Suchen, finden und loslassen

Barbara Gwerder lebte ein Jahr in den Bergen. Eine vielschichtige Grenzerfahrung, wie ihre Ausstellung in der Kunsthalle zeigt.

Giulia Bernardi
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Barbara Gwerder in ihrer Ausstellung in der Kunsthalle.

Barbara Gwerder in ihrer Ausstellung in der Kunsthalle.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 9. Januar 2020)

Verschneite Berglandschaft, stahlblauer Himmel. Eisiger Wind pfeift durch die unendliche Weite, fernab von allem. Und Barbara Gwerder ist mittendrin. Die grossformatige Tafel trägt sie auf dem Rücken, die harte Kante schmerzt auf der weichen Handfläche, währenddessen die bissige Kälte ihre Finger langsam taub werden lässt. Gwerder stampft durch den Schnee, bis sie den richtigen Ort gefunden hat. Dort bleibt sie stehen, beobachtet, beginnt zu malen.

Ein Jahr verbrachte die Innerschweizer Künstlerin im Muotatal und auf der Ruosalp; auf 1800 Meter, bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad. «Ich habe einen Ort gesucht, der mich herausfordert, mich an meine Grenzen bringt. Ich wollte herausfinden, was mit meiner Malerei passiert.»

Auch das Wetter malt mit

Inmitten der Schwyzer und Urner Alpen entstanden mehr als 80 Bilder der schroffen Landschaft, wovon einige in ihrer Ausstellung «Mitten im Motiv» zu sehen sind. Mal sind die Malereien figurativ, mal abstrakt, mal wird die Farbe mit dem Pinsel, mal mit der Hand aufgetragen und mit gestischen Bewegungen auf dem Bildträger verteilt. Auch das Wetter malt mit: Der Wind bläst die Farbe quer über die Tafel, während der Regen feine Spuren darauf hinterlässt. Das Licht verändert sich fortlaufend, der Nebel hüllt im einen Moment die Landschaft ein, um sich im nächsten wieder zu verflüchtigen. «Es entstehen dauernd neue Bilder desselben Ortes», sagt Barbara Gwerder. «Im Gegensatz zur Fotografie kann ich in der Malerei verschiedene Perspektiven auf einem Bild zusammenbringen, das ist das Spannende daran.»

Diese Dynamik wird in ihren Bildern spürbar: die groben Pinselstriche, die ineinanderfliessenden Farbflächen. Schliesslich sei Malen ja auch ein bisschen wie Tanzen, sagt die 53-Jährige und steht dabei nie still, bewegt sich in der Kunsthalle vom einen Bild zum nächsten, gestikuliert, ihr ganzer Körper redet mit.

Herkommen und Hingehen

So idyllisch ihre Reise klingen mag: Sie war auch anstrengend. Die extremen Wetterbedingungen, das Leben in der Alphütte, alleine, ohne fliessendes Wasser. «Oft idealisiert man die Vorstellung von Einsamkeit, sich an einem abgelegenen Ort der eigenen Arbeit hinzugeben. Vermutlich bin ich die Sache etwas naiv angegangen», sagt sie und schmunzelt.

Der raue, mystische Ort trieb Barbara Gwerder nicht nur körperlich, sondern auch emotional an ihre Grenzen. «Einerseits war da diese allumfassende Ruhe, das Gefühl von Freiheit, als ob die Welt mir gehöre», erinnert sie sich. «Andererseits ging die Ruhe auch mit einer gewissen Einsamkeit einher: die Nächte, die nie vorübergehen, das Warten, das Ausharren.»

So begann sie Edelweisse aus Tannenholz zu schnitzen, wovon rund 3000 Exemplare entstanden. «Ich musste nachts etwas zählen, mich irgendwie beschäftigen, wenn ich nicht malen konnte.»

Heute erinnern sie die Blumen an die Gefühle, die sie ­damals hatte: «Es ist wichtig, nicht zu vergessen woher man kommt, um zu wissen, wohin man geht», sagt die Künstlerin und blickt auf die Schnitzereien, die nun auf einem Podest liegen. Eine Reminiszenz an eine vergangene Zeit, an die ambivalenten Gefühle, an den Fleiss, den Frust, die Genug- tuung.

Das Gewohnte hinter sich lassen

«Es war mir wichtig, in dieser Ausstellung jene Bilder zu zeigen, auf denen sich die Berge immer mehr auflösen, bis sie nur noch schemenhaft erahnt werden können», erklärt Barbara Gwerder. Denn sie möchte nicht nur das abbilden, was sie sieht, sondern einen Schritt weitergehen, das Gewohnte hinter sich lassen.

Und schliesslich geht es ihr auch darum, sich vom Erlebten zu verabschieden und es weiterzugeben. «Es ist nicht mehr wichtig, was ich gesehen habe, sondern das, was meine Arbeit bei den Besucherinnen und Besuchern auslöst.»

Ausstellung in der Kunsthalle Luzern bis 15. März. Filmvorführung «Über den Tannen» von Esther Heeb, die die Reise von Barbara Gwerder dokumentiert. Am 1. und 16. Februar sowie 15. März im Stattkino. Löwenplatz 11, Luzern.