STARTENOR: Rolando Villazón: «Das ist ein Abenteuer, keine Krise»

2005 wurde Rolando Villazón (44) in Salzburg als bester Tenor der Welt gefeiert. Dann erlitt der Überflieger einen Absturz. Nun kommt er ans Lucerne Festival.

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«Unter den Topsängern gibt es ein sehr grosses Konkurrenzdenken», sagt Rolando Villazón (44). (Bild: PD/Monika Höfler)

«Unter den Topsängern gibt es ein sehr grosses Konkurrenzdenken», sagt Rolando Villazón (44). (Bild: PD/Monika Höfler)

Interview Christian Berzins

Rolando Villazón, am 19. November 2015 twitterten Sie: «20 Jahre auf der Bühne! Auf in die nächsten 20!»

Rolando Villazón: (lächelt)

War das Ihr Ernst?

Villazón: Ja und nein. Es ist egal, wie lange meine Karriere noch dauert, ich erlebte bislang 20 tolle Jahre. 20 Jahre mehr? 5 mehr? Das werden wir sehen. Ich liebe das Leben mitsamt einem guten Bier viel zu sehr. Aber wenn ich die Neugier behalte, neue Sachen zu finden, dann singe ich vielleicht noch mit 70.

Francisco Araiza sagte, ein Tenor habe rund 20 bis 25 Jahre zu singen.

Villazón: Ich glaube nicht, dass ein Tenor soundso lange auftreten muss – oder kann. Gerade sang ich in München die Uraufführung von «Southpol» von Miroslav Srnka. Während der Komposition hat er entdeckt, dass man zwar Musik für die Geige oder fürs Klavier schreibt, aber dass man Musik nicht für den Tenor, sondern für einen Menschen, der wie ein Tenor singt, komponiert. Jeder von uns ist ein einmaliges Instrument. Man kann auch in guter Verfassung sein und sagen: «Jetzt reicht es.»

Und wenn das Publikum «Jetzt reichts!» sagt?

Villazón: Ein Sänger muss zuerst ein Sportler sein, danach wird er Künstler: Zwischen 35 und 45 gibt es nämlich in jeder Sängerkarriere Jahre, in denen man Anpassungen vornehmen muss. Da ist der jugendliche Elan weg, nun müssen die technischen Punkte sitzen, um weiterzukommen. Das ist ein Abenteuer, keine Krise.

2006 sagten Sie, Sie würden bald Trovatore singen und immer höher fliegen.

Villazón: Oh, das ist bezeichnend! Beide Rollen sind nicht in meinem Repertoire, und ich habe kein Interesse an ihnen.

Haben Sie damals angegeben?

Villazón: Nein, überhaupt nicht, ich dachte genau das. Es war richtig. Ein junger Tenor darf auf keinen Fall sagen: «Ich bin nicht sicher, ob ich je Otello singen will.» Der Athlet muss sagen: «Jaaaaaaaaa, Otell­llooo! Jaaaaa, Manrrrriiiiiico!» Man muss immer daran glauben, dass man sechs Meter hoch springen kann. Heute ist eine andere Mentalität verbreiteter: «O nein, das schaffe ich nie, ich kann nur einen Meter hoch springen.» Ich sagte schon auch mal Dinge wie «eine Karriere ist kein Sprint, sondern ein Marathon». Vergessen wird, dass auch der Sprint Freude macht.

War es falsch, dass Sie so forsch vorangingen?

Villazón: Man lernt mit dem Leben, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Nach meiner Krankheit musste ich natürlich über vieles nachdenken, das war ein schwerer Einschnitt. Ich musste mich fragen: Was will ich machen? Ich muss singen, was mich neugierig und glücklich macht.

Wurden Sie vom Betrieb – den Agenturen, den Dirigenten, den Opernfreunden – zu Falschem verleitet?

Villazón: Ich bin selber verantwortlich für meine Entscheidungen und die Risiken, die mit ihnen kommen. Ich habe so­wieso sehr oft Nein gesagt: zu «Forza del des­tino», zu «Pagliacci», zu «Cavalleria» – immer Nein! Es gab viele Entscheidungen – die meisten waren gut.

Was war schlecht?

Villazón: Ich hatte zum Beispiel ganze Interviewtage, redete und redete, dachte: Das macht nichts. Und am nächsten Tag trat ich auch noch auf. Man ist jung, macht weiter, geht zur Probe, dann ins Flugzeug: Man macht zu viel. Nicht nur ich: Wir alle machen zu viel. Aber das hatte mit meiner Krankheit nichts zu tun. Es war eine genetische Veranlagung, die Zyste im Stimmband, und man sollte die Geschichte, wenn man sie erzählt, nicht reduzieren. Jeder junge Sänger muss sich Herausforderungen stellen, aber über die spricht niemand.

Welche denn?

Villazón: Die jungen Sänger haben tausend Dinge um die Ohren: Youtube, Twitter, Facebook, Blogs ... Vor 50 Jahren las ein Opernsänger eine Kritik in einer Zeitung – vielleicht war er glücklich darüber, vielleicht nicht. Aber was die Leute in der Bar ums Eck sagten, hörte er nicht. Heute aber hören oder lesen Sänger alles. Ich bin nicht dagegen, finde es toll, dass man die Oper zum Thema macht. Aber es ist nicht für uns Sänger, es ist eine Sache fürs Publikum: Sänger haben genügend Leute, die sie professionell kritisieren: Dirigenten, Lehrer, Regisseure, Kollegen ...

Die Stimmung auf den grossen Bühnen scheint immer prächtig. Ist die Opernwelt eine falsche Welt?

Villazón: Die sozialen Medien vermitteln dieses Bild. Facebook zeigt nur einen Teil der Welt, aber dieses Fenster taugt bereits ziemlich gut, um von unserer schönen Welt zu erzählen (er singt eine lustige Melodie und zeigt den Strahlemann). Wir Opernstars müssen immer lächeln, da winken, hier Hände schütteln: Das ist nicht das Leben, schon klar. Aber deswegen muss ein Sänger ja auf Facebook oder in einem Interview nicht sagen, dass er eine Depression hat.

Unter Sängern gibt es auch Konkurrenzangst. Ist sie berechtigt?

Villazón: Wer gut ist und aufsteigt, wird im mittleren Bereich keine Konkurrenz spüren, denn es gibt genügend Theater. Oben gibt es allerdings ein sehr grosses Konkurrenzdenken.

Das war aber früher doch auch schon so.

Villazón: Ja, aber wir leben in einer anderen Welt. Schauen Sie einmal mein altes Handy an – na ja, Ihres ist ja noch viel, viel älter. (lacht laut) Also ich mag mein Handy, meine Frau aber sagt jedesmal, wenn sie es sieht: «Kauf ein neues!» Oder schauen Sie meine geliebte Jacke an: Ich brauche diese Büroklammer, um den Reissverschluss hochzuziehen. Ich möchte diese Jacke aber am liebsten für die nächsten zehn Jahre behalten. Aber das passt nicht in diese Welt! Da gehts bum bum bum weiter! Und das geht auch mit Opernsängern so.