STANS: «Tschingge» – Politischer Stoff komödiantisch dargebracht

Premiere in Stans: «Tschingge» unterhält das Publikum mit einer Lektion in aktueller Schweizer Geschichte.

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Ständchen für Spitalpatienten: Szene aus der Inszenierung von «Tschingge» im Theater Stans. (Bild: PD)

Ständchen für Spitalpatienten: Szene aus der Inszenierung von «Tschingge» im Theater Stans. (Bild: PD)

Zum zweiten Mal in Folge bringt die Theatergesellschaft Stans ein aktuelles gesellschaftspolitisch brisantes Thema auf die Bühne. Nach der Produktion «King Kongs Töchter» im vergangenen Jahr, welche kriminelle aktive Sterbehilfe von Pflegerinnen im Altersheim thematisierte, dreht sich das diesjährige Stück «Tschingge» um Einwanderung, Überfremdung und Assimilation. Doch war «King Kongs Töchter» eine bitterböse bissige Satire, ist «Tschingge» trotz akuter Problematik viel versöhnlicher.

Fussball und Schlager

Das liegt zum einen am Stück selbst. Autor Adrian Meyers Werk ist gespickt mit komödiantischen Einlagen und lässt die fremdenfeindliche Konfrontation auf dem Fussballplatz, dem erfolgreichsten integrativen Umfeld, stattfinden. Zum andern liegt es an der Musik. Regisseur Dodó Deér, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, setzt italienische Schlager und Volkslieder aus der Schweiz und aus Italien so grosszügig ein, dass das Schauspiel streckenweise zum Musical wird. Man muss allerdings anerkennen, dass die Laienspielerinnen und -spieler gut singen können.

Die Komödie «Tschingge» erzählt ein Stück neuere Schweizer Geschichte. Es spielt 1970 im Umfeld der Abstimmung über die Schwarzenbach-Initiative. Der Abstimmungssonntag steht bevor.

Am gleichen Sonntag findet auch der Grümpelturnierfinal zwischen den «Beton-Ragazzi» des ausländerfreundlichen Bauunternehmers Hutter und dem einheimischen Team der Sicherheitsfirma Frick, dessen Chef Armbrustschütze, Schwarzenbach-Anhänger und Patriot ist.

Die «Beton-Ragazzi» bangen um ihren Goalgetter Fortunato, der mit einem lädierten Kopf im Spital liegt – ausgerechnet als Bettnachbar des «Tschingge-Hassers» Oskar Scheidegger, der Mitglied der Nationalen Aktion ist. Das Spitalzimmer wird zum Ort von Intrigen, Liebeleien, politischen Brandreden und handfesten Auseinandersetzungen. Auch das Spitalpersonal bleibt von den Turbulenzen nicht verschont. Am Schluss wendet sich jedoch alles zum Guten. Auch wenn die «Beton-Ragazzi» im Penaltyschiessen verlieren, haben sie Grund zu feiern. Die Überfremdungsinitiative, die den Anteil der Ausländer auf 10 Prozent der Bevölkerung beschränken wollte, wird mit 54 zu 46 Prozent abgelehnt. Ein Happy End, wie es sich für eine Komödie gehört.

Lebenslust gegen Griesgram

Die Inszenierung von «Tschingge» ist mehr als eine leichtfüssig musikalische Komödie. Mit grossen Projektionen wird dem heutigen Publikum durch Fotodokumente die damalige Situation der italienischen Saisonarbeiter und Immigranten vor Augen geführt. In den Handlungsstrang eingebaut sind Erzählungen von eingewanderten Italienern, die von ihren Erfahrungen in der Schweiz und mit den Schweizern handeln. Als Schweizer Gegenstimmen sind fremdenpolizeiliche Ratschläge für Immigranten und fremdenfeindliche Statements von damals zu hören, die auch 2016 noch zu vernehmen sind.

Für die Laienspieler der Theatergesellschaft Stans bietet das Stück eine breite Palette an dankbaren Rollen, die mit grossem Enthusiasmus und solidem Spiel interpretiert werden. Allerdings fällt es der italienischen Fraktion leichter, ihre Vitalität und ihr südländisches Temperament zu zeigen, als den Schweizer Patrioten, ihren spiessigen Griesgram auf die Bühne zu bringen. Die Italianita auf der Bühne steckte auch das Premierenpublikum an, das bei jeder Gelegenheit begeistert Szenenapplaus spendete und zum Schluss das gesamte Ensemble ausgiebig feierte.

Kurt Beck

Hinweis

Für die Vorstellungen bis 19. März gibts nur noch Restkarten. VV: www.theaterstans.ch