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SÜDPOL: Halt, loslassen!

«A’void» heisst die Tanzproduktion des Luzerner Soom Project im Südpol. Das berauschende Stück geht multimedial menschlichen Verhaltensweisen nach.
Edith Arnold
Hyun Jin Kim und Deborah Gassmann (im Hintergrund) sind zusammen das Soom Project. (Bild: Ingo Höhn/Soom Project (Kriens, 14. November 2017))

Hyun Jin Kim und Deborah Gassmann (im Hintergrund) sind zusammen das Soom Project. (Bild: Ingo Höhn/Soom Project (Kriens, 14. November 2017))

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Das Einzige, was sich auf der Bühne bewegt, ist dieser Sand. Von den Händen des Darstellers rinnt er auf den Boden, wo er zwei Häufchen bildet. Doch rinnt er wirklich, so im Scheinwerferlicht? Die menschliche Sanduhr scheint jedenfalls ewige Minuten zu dauern. Nichts weiter passiert auch nebenan auf der Bühnenmitte in diesem Raum im Raum. Wie Möbel stehen die beiden Darstellerinnen an den Innenwänden, in langen Mänteln, den Rücken zum Publikum.

Und während man zu Beginn der Tanzperformance dasitzt, mit den Augen eine lange Zeit von einem erstarrten Körper zum anderen schweift, fragt man sich möglicherweise: «A’void» – was bedeutet der Titel des Stücks nun genau? Vermeiden? Auch Leere? Einer Leere aus dem Weg gehen? Im Programm von Soom Project heisst’s: «Wir finden uns häufig in Situationen wieder, in denen wir (…) etwas loslassen müssen. Die Angst vor dem Verlust und der Versuch, etwas zu bewahren, führen uns jedoch dazu, das Festhalten fast zum Prinzip zu erklären.»

Industrial aus dem Hause Burrell

Was ist anstrengender: festhalten oder loslassen, zuschauen oder tanzen? Die dumpfen Töne in der eisigen Halle verdichten sich zu einem wabernden Industrial, der an Nine Inch Nails erinnert, aber von Philipe Burrell stammt. Die Ränder der coolen Bühnenarchitektur leuchten nun grell auf. Sie zeigen den Raum, wie er gegen hinten verflüchtigt. Endlich, ein «Möbel» dreht sich: Hyun Jin Kim ist’s! Die südkoreanische Tänzerin begibt sich unter eine Scheinwerfersonne und streckt ihr die Arme entgegen. Die Bewegungen werden mechanischer, immer mechanischer und schneller.

Aus der Starre löst sich etwas später auch die zweite Tänzerin. Der Radius von Deborah Gassmann bleibt allerdings klein. Die Luzernerin trippelt auf Stöckelschuhen noch weiter in die Enge des Raumes, bis es fast nicht mehr geht, um sich dort auf einen Stuhl zu setzen. Dabei vibriert die Atmosphäre mehr und mehr. Der Sound wirkt wie ein Thriller.

Loslassen? Nein, festhalten – bis sich alles ringsum zu bewegen beginnt! Das Innenleben kehrt sich nach aussen. Vertraute Wände wackeln, rütteln und schütteln sich. Ein Erdbeben in silbrigem Licht mit Blitzen. Die Luft zerreist. Wammm! Ruhe nach dem Sturm. Heiterkeit schon fast: Von weit her erklingen Sequenzen aus Giuseppe Verdis Oper «La Traviata». Was auf Italienisch «die vom Weg Abgekommene» bedeutet. Aus der Enge zuhinterst im Raum eröffnet sich ein Fenster mit traumhafter Landschaft. Und siehe da: Aus dem Stein in der entfernten Natur entwickelt sich ein Mensch: Patric Gehrig. Wenig später steht der Luzerner Schauspieler in Unterhosen dort, wo er am Anfang war.

Bei diesen Szenen wird die Produktion zu einem kunstvollen, multimedialen Ereignis. Auch wegen der Videoeinblendungen von Kevin Graber und Patrick Portmann, die von verschiedenen Seiten auf die Rauminstallation wirken. Müller/Tresch haben dazu halbtransparente weisse Stoffe auf Holzlatten gespannt. Und weil das Ganze als Gemeinschaftsprojekt überzeugt: Fürs Licht ist Remo Merz zuständig. Und die Kostümverantwortliche, Coline Jud, wird am Ende zeitgemäss ins Team gebeamt.

Alles wird herausgeschüttelt

Nun aber zu den Unterhosen: Existenziell bekleidet, lässt Patric Gehrig alles Mögliche los, in dem er es aus sich herausschüttelt. Zunächst vibriert nur sein Arm, bald der Oberkörper samt Stimme. Wer ist hier Bewegungsprofi? Gleichzeitig zucken bei Gassmann im Psychoraum zunächst die Füsse, dann der ganze Körper inklusive Haarmähne. Wie ein Schmetterling zieht dagegen Kim von einem zum anderen Ort auf der Bühne. Jedem seine Individualität im selben Raum.

Die inzwischen fünfte abendfüllende Produktion der beiden Tänzerinnen scheint der vorläufige Höhepunkt. Bei Philippe Saire in Lausanne und im Tanzhaus Zürich ist sie entstanden, im Südpol wurde sie vollendet. Zum Schluss stopft Patric Gehrig das Laub in den Mantel. Die trockenen Blätter also, welche irgendein Baum zuvor losgelassen hat. Eine schöne Metapher.

Hinweis

Weitere Vorstellungen im Südpol am 16., 17. und 18. November.

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