Stradivari-Fest vor 30 Besuchern: Die Rigi liegt im Strudel der Niagarafälle

Das Stradivari Quartett führte am Wochenende sein Kleinfestival auf der Rigi trotz Corona erfolgreich durch. Die besonderen Bedingungen verstärkten noch das Gemeinschaftserlebnis unter den zugelassenen 30 Besuchern im Hotel Rigi Kulm.

Urs Mattenberger
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Das hochkarätige Stradivari Quartett und der Pianist Oliver Triendl im grossen Saal des Rigi Kulm Hotels.

Das hochkarätige Stradivari Quartett und der Pianist Oliver Triendl im grossen Saal des Rigi Kulm Hotels.

Bild: Manuela Jans-Koch (Rigi, 7. November 2020)

Wer am Samstag zum Stradivari Fest von Vitznau auf die Rigi hochfuhr, schwamm gegen den Strom. Am Nachmittag kamen einem in Gegenrichtung vollbepackte Züge mit Ausflüglern von Rigi Kulm entgegen und bewiesen, dass der einheimische Tagestourismus auf dem Berg bestens funktioniert. Bergwärts dagegen fuhr um diese Zeit gerade mal eine Handvoll Leute, auch deshalb, weil das Geschäft mit ausländischen Touristen längst zum Erliegen gekommen ist.

Beides gilt auch für das Hotel Rigi Kulm, wo das Stradivari Fest jeweils im Herbst Station macht. Das Rigi-Kulm-Restaurant wird tagsüber von Ausflüglern frequentiert, aber Abends herrscht – vor der coronabedingten Schliessung des Hotels Ende nächster Woche – bereits gespenstische Leere. Die einzigen Gäste sind am Wochenende das Stradivari Quartett mit dem Pianisten Oliver Triendl und die 30 Besucher, die im Kanton Schwyz zugelassen sind. Auch die Hotelcrew ist auf ein Minimum reduziert. Nach dem Weg durch leere Gänge aufs Zimmer wundert man sich, wer für das gemeinsame Abendessen nach dem Konzert so leckere Kreationen wie eine Kürbissuppe mit Amaretti auf die Teller zaubert.

Naturspektakel führen mitten hinein in die Musik

Damit macht Corona die Festivalbesucher noch mehr zur verschworenen Gemeinschaft, wofür die Fahrt auf die Rigi eine Art Initiations-Ritual ist. Dessen Höhepunkt am Samstag war der freie Blick aufs Meer, nachdem die Bahn die Nebelschicht durchstossen hatte. Die Nebelmeerwolken, die sich an den Ausläufern des Bürgenstocks stauten, wirkten wie eine gigantische Momentaufnahme der Niagara-Fälle:

Bild: Manuela Jans-Koch (Rigi, 7. November 2020)

Und das Naturspektakel war in seiner Dramatik ein Vorgeschmack auf die romantischen Werke von Robert Schumann und Hans Huber im «Sonnenuntergang»-Konzert vom Samstag Abend.

Dass der Sonnenuntergang vor Beginn des Konzerts dann doch vernebelt wurde, passte wiederum zum mysterösen Anfang von Schumanns Klavierquartett op 47. Dieses begann mit einer zwielichtigen Einleitung, über die zum Schluss Maya Kadoshs Geige wie ein Lichtstrahl streifte. Danach setzte die Interpretation, gefördert durch die trockene Akustik, Dramatik vor Sentimentalität. Das Klavier pochte motorisch an gegen Streicherschmelz, den im langsamen Satz Maja Weber auf dem Cello in Samt und Seide aufblühen liess. Im angriffig verzahnten Finale rang das Quartett der Saalakustik gar orchestrale Wirkungen ab und liess in Schumanns Überschwang die Weite anklingen, die das Panorama hinter der Fensterfront vor Augen hielt.

Das Stradivari-Quartett mit Pianist Oliver Triendl.

Das Stradivari-Quartett mit Pianist Oliver Triendl.

Bild: Manuela Jans-Koch (Rigi, 7. November 2020)

Romantische Leidenschaft aus der Schweiz

Das galt noch mehr für das Klavierquintett in g-Moll von Hans Huber. Klar, das um 1890 entstandene Werk bestätigt das Klischee der typisch schweizerischen Stilverspätung. Aber die Verbindung von Kontrapunktkünsten mit romantischer Expressivität ist so universell, dass dieser Einwand nebensächlich wird. Und es ist durchaus eigensinnig, wie Huber, in einer brüchig intonierten Fuge gleich zu Beginn, immer wieder prägnante Motive umwandelt und zu weiträumigen Entwicklungen verkettet und verdichtet. Im zweiten Satz – Allegrissimo – entwickelt das aus dem Gegensatz von zündender Rhythmik und schwelgerischem Streicherschmelz einen soghaften Rausch. Und das Stradivariquartett spielte das mit dem insistierenden Pianisten Oliver Treindl so drastisch und ohne Scheu vor rauhen Tönen aus, dass die Musik orchestral aufrauschte: Spätestens da war, als würden die Niagarafälle in einem gewaltigen Strudel niederstürzen.

Im langen Satz stand die Kurzatmigkeit von Hubers Motiven der Entwicklung lang ausgesponnener Melodien etwas im Weg. Und im Finale wirkte diese Steigerungstechnik auch als geschäftige Flucht nach vorn. Die unermüdliche Intensität der Wiedergabe durch die Stradivari-Freunde freilich fesselte bis zum Schluss. Und das war umso eindrücklicher, als das ehemalige Quartettmitglied Sebastian Bohren für den ersten Geiger einspringen musste, der coronabedingt verhindert war.

30 Besucher waren den Musikern so nahe wie im Hauskonzert.

30 Besucher waren den Musikern so nahe wie im Hauskonzert.

Bild: Manuela Jans-Koch (Rigi, 7. November 2020)

Die dadurch bedingte Ersetzung des Quartett-Programms durch Streichtrios von Beethovens und Ernö von Dohnanyi unterstrich noch am Sonntag Morgen – vor dem Kaminfeuer im alten Saal – die Vorzüge eines Hauskonzerts. Denn da konnte man die einzelnen Musiker ganz individuell aus der Nähe kennen lernen. Und wie die Geigerin Maya Kadosh und der Bratschist Lech Antonio Uszynski im Werk des Klassikers ihr Vibratospiel den unterschiedlichen Tonfällen anpassten und auch zu einem hochexpressiven Gesang verschmolzen, führte direkt hin zum Werk des Spätromantikers: Ein Programm mit vielen Facetten und doch wie aus einem Guss.

Hinweis: Vom 1. bis 24. Dezember führt das Stradivari Quartett kurze Advents-Mittagskonzerte in Hotels in verschiedenen Regionen der Schweiz durch. Details werden demnächst publiziert unter www.majaweber.com