Stephan Eicher lässt das Luzerner Publikum
seinen grössten Hit singen

Stephan Eicher überzeugt im Luzerner KKL nach mässiger Kür mit einem tollen Pflicht-Teil.

Michael Graber
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Dann halt Eiskunstlauf. Stephan Eicher habe, durch einen Rechtsstreit mit seiner Plattenfirma daran gehindert neue Lieder zu veröffentlichen, wieder ein Hobby suchen müssen. Eben: Eiskunstlauf. Dort, so Eicher, habe er viel fürs Leben gelernt. Etwa über das Missverhältnis zwischen Pflicht und Kür. «Es ist wahnsinnig viel Pflicht und wahnsinnig wenig Kür», sagt der 59-Jährige im KKL. Drum starte er jetzt einfach mit der Kür. Die Kür, das sind am Montagabend aber keine Denise-Biellmann-Gedächtnispirouetten sondern die neuen Lieder ab der Platte «Homeless Songs» und sogar ein noch unveröffentlichtes Stück.

Stephan Eicher bei seinem Auftritt im KKL.

Stephan Eicher bei seinem Auftritt im KKL.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 2. Dezember 2019)

Es mag zwar tatsächlich zu viel Pflicht und zu wenig Kür im Leben geben, aber allenfalls besteht die grosse Kunst darin, dass auch die Pflicht wie die Kür wirkt. Bei Eicher ist das so. Das hat aber nicht nur mit einer starken Pflicht zu tun, sondern auch mit einer etwas gar plätschernden Kür. Die erste halbe Stunde (einleitend gab es noch zehn längliche Minuten Klavierminiaturen von Eichers Pianisten) waren etwas gar wohlgefällig. Es fehlte der Kür an Leichtigkeit. An den neuen Songs liegts nicht. «Prisonnière» zum Beispiel ist ein wunderbares Stückchen, es will im KKL aber nicht so richtig ins Fliesen kommen.

So richtig in den Fluss kommt das Konzert dann ab der Pflicht. «So ab jetzt ist es euer Konzert. Ihr könnt einfach wünschen, was ihr wollt», sagt der Berner. Das lautstark gewünschte «Déjeuner en paix» will er dann doch noch nicht spielen, «weil nach diesem Lied gehe ich jeweils. Das wäre dann ein sehr kurzes Konzert». Und sowieso: «Ich habe da eine andere Idee.» Die andere Idee ist «Weiss nid was es isch» und leitet damit zu einem fröhlichen und beschwingten Hit-Reigen über. Zu «Pas d’ami (comme toi)» lässt er mitsingen. Ein dreifaches «No». Geschlechtergetrennt. Die Herren sollen doch wie «Jäger» singen, die Frauen wie «Kapitäninnen». Er habe, so gesteht Eicher, eine Neigung zu «Frauen in Uniformen» und fragte: «Wo ist nur meine Krankenschwester?» Dank seinem Charme bleibt es ganz knapp ein maues Witzchen und keine dümmliche Anzüglichkeit.

Allgemein werden alle auf der Bühne etwas mutiger. Auch die Techniker. Es wird lauter. Es wird wuchtiger. Es wird griffiger. Die hervorragende Band verdichtet die Songs, lässt sie dunkler schimmern und setzt mehr Akzente. Die Luzernerin Heidi Happy an Xylofon, Mandoline, Cello, Melodica und Stimme sticht in der neunköpfigen Begleitband (darunter vier Streicher) besonders hervor und darf sogar eines ihrer eigenen Lieder singen – es wäre, das sei an dieser Stelle mit Nachdruck gesagt – allerhöchste Zeit für neue Heidi Happy-Songs.

Ein altersgerechter Ententanz

Was man bei der «Kür» teilweise vermisst hatte, ist jetzt alles da: Spielfreude, Drive, Dynamik und vor allem Eicher, der den Geschichtenerzähler gibt. Von zähen Verhandlungen mit Plattenfirmen, vom Älterwerden, vom Geniessen. Er erzählt sie mal lustig, mal entschlossen. Mal laut, mal leise. Man hört ihm unheimlich gerne zu.

Er berichtet, wie er als Kompromissangebot an die Plattenfirma ihr die Rechte an seinem «Déjeuner en paix» abgetreten habe und diesen drum jetzt gar nicht mehr singen dürfe. Also selber singen. Was er dürfe: Das Publikum anleiten zum selber singen. Tut er. Und am Schluss tanzen alle eine Art altersgerechten Ententanz. Gerne hätte man ihm da zugerufen, dass doch eben just vor dem KKL ein Eisfeld steht. Aber eventuell ist die Geschichte mit dem Eiskunstlaufen besser, wenn sie gar nicht aufgelöst wird.

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