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STIMMWUNDER: Asaf Avidan – der Schmerzensmann

Asaf Avidan ist einer der wenigen israelischen Sänger seiner Generation, der auch im Rest der Welt ein Star ist. Nun erscheint sein erstes amerikanisches Album.
Olaf Neumann
Asaf Avidan wurde dank seiner weiblich klingenden Stimme weltberühmt. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Asaf Avidan wurde dank seiner weiblich klingenden Stimme weltberühmt. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Olaf Neumann

Erlebt man Asaf Avidan auf der Bühne, traut man seinen Augen kaum. Zu verwirrend ist die Diskrepanz zwischen Stimme und Erscheinung, aber gerade das weibliche Timbre in einem Männerkörper ist das Faszinierende an dem rätselhaft-androgynen Wesen mit Irokesenfrisur. Sein klagender, flehender und leidender Falsett bricht wie eine Naturgewalt aus ihm heraus und ruft Vergleiche mit Janis Joplin und Robert Plant hervor. Andere wiederum fühlen sich an einen liebestollen Kater erinnert.

Avidans Vier-Oktaven-Organ ist extrem modulationsfähig und für den 38-Jährigen ein Instrument, mit dem er bis zur Schmerzgrenze experimentiert. Es geht ihm nicht darum, schön oder perfekt zu singen, sondern sich vorbehaltlos auszudrücken. Seine Konzerte sind grosses melodramatisches Kino mit viel Pathos, aber ohne Zuckerguss. Manchmal schreit er einfach drauf los, und der schrille Ton geht durch Mark und Bein. Ein Leben ohne Qualen wäre für diesen besessenen Künstler irgendwie unbefriedigend und bedeutungslos. Vielleicht hat das ja alles etwas mit seiner Herkunft zu tun. Asaf Avidan wird 1980 in Jerusalem geboren als Sohn eines Diplomatenehepaars. Der Nahostkonflikt begleitet ihn seit seiner Kindheit. Aber vielleicht sind auch die Frauen schuld an seinem Schicksal. Mit 19 kommt Avidan mit einem Mädchen zusammen: Natalie. Sie bringt ihn dazu, Songs zu schreiben und zu singen, indem sie ihm Leonard Cohens «Famous Blue Raincoat» über eine Dreiecksbeziehung vorspielt. Der sensible junge Israeli spürt, dass seine Kunst genauso ehrlich ist wie die des alten Kanadiers. In seiner elektrifizierten Musik hört man jetzt Rock-, Folk- und Flamenco-Elemente, in seinem Gesang Blues- und Gospel-Einflüsse. Asaf Avidan & The Mojos erlangen in ihrer Heimat schnell Berühmtheit, aber ausserhalb Israels blieben sie ein Geheimtipp.

Vom Lokalkünstler zum Weltstar

Bis 2012 ein kleines Wunder geschieht. Der Berliner DJ Wankelmut fertigt ohne Absprache einen Remix von Avidans «Reckoning Song» an. Er verbreitet sich im Netz wie ein Virus. 2012 belegt «One Day/Reckoning Song» wochenlang die Spitze der Charts in Israel und sechs europäischen Ländern. Auf einmal ist der Indie-Rocker ein Star, der im Vorprogramm von Bob Dylan und den Rolling Stones spielen darf. Von Journalisten wird er ständig zur israelischen Politik befragt. «Ich fühle mich nicht israelisch», konstatiert der Künstler 2015. «Uns Israelis verbindet die Angst. Wir sind immer die Verfolgten, und deshalb will ich nicht länger in Israel leben. Ich will diese Angst nicht mehr spüren.»

Sein letztes Soloalbum «Gold Shadow» fasst Klagelieder und dunkle Epen zusammen. Der Sänger hat eine gescheiterte Beziehung auf sehr persönliche Weise verarbeitet. «Ich hatte das Gefühl, dass ich solch eine Langzeitbeziehung nie wieder erleben würde, weil in ihr etwas Selbstzerstörerisches steckt», erzählt er freimütig beim Interview in Berlin. «Ich liess mich eine Zeit lang treiben, bis ich eine Frau traf, die meinen Blick auf eine Liebesbeziehung grundlegend veränderte. Ich lernte von ihr, jemanden zu lieben, ohne ihn zu kontrollieren.»

Album erzählt komplexes Liebesexperiment

Plötzlich setzt er sich sehr gerade auf seinem Sofa auf und zieht seine Jacke aus. Mit seinen grossflächigen Vogel-Tattoos wirkt er wie kurz vorm Abheben. Die letzten zwei Jahre seien ein Experiment gewesen mit verschiedenen Formen von Beziehungen mit dieser Frau, deren Name er nicht nennen will. Und dann verlieben sich die zwei gleichzeitig in eine andere Frau! Avidan liebt die Extreme über alles.

Von diesem komplexen Liebesexperiment erzählt das neue Soloalbum «The Study On Falling». Erstmals hat Avidan eine Platte in den USA aufgenommen. «Die Songs fühlten sich diesmal an, als wollten sie im Kleid der Americana-Musik daherkommen. Ich wollte eine Singer-Songwriter-Platte machen ohne Tricksereien mit meiner Stimme. Ich liebe diese Dylan-Stücke, die über acht Minuten gehen und bei denen fast nichts passiert. Es wird einfach nur eine Geschichte erzählt.»

Asaf Avidans Musik ist ein Aufschrei gegen den grassierenden Populismus. Dass in derselben Woche, in der Leonard Cohen starb, Donald Trump gewählt wurde, ist für ihn kein Zufall. «Für mich war das ein Weckruf: Wir als Gesellschaft müssen wieder nach der Aufrichtigkeit in uns selbst suchen.»

Asaf Avidan

«The Study On Falling» VÖ 3.11.2017 (Universal Music)

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