Lucerne Festival: Zwei Starsolisten als Kammermusikpartner

Der Geiger Leonidas Kavakos gab seinen Einstand als Artiste étoile beim Lucerne Festival als Kammermusiker. An seiner Seite: Die Pianistin Yuja Wang.

Katharina Thalmann
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Gemeinsames Rezital zweier Stars: der Violinist Leonidas Kavakos und die Pianistin Yuja Wang. Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 19. August 2019)

Gemeinsames Rezital zweier Stars: der Violinist Leonidas Kavakos und die Pianistin Yuja Wang. Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 19. August 2019)

Es ist ein ungewohnter Anblick: Die Pianistin Yuja Wang, ansonsten glamouröse Solistin vor gross besetzten Sinfonieorchestern, stöckelt an der Seite ihres Kammermusikpartners auf die fast leere KKL-Bühne. Wäre nicht allgemein bekannt, dass Kavakos und Wang zu den gefragtesten Solisten weltweit gehören, könnte man sie auch für ein Pop-Duo aus den 80ern halten. Sie trägt ein hautenges grünes Glitzerkleid, er ein Seidenhemd, dessen Farben zwischen lila und türkis changieren. Dazu glänzen ihre Lack-High-Heels, und seine Samt-Slippers schimmern verheissungsvoll. Ihre Outfits sollten zum Programm werden: Der Materialmix, die vielfarbige Leuchtkraft, die individuellen Persönlichkeiten ziehen sich wie ein fluoreszierender Faden durch ihre Interpretationen.

Vier Werke stehen am Montag auf dem Programm. Drei Violinsonaten von Mozart, Prokofiev und Richard Strauss und Bartóks erste Rhapsodie für Violine und Klavier. Obwohl: Auch die Sonaten sollten eher als Stücke für Violine und Klavier bezeichnet werden, weil, und gerade mit einer Solistin wie Yuja Wang (32), dem Klavier nie eine untergeordnete Rolle zukommt.

Orchestrale Bassimpulse und hohe Virtuosität

Das Duo eröffnet den Abend mit Mozarts Violinsonate B-Dur KV 343. Wang wagt orchestrale Bassimpulse und rollt so den schimmernden Teppich für Leonidas Kavakos’ Virtuosität aus. Und obwohl die beiden kaum je einen Blick wechseln, klingt es, als hörten sie innerlich dieselbe Musik. Kaum verwunderlich: Sie spielen schon lange zusammen und veröffentlichten vor fünf Jahren eine gemeinsame CD mit den Violinsonaten von Brahms.

So elegant und geschmackvoll dieser Mozart auch gelingt: Stehen Wang und Kavakos, (diesjähriger Artiste étoile am Lucerne Festival), aufreibendere Stücke nicht besser? Doch, und das machen sie mit Prokofievs Violinsonate Nr. 1 in f-Moll eindrücklich hörbar. Diese Sonate klingt von allen Stücken dieses Abends am meisten nach. Von der ersten Note an ist Wang in ihrer Welt, prägt doch insbesondere Prokofievs drittes Klavierkonzert ihre Karriere seit über zehn Jahren.

Aufruf zur Heftigkeit ernst genommen

Im zweiten Satz, «Allegro brusco» überschrieben, nimmt das Duo den Aufruf zur Heftigkeit ernst, exklamiert die eröffnenden Schläge mutig und bestimmt. Kavakos (51) wendet sich von seinem warmen Mozart-Wohlklang ab und nimmt zu Gunsten des insistierenden Charakters auch einige Bogenkratzer in Kauf.

Für die zweite Konzerthälfte betritt Wang die Bühne mit dem zweiten Kleid: einer silbernen Paillettenkreation mit nur einem Ärmel und viel Beinfreiheit. Der Auftritt hat fast etwas Selbstironisches; die mörderischen Silberpumps scheinen mindestens eine Nummer zu gross, auf Zehenspitzen und mit winzigen Schritten pirscht sie sich ans Klavier. Kaum zu glauben, dass sie in diesen Schuhen nicht nur die Pedale bedienen kann, sondern auch ihr iPad steuert, von dem sie spielt.

Es ist auch insgesamt besonders Yuja Wang, die an diesem Abend überrascht: Nach einem turbulenten Abgang bei ihrer Agentur Fidelio Arts vergangenen Herbst, scheint sie wieder festen Boden unter den Füssen zu haben (sofern das bei der Absatzhöhe möglich ist) und steht inzwischen – wie übrigens auch Kavakos – bei Intermusica unter Vertrag. Dort ist die Chinesin zwar nicht mehr eine von vieren, sondern eine von über 150. Doch sie erweckt den Eindruck einer sich entwickelnden, unabhängigen Künstlerin, der ein Gegenüber wie der tiefgründige Grieche Kavakos sehr guttut.