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SÜDPOL KRIENS: Kranführer mit Altlasten

Das Luzerner Kollektiv Zellstoff betrachtet in seiner neuen Inszenierung im Südpol die Welt aus der Sicht eines Kranführers. Trotz genialem Konzept – die Umsetzung könnte besser sein.
Julia Stephan
Patric Gehrig als Kranführer Markus im Theaterhaus Südpol: Von oben sieht er alles, aber sieht er die Dinge, wie sie sind? (Bild: Ingo Höhn/PD)

Patric Gehrig als Kranführer Markus im Theaterhaus Südpol: Von oben sieht er alles, aber sieht er die Dinge, wie sie sind? (Bild: Ingo Höhn/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Ist es Überblick oder Überheblichkeit? Berufstätige, die in ihrer Arbeit fürs grosse Ganze Details ausblenden, hören den Vorwurf der Arroganz andauernd. Auch Schreibtischtäter und Intellektuelle gelten schnell mal als abgehoben. Nicht zu Unrecht: Was, wenn dieser kühle, distanzierte Blick von oben tatsächlich die Tatsachen auf dem Boden nicht mehr sieht?

Der Sarner Theaterautor Dominik Busch, als promovierter Philosoph mit den schwer auflösbaren Widersprüchen zwischen Theorie und Praxis gut vertraut, hat für die Luzerner Theater­gruppe Zellstoff ein Stück geschrieben. Es verpflanzt diesen Konflikt dahin, wo Anpacken mit der Hand und der Blick für Details zumindest aus Sicht eines Schreibtischtäters noch gang und gäbe ist: auf die Baustelle.

Riesiger Holzkran beherrscht die Szenerie

Ähnlich wie schon bei ihrer Inszenierung in der inzwischen abgerissenen Luzerner Himmelrich-Siedlung nahm sich die Gruppe bewusst nur wenige Tage Zeit für Proben. Bei der Erstellung des Baugerüstes ist aus dem ursprünglich dialogisch angedachten Stück der Monolog eines ­einsamen und cholerischen Kranführers namens Markus geworden. Der schleppt familiäre Altlasten (ein unbekannter Vater) mit sich herum, hat ein schwer abzuschüttelndes Laster (Rauchen) und findet es die Höhe, wenn den Kollegen am Boden aus fehlender Übersicht wieder mal Fehler unterlaufen.

Bei der Premiere am Donnerstagabend im Krienser Südpol wurden die Zuschauer dank des grossartigen Holzkrans der Künstlerin Saskya Germann, dessen Führerkabine vor den Augen der Zuschauer schwebte, zum Komplizen. Der Kran machte den Bühnenboden mit seiner raumfüllenden Präsenz sinnigerweise zum dunklen Fleck der Geschichte. Was wir sehen, ist die Führerkabine. Was wir hören, sind die rhythmischen Baugeräusche aus der Tuba von Marc Unternährer. Doch was sich wirklich auf dem Boden abspielt, erfahren wir nur von Markus’ Monolog.

Und der rauscht wie ein Strom durch den Schauspieler ­Patric Gehrig hindurch. Der betritt im Karohemd und mit fein säuberlich in Tupperware ein­gedosten Äpfeln und gerüsteten Gemüsestücken die Kabine wie der Wanderer einen Gipfel, um den Arbeitstag mit der Pedanterie eines Beamten zu beginnen.

Die Angst auf Distanz halten

Wie immer ist die grosse Stärke von Dominik Buschs Stücken auch ihre grösste Schwäche: Wieder ist die Konstruktion derart formschön, dass man ins Schwärmen kommen könnte ob der vielen thematischen Bezüge. Wir hören Markus zu, wie er von seiner sterbenden Mutter erzählt. Als der Arzt die tödliche Diagnose stellt, weiss er auch dann nicht seinen distanzierten Blick von oben gegen einen liebevollen abzutauschen. Stattdessen betrachtet er das lichte Haar seines Bruders.

Wir begreifen: Die Wahrheit kann dieser Mann nur ohne Gegenüber aussprechen, weil er die Wahrheit fürchtet. Hinter der Maske dieses Cholerikers – seinen Arbeitskollegen sagt er die Meinung nicht ins Gesicht, sondern speit sie mit viel Galle in der Führerkabine aus – sitzt ein zutiefst verunsicherter Mensch.

Dennoch wird es für Patric Gehrig mit Fortschreiten der Zeit schwieriger, diese One-Man-Show über eine Stunde durchzuziehen. Spricht so ein Kranführer wirklich oder ein am Schreibtisch entworfener? Der Text mit seinen in die Vergangenheit weisenden Hilfssätzen («du stehst», «du sitzt», «du sagst») bleibt letztlich eine Hilfskonstruktion für eine Geschichte der Einsamkeit, die als Monolog zu erzählen zwar reizvoll ist, der etwas Mehrstimmigkeit dennoch gut getan hätte.

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