«Superautor» Thomas Pynchon treibt Anonymität ins Extreme

Thomas Pynchon (80) ist das Phänomen der US-Literatur: Neun gefeierte Romane hat er bisher veröffentlicht. Interviews gibt es keine. Jedes Jahr wird er erneut für den Literaturnobelpreis gehandelt. Aber wie der Autor aussieht, weiss so gut wie niemand.

Christine Horsten (dpa)
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Dieses undatierte Jugendbild ist eines der ganz seltenen Fotos von Thomas Pynchon. (Bild: PD)

Dieses undatierte Jugendbild ist eines der ganz seltenen Fotos von Thomas Pynchon. (Bild: PD)

Es gibt nur wenige jahrzehntealte Fotos, die einen jungen Mann mit vorstehenden Schneidezähnen zeigen. In den 90er-Jahren soll er noch einmal als weisshaariger Familienvater abgelichtet worden sein. Aber war er es wirklich?

Auch mit Preisen kann man ihn nicht anlocken

Thomas Pynchon lebe zurückgezogen mit seiner Ehefrau, einer Literaturagentin, auf der noblen New Yorker Upper West Side, heisst es. Das Paar habe ein gemeinsames Kind. Bestätigt hat Pynchon das alles nie, Fragen beantwortet er nicht. Zu Preis-Galas erscheint er nie, selbst wenn mal wieder eines seiner Bücher nominiert ist. Und seit seinem bislang letzten Roman «Bleeding Edge» (2013) ist es ohnehin ruhig um ihn geworden.

Geboren wurde der Schriftsteller 1937 in eine neuenglische Puritanerfamilie auf Long Island bei New York. Er studierte Physik und Literatur, diente bei der Marine und schrieb für eine Firmenzeitung. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten schaffte er schon mit seinem ersten Roman «V.» (1963) den Durchbruch und wurde rasch als einer der grössten Schriftsteller der amerikanischen Gegenwartsliteratur gefeiert. Doch ebenso rasch tauchte er ab. Pynchon hat Anonymität ins Extrem getrieben und trotzdem unzählige Fans weltweit.

Schon in «V.», der preisgekrönten Story einer geheimnisvollen Frau, die immer in historisch entscheidenden Momenten auftaucht, sind seine Grundthemen erkennbar: die Angst vor der undurchschaubaren modernen Wirklichkeit und die Suche nach einer Ordnung für den Einzelnen im Chaos der Geschichte.

Vom Monsterroman bis zum leicht lesbaren Krimi

Sein Vielseitigkeit ist beeindruckend: «Die Versteigerung von No. 49» (1966) wird zum Kultbuch der 68er Generation. «Die Enden der Parabel» (1973) ist eine Fabel mit unzähligen Handlungssträngen und Hunderten Figuren im Europa des Zweiten Weltkriegs, «Vineland» (1990) ein historischer Ausschnitt aus der Zeit der Wiederwahl von US-Präsident Reagan. «Mason & Dixon» (1997) wird wegen der psychologischen Tiefe als Meisterwerk gefeiert. «Gegen den Tag» (2006) ist in der deutschen Fassung fast 1600 Seiten lang und spannt den Bogen von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, «Natürliche Mängel» (2010) ist dagegen ein leicht geschriebener Detektivroman.

Pynchon spielt mit Irrungen, Wendungen und immer neuen Randfiguren und macht es dem Leser nie einfach. «Niemand weiss, was es heisst, Pynchon zu lesen», meinte der Autor Jonathan Lethem. «Das herauszufinden, ist wie die Lektüre selber. Man ist damit niemals fertig.»

Christine Horsten (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch