Südkoreaner jubeln über vier Oscars – Netflix steht als Verlierer da

Das Schweizer Fernsehen übertrug die Oscar-Nacht live. Wir haben sie uns angesehen. Zu den Siegern gehören der südkoreanische Streifen «Parasite» und zwei Weltkriegs-Stoffe.

Daniel Fuchs
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Regisseur und Produzent Bong Joon-ho präsentiert die Oscars, die er mit «Parasite» abgeräumt hat.

Regisseur und Produzent Bong Joon-ho präsentiert die Oscars, die er mit «Parasite» abgeräumt hat. 

Richard Shotwell/Invision/AP

Nur die Schweizer Filmregisseurin Sabine Boss ahnte im Studio des Schweizer Fernsehens, dass der südkoreanische Film «Parasite» die Sensation schafft. Da war es nach 5 Uhr in der Früh, der Film hatte soeben den Oscar für die beste Regie erhalten. Noch im Studio: Xavier Koller, selbst Oscar-Preisträger und Mitglied der Oscar-Akademie und der Schweizer Schauspieler Max Hubacher («Der Verdingbub»). Sie halten an ihren Tipps für «Marriage Story» und «Joker» fest. Nur Boss schwenkt nach dem Überraschungserfolg beim Regiepreis um und tippt auf «Parasite».

Die Oscar-Nacht ist bereits lang, die Champagnergläser aber sind noch immer voll. Im SRF-Studio machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Doch Sabine Boss soll Recht bekommen. Ganze vier Mal räumt die südkoreanische Produktion ab, die auch bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes vor fast einem Jahr die Jury überzeugte. Nach dem besten Drehbuch, dem besten fremdsprachigen Film und der besten Regie beansprucht er auch den Oscar für den besten Film für sich.

Die Gewinnerinnen und Gewinner der wichtigsten Oscars

Joaquin Phoenix wurde als  bester Hauptdarsteller für seine Rolle als «Joker» ausgezeichnet.
13 Bilder
Joaquin Phoenix wurde als  bester Hauptdarsteller für seine Rolle als «Joker» ausgezeichnet.
Als beste Hauptdarstellerin wurde Renee Zellweger für «Judy» ausgezeichnet.
Als beste Hauptdarstellerin wurde Renee Zellweger für «Judy» ausgezeichnet.
Bong Joon Ho wurde als bester Direktor für den Film «Parasite» ausgezeichnet.
Han Jin Won (links) und Bong Joon Ho, Gewinner des Awards für den besten Film: «Parasite». Die südkoreanische Satire hat insgesamt vier Auszeichnungen gewonnen.
Laura Dern gewann den Oscar als beste Nebendarstellerin im Film «Marriage Story».
Den Oscar für den besten Nebendarsteller gewann Brad Pitt für seine Rolle im Quentin-Tarantino-Film «Once Upon a Time in Hollywood».
Laura Dern (links) und Renee Zellweger an den Oscars 2020.
Joaquin Phoenix, Renee Zellweger und Brad Pitt an den Oscars 2020.
Jane Fonda kündigt den Oscar für das beste Bild an, welcher an den Film «Parasite» geht.
Kwak Sin Ae (links) und Bong Joon Ho: Der Film «Parasite» gewinnt den Oscar für das beste Bild.
Bong Joon Ho (rechts) freut sich für die Auszeichnung des besten Bildes für den Film «Parasite».

Joaquin Phoenix wurde als bester Hauptdarsteller für seine Rolle als «Joker» ausgezeichnet.

Bild: Chris Pizzello / AP

Zwei Weltkriegs-Filme ausgezeichnet

Die 92. Verleihung der Oscars in Hollywood fand auch dieses Jahr ohne Moderation statt. Da tat es gut, dass SRF eine Runde mit interessanten Gästen einberief. Eine solche Einbettung hilft, dass der Zuschauer es schafft, sich die fast vierstündige Oscar-Show und damit eine halbe Nacht um die Ohren zu schlagen.

Was aber waren die Trends dieser 92. Oscar-Verleihung? Neben «Parasite» mit insgesamt vier Oscars gehören zwei Weltkriegs-Stoffe zu den Siegern: der Erst-Weltkriegs-Stoff «1917», der insinuiert, als ein einziger Take gefilmt geworden zu sein, und die Nazi-Satire «Jojo Rabbitt». «1917» erhielt drei Oscars, darunter einen wenig überraschend für die beste Kamera. «Jojo Rabbitt» wurde mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.

Enttäuschende Netflix-Bilanz

Zu den überraschenden Verlierern gehört das Fernseh-Studio Netflix, das endlich einen Oscar in der Königskategorie, dem besten Film, abholen wollte. Gleich mit vier Produktionen war Netflix im Oscar-Rennen, den Spielfilmen «Marriage Story», «The Two Popes» und «The Irishman» sowie dem Dok «American Factory». Mit insgesamt 24 Oscar-Nominierungen schwamm Netflix im Vorfeld obenauf. Das Studio dominiert zwar die Unterhaltungsindustrie, die Bilanz bei den Oscars aber muss enttäuschen. Einen Oscar gab es gerade einmal für Laura Dern als beste weibliche Nebenrolle in «Marriage Story», wo sie eine nervende Scheidungsanwältin spielt. Und «American Factory», einem von Barack und Michelle Obama mitproduzierten Dokumentarfilm über die Übernahme einer Fabrik in Ohio durch Chinesen.

Das Mafia-Epos «The Irishman» vom Grandseigneur des Autorenkinos Martin Scorsese hingegen ging leer aus. Ebenso «The Two Popes» über die Männerfreundschaft der beiden Päpste Benedikt XVI und Franziskus.

Weniger überraschend sind die beiden Oscars für die besten Hauptdarsteller. Renée Zellweger, die Wurzeln in der Schweiz hat, erhielt ihn für ihre Rolle in «Judy». Ihre Dankesrede wirkte sich bei SRF eher negativ auf den Zustand der Studiogäste und Zuschauer aus. Hollywood und die Zuschauer aufzurütteln versuchte dagegen Joaquin Phoenix mit seiner Rede nach der Auszeichnung als bester Hauptdarsteller in «Joker». Der Film über den Antagonisten von Batman enttäuschte insgesamt, holte aber dennoch insgesamt zwei Oscars ab. Der Oscar für den besten Nebendarsteller geht an Brad Pitt in Quentin Tarantinos «Once Upon A Time… in Hollywood», der mit insgesamt zwei Oscars gleichauf schwingt wie «Ford vs. Ferrari».

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