Familienstück in Konstanz: Sterben und dabei schön cool bleiben

Mit «Die Brüder Löwenherz» bringt das Theater Konstanz ein Lieblingsbuch vieler älterer Kinder auf die Bühne. Doch in der Regie von Sara Ostertag wirkt Astrid Lindgrens ergreifendes Jenseitsmärchen kalt und herzlos.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Kampfzone Kirschblütental: Karl (Peter Posniak) und Jonathan (Sylvana Schneider). (Bild: Ilja Mess)

Kampfzone Kirschblütental: Karl (Peter Posniak) und Jonathan (Sylvana Schneider). (Bild: Ilja Mess)

Für keinen ihrer Romane bekam Astrid Lindgren so viele Briefe wie für «Die Brüder Löwenherz»: Sie hatte mit der 1974 erschienenen Geschichte von Karl alias «Krümel» Löwe und seinem starken grossen Bruder Jonathan, die sich nach dem Tod im Fantasiereich Nangijala wiedersehen und dort tapfer und beherzt gegen die Bedrohung des Bösen kämpfen, mitten ins Herz getroffen. Anders die Reaktion vieler Erwachsener auf das kraftvoll erzählte Märchen, das Spannung und Poesie, Abenteuerlust mit den grossen Fragen von Leben und Tod, Gut und Böse verbindet. Die einen fanden es zu grausam, manche fürchteten gar, es könne Kinder zum Selbstmord verleiten – so zauberhaft schön wird die jenseitige Welt heraufbeschworen: ein bedrohtes Paradies, hinter dem noch ein weiteres wartet.

Ein karges Paradies und ziemlich dünne Dialoge

Von der Schönheit des Kirschblütentals, von Pferderücken- und Lagerfeuerromantik freilich ist wenig zu spüren auf der karg ausgestatteten Bühne von Nanna Neudeck, und wenn überhaupt, dann schlägt ein kühles Herz in Sara Ostertags Inszenierung des Märchens. Die Regie hält sich an den naiven Ton der ersten Seiten, auf denen Krümel nicht lang um den heissen Brei redet: Er weiss, dass er sterben wird, doch dann passiert etwas viel Schlimmeres. Jonathan springt ihm ins Jenseits voraus.

Was in Krümels Erzählung so klar und plausibel daherkommt, so leicht und doch unmittelbar anrührend, lässt sich freilich von (wenn auch jungen) erwachsenen Schauspielern (Peter Posniak und Sylvana Schneider als Karl und Jonathan) nur mit Mühe vermitteln. Zumal, wenn das Erzählen und Spielen selbst andauernd mitthematisiert wird, die Geschichte selbst dafür aber drastische Kürzungen aushalten muss. Wer das Buch nicht sowieso kennt, dürfte Schwierigkeiten haben, die Wechsel zwischen den Spiel- und Daseinsebenen ohne Rätselraten mitzumachen.

Nur nicht betulich märchenhaft

Dafür ist die Inszenierung ästhetisch auf der Höhe der Zeit, mit Livekamera und Videoprojektion, mit Darstellern, die in kürzester Zeit die Rolle wechseln und extrem ausgedünnten Dialogen. Nur nicht betulich werden, das scheint sich Sara Ostertag, Regisseurin mit viel Erfahrung in der Off-Szene, für das «Weihnachtsmärchen» (das wirklich eines sein könnte) fest vorgenommen zu haben. Ob ihr die Kinder im Publikum nach der Vorstellung wohl begeisterte Briefe schreiben? Eher werden sie twittern und dabei Krümel ­zitieren, wenn er Jonathan von Nangijala schwärmen hört: «Wie cool ist das denn?» Taschentücher jedenfalls sind überflüssig.

Nächste Vorstellungen: 18. und 25. 11., 9./12./23./25./30.12., 15 Uhr, Theater Konstanz