschichten schnell kopiert und auch als Posters an Bäume und Stangen geklebt und überall verbreitet werden.» Mit den knappen Dialogen, welche die Zeichnungen begleiten, lernen die Menschen gleichzeitig, eine rudimentäre Sprache einzusetzen und sie stetig zu verbessern. Zudem: «Die Geschichten berühren, sie haben eine unmittelbare Wirkung.»

Das war der Auftakt für so genannte Grassroots Comics: Bildergeschichten, die nicht von Comic-Künstlern, sondern von einfachen Leuten gezeichnet werden. Die Bewegung breitete sich bald über ganz Indien aus. Besonders erfolgreich war sie in unterprivilegierten und bildungsfernen Regionen. Mit den Comics bekamen diese Menschen ein Mittel in die Hand, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Für Sharma ein wichtiger Beitrag zur Demokratisierung – gerade in einem Land, das sich grösste Demokratie der Welt nennt.

Der aus Jaipur stammende Sharad Sharma hat früher als politischer Cartoonist für Zeitungen und TV-Stationen in Delhi gearbeitet. Dabei wurde ihm klar, wie die Mainstream-Medien vielfach nur jene Menschengruppen bedienten, die sich schon immer lautstark bemerkbar machten. Während die Probleme der schweigenden Mehrheit nie zur Sprache kamen. Das war ihm auf seinen vielen Reisen durch das riesige Land bewusst geworden.

Ausbildung mit Multiplikationseffekt

Mitte der 90er-Jahre ging er erstmals auf «Entdeckungsreise» durch die sieben Staaten in Nordost-Indien, deren Bevölkerung vom restlichen Indien gerne als «unterentwickelt» stigmatisiert wird. «Eines Tages kam ich wieder nach Delhi und hatte noch 100 Rupien in der Tasche.» Da beschloss er, die Comics-Workshops voranzutreiben. Es entstanden mehrere Kampagnen im Nordosten und in anderen vernachlässigten Staaten Indiens.

Sharma bildete «trainers» aus, die weitere Bevölkerungsgruppen für Comics-Geschichten sensibilisierten, aus denen wiederum neue «trainers» hervorgingen. Auf diese Weise verbreitete sich die Idee und bekam eine Eigendynamik. «Wenn ich nach sechs Monaten mal wieder einen Ort besuchte, gab es dort Dutzende und Hunderte von einfachen Farmern und Frauen, die ihre eigenen Geschichten gezeichnet und verbreitet hatten.»

In den letzten Jahren war Sharma in Westafrika, Brasilien, bei den Samen im hohen Norden Finnlands, aber auch an Universitäten in westlichen Grossstädten, um Menschen für die Grassroots Comics zu begeistern. Auf was für Geschichten trifft er hier, im Westen, wenn er die gut situierten Studierenden zeichnen lässt? Sie seien oft persönlich und manchmal etwas auf sich bezogen, lächelt Sharma. «Ich ver­suche dann, sie darauf aufmerksam zu machen, was für ge­sellschaftliche oder politische Zusammenhänge dahinterstecken könnten.»

Neue Menschen, neue Orte, neue Geschichten

In der näheren Zukunft hat Sharma vor, seine Idee auch in das offizielle Bildungssystem von Indien zu implementieren. «Comics können ein wertvolles Mittel für den Unterricht sein. Erste Projekte sind schon am Laufen.» Auch möchte er eigene Lehrgänge für den «Comics-Journalismus» aufbauen. Ist das im Zeitalter von Internet relevant? Sharma lächelt: «In Indien haben offiziell 30 Prozent der Menschen einen Internetzugang. Aber wenn man berücksichtigt, was am Ende tatsächlich funktioniert, sind es nicht mehr als 15 Prozent.»

Er hätte in den letzten 20 Jahren selber Bücher produzieren können. Aber er zog es vor, andere Menschen zu begeistern und zu instruieren. «Niemand hat das sonst gemacht. Diese Arbeit hat mich mehr befriedigt als selber zu veröffentlichen.» Auch wenn seine Botschaft stets ähnlich sei: «Ich treffe immer wieder neue Menschen, neue Orte, neue Geschichten. Das gibt mir unglaubliche Energie.» Deshalb wird Sharad Sharma auch in Zukunft mit seiner Mission und neuen Ideen auf Reise gehen. Er grinst. «Wenn ich mal nicht unterwegs bin, habe ich schnell das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt.»

Hinweis

Am Mittwoch, 19.45 Uhr, ist Sharad Sharma Gast im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans. Dort spricht er mit Pierre Thomé, Leiter der Studienrichtung Illustration an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Sharma ist auf Einladung des Literaturhauses Zürich in der Schweiz. Er nimmt an der Reihe «Tage indischer Literatur» teil (23. bis 25. Februar).

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