Spitzweg in Winterthur: Subtile Kritik in beschaulicher Biedermeier-Welt

Carl Spitzweg ist berühmt als Maler kauziger Typen. Das Kunstmuseum Winterthur ist trotz Corona geöffnet und zeigt nun sein Werk.

Christina Genova
Hören
Drucken
Teilen
Spitzwegs Gemälde «Der arme Poet».

Spitzwegs Gemälde «Der arme Poet».

Bild: PD

Diesem Dichter geht es gar nicht gut. Dick eingepackt sitzt er auf Kissen gestützt in der unbeheizten, kargen Dachkammer. Es ist alles andere als ein romantisches Künstlerdasein, dass Carl Spitzweg (1808–1885) in seinem berühmten Gemälde «Der arme Poet» entwirft. Und es steht in Widerspruch zum Dichterideal der damaligen Zeit. Auch wenn man vielleicht im ersten Moment über den kauzigen Typen schmunzelt, der Versmasse zählt, ohne von der Aussenwelt Notiz zu nehmen.

Das Kunstmuseum Winterthur zeigt diese Ikone der deutschen Malerei neben anderen bedeutenden Werken des Biedermeier-Künstlers. Es ist dessen erste grosse Überblicksschau in der Schweiz seit rund 20 Jahren. Gegen 80 Werke hat man dafür zusammengetragen, drei davon stammen aus eigenen Beständen. Ein reich bebilderter Katalog mit wissenschaftlichen Aufsätzen ergänzt die Ausstellung.

Absturzgefährdet und ohne Bodenhaftung

Carl Spitzweg selbst war keineswegs ein armer Künstler, sondern durch das väterliche Erbe finanziell gut abgesichert. Er zog sich auch nicht in sein Atelier zurück, sondern war wohl der meistgereiste deutsche Künstler seiner Zeit. Er war nicht nur in Italien, sondern auch in Paris, London, Brüssel oder Prag. Und er lebte in der pulsierenden süddeutschen Metropole München.

In seltsamen Widerspruch dazu stehen Spitzwegs Gemälde, die verschrobene Menschen in ihrer kleinen, abgeschlossenen Welt darstellen. Dieser Rückzug ins Private ist typisch für die Zeit des Biedermeier, in welcher die absolutistischen Machtverhältnisse der vornapoleonischen Zeit wiederhergestellt worden waren, und die von Repression und Zensur geprägt war. Den Kuratoren David Schmidhauser und Andrea Lutz gelingt es jedoch, in der Ausstellung das Bild von Spitzweg als einem Maler des Beschaulichen zu relativieren. Sie zeigen auf, dass der Autodidakt, der für die Kunst sein bürgerliches Leben als Apotheker aufgegeben hatte, es durchaus verstand, seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen subtil in seine Gemälde einzubauen.

Dass die Abkoppelung von der realen Welt ihre Gefahren mit sich bringt, stellt Spitzwegs in seinem berühmten Gemälde «Der Bücherwurm» dar. Der Gelehrte in altmodischer Kleidung ist in seiner bis an die Decke mit Büchern gefüllten Bibliothek ganz in die Lektüre von metaphysischer Literatur vertieft. Ein Buch klemmt unter seinem Arm, ein weiteres zwischen seinen Beinen, zwei Bände hält er in den Händen. Er scheint auf seiner Bücherleiter zu schweben, die Bodenhaftung hat er gänzlich verloren. Das Lächeln über die skurrile Figur bleibt einem im Halse stecken, wenn man sich seiner prekären Lage bewusst wird.

Die Überhand nehmende Militarisierung und Überwachung in seiner Zeit zieht Spitzweg ins Lächerliche, indem er strickende oder gähnende Wachsoldaten in idyllischen Landschaften malt – weit und breit ist keine Gefahr in Sicht. Über die zahlreichen Grenzkontrollen macht der Künstler sich im Gemälde «Wo ist der Pass?» mit einem Wortspiel lustig. Die Frage wird von einem Polizisten an fahrende Musiker gerichtet, die auf freiem Feld eine Rast eingelegt haben. Einer der Musiker gibt Antwort, indem er auf sein Instrument, den Bass deutet. Ob dies frech oder naiv gemeint ist, bleibt offen.

Bis 2.8., Das Kunstmuseum Winterthur bleibt vorläufig geöffnet. Führungen werden auf 20 Personen beschränkt.