STRINGS-FESTIVAL: Sofia Gubaidulina: Der Glaube ist ihr ein Grund, zu feiern

Mit zwei Konzerten gratulieren die Festival Strings Sofia Gubaidulina zum 85. Geburtstag: Eine Komponistin, die die Kraft des Glaubens mit archaischer Vitalität verbindet.

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Wird weltweit mit Konzerten gefeiert: Sofia Gubaidulina. (Bild: F. Hoffmann/La Roche)

Wird weltweit mit Konzerten gefeiert: Sofia Gubaidulina. (Bild: F. Hoffmann/La Roche)

«Mein echtes Leben findet in der Einsamkeit statt», sagte die russische Komponistin Sofia Gubaidulina vor vier Jahren im Gespräch mit unserer Zeitung. Man sieht der 85-Jährigen auch deshalb nach, dass sie nicht allen Gratulationskonzerten aus Anlass ihres runden Geburtstags beiwohnt. So musste sie jetzt die Teilnahme an den beiden Konzerten im KKL absagen, die die Festival Strings Lucerne dieses Wochenende dazu beitragen.

Das Pensum, das Gubaidu- ­li­na absolvieren müsste, wäre gewaltig. Denn das Portrait-Konzert am Samstag und das Gala-Konzert am Sonntag sind Teil einer Konzertserie, die seit ihrem 85. Geburtstag letzten Oktober weltweit läuft. Und in der Spitzenorchester von Dresden bis Boston ihren Rang als eine der bedeutendsten Komponistinnen unserer Zeit unterstreichen.

Prominente Bezüge zu Luzern

Dass neben der Carnegie Hall oder dem Wiener Musikverein das KKL Luzern berücksichtigt wird, ist nicht nur dem grossen Renommee der Strings zu verdanken. Denn Gubaidulinas musikalische Biografie ist durchaus mit Luzern verbunden.

Es war auch hier, wo Anne-Sophie Mutter 2007 ihr Violinkonzert («In Tempus praesens») mit den Berliner Philharmonikern zur Uraufführung brachte. Das Luzerner Sinfonieorchester nahm Gubaidulinas «Glorious percussion» für Orchester und solistisches Schlagwerk auf CD auf – zusammen mit dem Violinkonzert mit dem Geiger Vadim Gluzman. Und am Lucerne Festival 2012 war sie als Composer in residence mit Hauptwerken wie ihrer bekannten «Johannes-Passion» vertreten.

«Der Glaube als Kern der Kunst»

Dass der spirituelle Aspekt für ihr Komponieren entscheidend ist, zeigen auch die Programme der beiden Konzerte vom Wochen­ende. So werden im ersten Meditationen von Gubaidulina mit solchen von Bach kombiniert, einem Komponisten, der für eine universale Gläubigkeit jenseits aller Konfessionen steht, zu der Gubaidulina sich bekennt.

Dass das spielerisch-leichte Tonfälle nicht ausschliesst, beweist das Gala-Konzert, wo Gubaidulinas «Concordanza» zwischen Bachs festlichem zweiten Brandenburgischen Konzert und Schostakowitschs übermütigem Konzert für Klavier und Trompete (Reinhold Friedrich) erklingt.

Der Glaube nicht nur als «Kern der Existenz, sondern auch der Kunst» sei heute umso wichtiger, «weil das Sakrale verloren zu gehen droht», meint Gubaidulina: «Viele, gerade junge Leute , richten ihr ganzes Streben auf materielle Dinge aus – und stürzen in eine Sinnkrise. Das ist eine grosse Gefahr für die Menschheit.» Die Musik könne dagegen «die notwendige Distanz zur Aussenwelt» herstellen: «Ich persönlich leide unter der Aussenwelt. Das Leben ist sehr interessant, aber oberflächlich.»

Soundtrack für grosse Emotionen

Damit soll die Musik, wie die Religion, eine Verbindung zwischen der alltäglichen und einer höheren Sphäre herstellen – «zu einem schöpferischen Prinzip, das viele unbekannte Energien schafft». Die «Zwischenwelt», die sich Gubaidulina «voll von vielfältigen Vibrationen» vorstellt, will ihre Musik hörbar machen.

Umso erstaunlicher ist, wie eingängig und eindringlich diese Musik ist. So sehr, dass Filmregisseur Thomas Imbach ihre archaische Kraft als Soundtrack für sein Historiendrama «Mary, Queen Of Scots» nutzte.

Vielleicht, weil Gubaidulina diese Kraft auch aus der Natur schöpft, in die sie sich vor 20 Jahren aus Moskau zurückzog, in ein «Häuschen mit Garten» in der Einsamkeit in der Nähe von Hamburg: «Ich bin für diese Nähe zur Natur unglaublich dankbar. Wenn ich auf das weite Feld hinausblicke, bin ich in meinem Glauben ganz zu Hause.»

 

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch