STEINERBERG SZ: «Die Liturgie hier ist einfacher»

Wo sich Himmel und Erde noch näher sind: Seit 23 Jahren kommt Pastor Ralf Birkenheier jeden Sommer aus der fernen Eifel auf die Alp Ob Häg, um den sonntäglichen Berggottesdienst zu feiern.

Andreas Faessler
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In der Bergkapelle Ob Häg hält Ralf Birkenheier jeden Sommer mehrere Sonntagsmessen. Seit vielen Jahren findet der deutsche Pfarrer hier oben auch Zeit für Ruhe und Besinnung.

In der Bergkapelle Ob Häg hält Ralf Birkenheier jeden Sommer mehrere Sonntagsmessen. Seit vielen Jahren findet der deutsche Pfarrer hier oben auch Zeit für Ruhe und Besinnung.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Dieser Ort hat wahrlich eine besondere Anziehungskraft – wer auf die Alp Ob Häg am Wildspitz hoch über dem weiten Talkessel kommt, der wird da nicht zum letzten Mal gewesen sein.

So jedenfalls erging es Pastor Ralf Birkenheier, der nach seinem ersten Besuch zum treuen Wiederkehrenden geworden ist. Zum 23. Mal hat er nun mehrere Wochen an diesem Ort auf rund 1230 Meter über Meer verweilt und in der hiesigen Bergkapelle die sonntäglichen Gottesdienste gehalten. «Ich glaube, die Ob Häg ist ein Gesamtkunstwerk», fasst es der Priester in Worte. «Der Blick ins Tal und in die umliegende Bergwelt lässt die Grösse und die Schönheit Gottes erahnen.»

Ein Fläschchen Gebranntes öffnet die Tür

Ralf Birkenheier ist Priester in der Pfarrei Mendig in der Eifel, unweit von Koblenz. Anfang 1990er-Jahre brachte ihm ein Mitbruder eine Flasche Träsch aus der Schweiz mit. «Diese ‹bearbeiteten› wir mit Freuden bei einem abendlichen Konveniat», erinnert sich Birkenheier. Sein Mitbruder gab ihm schliesslich preis, dass dieser Träsch von Anton Schuler aus Steinerberg SZ stamme, dem Kapellvogt der Ob Häg, für welche in der Sommerzeit jeweils Priester für den sonntäglichen Dienst gesucht würden. Sie könnten die an die Kapelle angebaute Wohnung nutzen. Kurzentschlossen nahm Ralf Birkenheier Kontakt auf und fuhr im August 1993 zum ersten Mal auf die Steinerberger Alp. Und siehe da: «Es war Liebe auf den ersten Blick», schildert der Deutsche seinen ersten Eindruck auf der Ob Häg. Er kam wieder und wieder – und wieder.

«Die Stille hier oben tut ungemein gut, die frische Luft, der Klang der Glocken, die lieben Menschen – das alles trägt zur Anziehungskraft dieses Ortes bei», sagt der Pastor. «Und dann die wunderschöne Kapelle, um die man sich so liebevoll kümmert.» Hier hält Birkenheier während seines Aufenthalts also jeden Sonntag Gottesdienst. Bei trockenem Wetter füllen sich auch die Bänke im Freien vor dem hölzernen Kirchlein – die Feiern sind beliebt und immer gut besucht.

«In dieser ungestörten Idylle können sich alle wunderbar auf die Frohe Botschaft einlassen und gemeinsam die Gegenwart des Herrn feiern.» Es sei jeweils eine Stunde, in der sich Himmel und Erde, Gott und die Menschen wirklich begegneten. Pfarrer Birkenheier legt allgemein Wert auf eine unkomplizierte Art, die heilige Messe zu feiern – ob er nun auf der Ob Häg ist oder in seiner Heimpfarrei in Mendig. Auf dem Berg aber sei das lebendige Interesse der Leute an der Kirche, ja ihre Sehnsucht nach diesen spirituellen Momenten noch besser spür- und greifbar. «Die Liturgie auf der Alp ist einfacher und schlichter gehalten als in der Pfarrkirche, aber die Aufmerksamkeit der Menschen ist dafür umso grösser», weiss der Pastor. Viele junge Familien mit Kindern seien stets dabei, was auch einen Einfluss auf die Verkündigung hat: Birkenheier hält sie bewusst kurz, verständlich, handfest und deutlich, legt dabei stets Wert auf Heiterkeit und Humor, entlässt die Leute gerne mit einer Anekdote oder einem Witz. «Es ist schön, wenn man lachend und froh aus der Liturgie wieder ins Tal hinabsteigt.» Nicht wenige würden im Anschluss auch die Gelegenheit nutzen zum Gespräch oder vereinbarten ein solches mit dem ‹Alppfarrer›.

Die Nähe zu den Menschen

Ralf Birkenheiers Verhältnis zu den Menschen, die auf die Ob Häg kommen, ist herzlich und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. «Die Leute sind stets offen für gesellschaftliche und kirchliche Fragen, interessieren sich für die Kapelle und auch für den Pfarrer.» Und es trage sich immer wieder zu, dass Vorbeikommende spontan anklopften oder jemand anrufe, um mit dem Bergpfarrer ein paar Gedanken auszutauschen. Besonders wertvoll war für ihn dieser Draht zu den Menschen, als er von Herbst 2005 bis Spätsommer 2006 sein Sabbatjahr auf der Ob Häg verbrachte. «Selbst im Winter konnte ich auf die Begleitung lieber Menschen zählen. Einige sind trotz des hohen Schnees sonntags auf die Ob Häg zur Messe gekommen.»

Für den Pastor aus der Eifel sind seine Aufenthalte auf der Ob Häg Pflicht und Erholung zugleich. Seine Wanderungen sind seit einer Krebserkrankung vor zwei Jahren etwas weniger ausgiebig geworden. Ausflüge und kleinere Touren sind jedoch nach wie vor Teil seines Freizeitprogramms, Einsiedeln und den Ranft besucht er regelmässig. Und neben seinen Alpgottesdiensten hilft er gelegentlich auch in den Pfarreien Steinerberg und Steinen aus. Aber vor allem nutzt er die Zeit und die Ruhe auf der Ob Häg zum Lesen und Schreiben. Neben Meditationen, Predigten und Vorträgen ist sogar schon ein ganzes Buch entstanden. Das Titelbild: natürlich die Bergkapelle Ob Häg.

So Gott will

Pastor Birkenheiers Begeisterung für die Ob Häg zieht überdies auch in der Heimat Kreise: Sein Kaplan war nach einem Besuch in Steinerberg so angetan von diesem Ort, dass er es seinem Pastor gleichtun und künftig auch Dienst auf der Ob Häg leisten möchte.

Vergangenes Wochenende ist Ralf Birkenheiers 23. Einsatzzeit auf der Schwyzer Alp am Wildspitz zu Ende gegangen, er ist mittlerweile nach Mendig in der Eifel zurückgekehrt. Im nächsten Sommer kommt er wieder – «so Gott will», fügt er an. «In meiner Gemeinde weiss es stets jeder: Unser Pfarrer fährt wieder in die schöne Schweiz …›.»