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STARS: Eigenwillige und ihr Publikum

Musik macht glücklich, aber sie wühlt auch auf. Das zeigt sich, wenn Patricia Kopatchinskaja und Teodor Currentzis auftreten. Und nicht nur in diesem Fall stellt sich die Frage: Was geschieht da eigentlich?
Rolf App
Seine Musik muss aufrühren: Teodor Currentzis. (Bild: Vyacheslav Prokofyev/Getty)

Seine Musik muss aufrühren: Teodor Currentzis. (Bild: Vyacheslav Prokofyev/Getty)

Rolf App

«Die Anarchistin und der Revolutionär»: Es hätte der Affiche nicht bedurft, zu der die Tonhalle Zürich bei der Ankündigung der beiden Konzerte der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und des Dirigenten Teodor Currentzis mit dem Tonhalle-Orchester gegriffen hat. Denn beide Auftritte von heute und morgen sind ausverkauft. Obschon Alban Bergs Violinkonzert «Dem Andenken eines Engels» und Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 d-Moll nicht wirklich Strassenfeger sind. Die Interpreten allerdings sind es, was einer Erklärung bedarf – die auch etwas erzählt von der Bedeutung des Stars in unserer Zeit. Und von jener der Musik, die sie hervorbringen.

Die 40-jährige Patricia Kopatchinskaja ist 1989 mit ihrer Familie mittellos aus Moldawien nach Wien emigriert und mit 21 nach Bern ans Konservatorium gekommen. Hier lebt sie mit Mann und Kind in einer Art «Zeitblase», wie sie im Gespräch mit dem «Sonntagsblick» gesagt hat. Das sei «alles, was ich mir für meine Tochter wünsche. Sie soll nie diesen Schmerz einer Emigration erleben müssen.»

«Ich komponiere das Stück im Spiel neu»

Von ihrem Haus mit leicht verwildertem Garten zieht Patricia Kopatchinskaja aus, die Musik neu zu entdecken. Barfuss, damit sie den Boden spürt. «Ich muss zum Stück selbst werden», sagt sie. «Ich komponiere das Stück in meinem Spiel neu.» Anspielen muss sie dabei gegen unser von Tradition geprägtes Ohrgedächtnis. Ihr Trost: «Es gibt auch Menschen, die sich um den Geist der Dinge kümmern. Für die bin ich richtig. Die sind genauso verrückt wie ich.»

Verrückt ist in diesem Sinne auch Teodor Currentzis. Der 45-jährige gebürtige Grieche ist seit 2011 Musikchef im russischen Perm, mit dem von ihm gegründeten Orchester Musica Aeterna hat er die Mozart-Opern eingespielt und letztes Jahr am Opernhaus Zürich mit Giuseppe Verdis «Macbeth» auch die Anerkennung der NZZ gefunden. «‹Schön› im herkömmlichen Sinne klingt dieser Verdi ganz und gar nicht», hat ihr Musikkritiker Christian Wildhagen geschrieben. «Aber so aufregend, rhythmisch explosiv und charakteristisch, wie man ihn selbst in Italien selten zu hören bekommt.»

Für Teodor Currentzis reicht es nicht, in der Musik Emotionen abzubilden. Sie muss eine Reise sein in unbekannte Gefilde. «Der Musiker muss neue Schwingungen in sich finden und das Publikum darauf einstimmen», sagt er der «NZZ am Sonntag». «80 Prozent des Erfolgs rühren nicht von der Interpretation her, sondern von der Energie, so dass das Publikum eine musikalische Idee annehmen kann.» Erfolg hat Currentzis, überall. Aber er polarisiert auch, was ihn mit Patricia Kopatchinskaja verbindet. Sein eigenwilliges Auftreten sprengt den Rahmen eines gemütlichen Konzerterlebnisses. Wer die beiden Künstler im Januar vergangenen Jahres mit Beethovens fünfter Sinfonie und seinem Violinkonzert in der Tonhalle Zürich erlebte, konnte spüren, wie sehr dies die Zuhörerschaft scheidet. Vielleicht stimmt es also doch mit der Anarchistin und dem Revolutionär.

Heinrich Heine sieht den Teufel am Werk

Sie sind nicht die Ersten in dieser Sparte. Auch andere Künstler haben ihre Zeit aufgewühlt. Denken wir an Franz Liszt etwa, dessen Klavierkünsten die Wiener Damenwelt so sehr zu Füssen lag, dass es beinahe kein Halten gab. Oder an Niccolò Paganini, bei dessen Geigenkünsten auch ein so ironisch gestimmter Beobachter wie Heinrich Heine den Teufel am Werk sah. Das waren, natürlich, Übertreibungen einer erhitzten Öffentlichkeit, über die man ebenso die Nase rümpfen konnte wie heute über die Begeisterung für Pop- und Klassik-Stars. Wirtschaftliche Interessen treiben ihre Vermarktung an; Plattenfirmen und Sponsoren verdienen kräftig mit. Was allerdings das Echo keineswegs erklärt, das musikalische Könner wie Showtalente finden.

Nehmen wir noch ein paar Namen hinzu, um das Phänomen zu ergründen. Jenen des Pianisten Grigory Sokolov etwa oder den seines ganz anders gearteten Kollegen András Schiff. Oder jenen des Percussionisten Martin Grubinger. Sie alle kultivieren zuallererst eines: Eigenwilligkeit. Sie machen Konzerte zu Ereignissen, jeder auf seine Art.

Sokolov zum Beispiel kümmert sich oft nicht um die Tempovorschriften der Komponisten und entlockt den Werken so ganz neue Nuancen. An seinen Klavierabenden versenkt er sich in seine Musik, und das Publikum folgt ihm fast atemlos. András Schiff macht keine Pausen mehr, er will sich nicht stören lassen von einem unruhig zurückkehrenden Publikum. Und dieses Publikum sitzt da, mucksmäuschenstill. Ganz und gar nicht still muss es bei Martin Grubinger zugehen, der auf der Bühne schwitzt und arbeitet. Und der, wenn er vor dem Konzert das Wort ergreift, rasch Begeisterung auf Vorschuss weckt. Patricia Kopatchinskajas Spiel schliesslich ist oft geprägt von einem Schmerz, der niemanden gleichgültig zurücklässt.

Leben unter unablässigem Steigerungszwang

In seinem letztes Jahr erschienenen Buch «Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung» konstatiert der Soziologe Hartmut Rosa nicht nur den unablässigen Steigerungszwang unserer Gesellschaft, der sich auch darin äussert, dass «Gesundheit, Geld, Gemeinschaft, dazu häufig auch noch Bildung und Anerkennung als die wichtigsten Ressourcen für ein gutes Leben gelten». Er stellt dazu die Gegenthese auf, «dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt». Ganz einfach ausgedrückt: Das Leben gelingt nicht per se dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern «banal ausgedrückt, wenn wir es lieben».

Diese Liebe nun kann vielerlei Gestalt annehmen und viele Quellen haben. Eine besonders wichtige erkennt Hartmut Rosa in der Musik. «Musik sind die Rhythmen, Klänge, Melodien und Töne zwischen Selbst und Welt.» Sie berührt in besonderem Mass, wenn sie sich, interpretatorisch neu geschaffen von Künstlern, denen wir Authentizität zubilligen, ablöst von der Fixierung an Tradition.

Dann, singt Reinhard Mey, beginnt der Raum zu atmen

Dann kann Musik in ihren hoch- wie popkulturellen Manifestationen zu einem Kosmos werden, der «alle Arten und Schattierungen von Beziehungen auszudrücken oder zu stiften vermag: Zerrissenheit, Einsamkeit, Verlassenheit, Feindseligkeit, Ent- fremdung, aber auch Sehnsucht, Zuflucht, Geborgenheit».

Dann, singt Reinhard Mey in einem seiner Lieder, «beginnt der Raum zu atmen und zu leben, ist es wie ein Erschauern, wie ein Schweben, als ob ein Zauber uns bezwingt. Und eine Melodie befreit uns aus dem Irrgarten unserer Gedanken und öffnet alle Schleusen, alle Schranken unserer Seele weit.»

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