«Superhelden interessieren mich nicht!»: Yakari-Erfinder Derib im Interview über seinen ersten Kinofilm

Die Abenteuer-Geschichten der Comic-Figur Yakari stammen aus der Feder von zwei Schweizern. Zeichner Claude de Ribaupierre, bekannt unter dem Namen Derib, spricht über den Erfolg der Comicserie, die stereotype Darstellung von indigenen Völkern in Filmen – und Globi.

Benjamin Weinmann aus Genf
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Derib (76) zeichnet täglich sechs bis acht Stunden in seinem Studio in La-Tour-de-Peilz im Kanton Waadt: «40 Prozent davon widme ich Yakari.»

Derib (76) zeichnet täglich sechs bis acht Stunden in seinem Studio in La-Tour-de-Peilz im Kanton Waadt: «40 Prozent davon widme ich Yakari.»

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Der Sioux-Junge Yakari ist in der Comic-Welt seit den 60er-Jahren eine feste Grösse. Seine Bücher und Zeichentrick-Episoden unterhalten bis heute viele Kinder. Erfunden wurde der kleine Held der amerikanischen Ureinwohner, der mit Tieren sprechen kann, von zwei Schweizern, dem Texter André Jobin und dem Waadtländer Zeichner Claude de Ribaupierre – bekannt unter dem Namen Derib. Nun kommt erstmals ein Yakari-Film in die Kinos. Zeichner Derib (76) spricht im Interview über die Entstehungsgeschichte, den Comic-Graben zwischen der Deutsch- und Westschweiz und Kritik an stereotypen Western-Geschichten.

Sie haben Yakari 1969 zusammen mit dem Texter André Jobin (Job) erfunden. Woher kam die Inspiration für die Figur?

Derib: Die Idee zu Yakari hatte ich schon früher, 1965 als ich an den Schlümpfen für Autor Peyo mitzeichnete. Ich hatte damals viel freie Zeit an der Arbeit, und ich hatte den Traum eine eigene Comicfigur zu kreieren. Irgendwann brachte ich dann Yakari aufs Papier. Ich behielt ihn aber in der Schublade, bis ich André Jobin kennenlernte. Und zusammen haben wir 1969 dann Yakari zum Leben erweckt.

Wie Karl May waren Sie selber nie in den USA, erzählen aber Geschichten über die Sioux. Wie geht das?

Ich war immer von den Indianern fasziniert (Anm. d. Red.: Derib spricht auf Französisch stets von «Indiens», Indianern, nicht von amerikanischen Ur-Einwohnern). Ich habe in Büchern recherchiert, habe mit Indianern in Frankreich über ihr Leben gesprochen, und sie haben mir über ihre Probleme als Minderheit erzählt. Man muss nicht immer vor Ort recherchieren. Das sah man auch bei Hergé.

Dem Erfinder von Tim und Struppi.

Genau. Er begann erst am Ende seiner Karriere zu reisen. Dabei spielen seine Geschichten überall auf der Welt.

Superhelden-Comics haben in den letzten Jahren ein Revival erlebt mit Blockbuster-Verfilmungen wie «The Avengers» oder «The Dark Knight». Wollten Sie nie einen Superhelden schaffen?

Nein, Superhelden interessieren mich überhaupt nicht!

Nun kommt Yakari in die Kinos. Weshalb hat es so lange gedauert?

Es brauchte viel Zeit, um die Finanzierung sicherzustellen. Es ist einfacher, eine TV-Serie zu produzieren. Es gibt über 150 Yakari-Episoden. Was am Ende half war der Erfolg der Serie in Deutschland. So konnten wir auch deutsche Geldgeber an Bord holen. Und ich habe mehrere Drehbücher abgelehnt, bis ich mit der Geschichte zufrieden war.

Keine Angst, dass die Leute wegen der Pandemie nicht ins Kino gehen?

Ich bin zuversichtlich. In der Romandie ist der Film bereits Mitte August in die Kinos gekommen und er läuft immer noch. In Deutschland wird er ebenfalls bald starten und dort erwarte ich sogar einen noch grösseren Erfolg als in der Schweiz, in Frankreich und Belgien.

Was macht für Sie den Reiz aus an einem Animationsfilm im Vergleich zu einem Comic?

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Der erste Film, den ich gesehen habe, war Bambi und ich musste ständig heulen. Ein Film kann den Zuschauer während ein, zwei Stunden in seinen Bann ziehen. Der Comic ist eine andere Kunst. Man kann ihn sich mehrfach und im Detail anschauen, man kann nach vorne oder hinten blättern und ihn auf einem Kissen lesen. Dadurch, dass man den Comic in den Händen hält, hat er etwas sehr Affektives an sich.

Für viele Deutschschweizer ist Yakari Kindheitsnostalgie. Ansonsten hat es die Comic-Kultur hingegen schwer ennet der Saane. Wie erklären Sie sich das?

Die Deutschschweizer interessieren sich viel mehr für die US-Superhelden. Gut, es gibt Globi, aber das ist kein klassischer Comic. In südeuropäischen und skandinavischen Ländern ist das Interesse an französischen und belgischen Comics deutlich grösser. Eine Erklärung habe ich dafür nicht. Das hat wohl mit der Kultur zu tun. In deutschsprachigen Ländern ist die US-Kultur präsenter.

«Yakari - der Film» startet diese Woche in Deutschschweizer Kinos.

«Yakari - der Film» startet diese Woche in Deutschschweizer Kinos.

Zvg / Aargauer Zeitung

Sie haben Globi erwähnt. Kennt man ihn überhaupt in der Romandie?

Ich glaube in der Romandie gibt es ausser mir nur ganz wenige Leute, die Globi kennen. (lacht) Aber mir ist bewusst, dass er in der Deutschschweiz praktisch ein Nationalheld ist!

Berühmt ist auch Winnetou…

Ah, Winnetou! Als wir mit unseren Eltern als Kinder campen gingen, erzählte uns mein Vater die Geschichten von Winnetou. Wahrscheinlich entstand da meine Liebe für die Indianer. Ich liebte schon immer ihre Pferde und war von ihren Reiterkünsten fasziniert. Als ich zehn war, beschloss ich, dass ich irgendwann Comics über Indianer zeichnen werde.

In den vergangenen Jahren wurde vermehrt Kritik an westlichen Erzählungen über indigene Völker laut, so auch an Winnetou von Karl May. Der Fachbegriff lautet kulturelle Aneignung. Dabei kommerzialisiert der Westen eine diskriminierte Kultur mit Hilfe von Stereotypen. Wie sehen Sie das?

Die alten, amerikanischen Western-Filme mit John Wayne und von John Ford zeichneten ein völlig falsches Bild von Indianern. Erst realistischere Filmen wie «Der mit dem Wolf tanzt» mit Kevin Costner wurden den Indianern und ihren Werten gerecht. Von solchen Erzählungen fühlte ich mich viel stärker angesprochen und auch ich wollte den Werten und der Spiritualität der Indianern stets gerecht werden. Meine realistische Comic-Reihe «Red Road» erzählt vom Leid der Indianer, dem Abschlachten von Büffel durch die Weissen und ihren Problemen in der Gegenwart.

Yakari zeigt aber ein sehr vereinfachtes Bild der Sioux...

Yakari hat keinen Anspruch, ein komplettes Bild der Indianer zu zeigen. Yakari ist Unterhaltung für Kinder. Es geht um das Verhältnis zu unserer Erde, den Respekt vor dem Leben und die Vielfalt der Tiere. Yakari kann mit ihnen sprechen und erlebt Abenteuer mit Bisons, Bären und Adlern. Und es gibt immer ein Happy-End. Es sind Fabelgeschichten, die nichts mit der Welt der Indianern zu tun. Überhaupt: Die Geschichten von Yakari finden vor der Ankunft der weissen Siedler aus Europa statt.

Yakari ist ein Sioux. Haben Sie mit Sioux-Vertretern über ihre Comics gesprochen?

Ja, ich kannte in Frankreich einige Sioux sehr gut. Und sie sagten mir, dass meine Bilder sehr nahe an der Realität waren.

Finden Sie es in Ordnung, wenn sich westliche Kinder zur Fasnacht als amerikanische Ureinwohner verkleiden, mit stereotypen Kleidern und Federn auf dem Kopf?

Die Kinder machen, was sie wollen. Manchmal verkleiden sie sich als Spiderman, als Geist während Halloween oder als Manga-Charakter wie aus den japanischen Comics. Das ist ein Zeichen des Erfolgs, auch von Yakari.

In den 90er-Jahren haben Sie auch sehr ernsthafte Comics gezeichnet, zum Thema Aids und Prostitution. Hatten Sie irgendwann genug von Kindergeschichten?

Das nicht. Aber in jener Zeit waren Drogen- und Gewaltprobleme sehr präsent und ich hatte Kinder, die ich für solche Themen sensibilisieren wollte. Leider gibt es ja auch heute noch viele Mädchen, die sich prostituieren, um ihr Studium zu finanzieren. Die Form des Comics gab mir die Möglichkeit, einen Dialog mit Jugendlichen eröffnen. Zuletzt habe ich ein Buch über den Maler Ferdinand Hodler mit Comic-Illustrationen publiziert, eines über die «Patrouille des Glaciers» und die Kühe im Wallis.

Wie viel Zeit investieren Sie heute noch, um Comics zu zeichnen?

Etwa sechs bis acht Stunden. 40 Prozent davon widme ich Yakari.

Sie planen ein Buch zusammen mit dem Schweizer Astronauten Claude Nicollier. Worum geht es da?

Ja, Claude und ich sind gute Freunde seit unserer Kindheit. Wir gingen oft gemeinsam in die Ferien und lasen Geschichten von «Tim und Struppi» und «Spirou». Claude war stets von den Piloten in den Comics fasziniert. Und ich interessierte mich für die Western-Geschichten. Wir beide konnten also unsere Passion zum Beruf machen. Und diesen Weg möchten wir in einem Buch nacherzählen.

Dann hat die Schweiz ihren bisher einzigen Nasa-Astronauten Tim und Struppi zu verdanken?

Er war schon früher vom Himmel fasziniert, aber ja, «Tim und Struppi» hatten sicher einen Einfluss auf seine weitere Karriere.

Sie sind 76 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch weiterzeichnen?

So lange wie möglich! Das Zeichnen ist meine Passion. Ich freue mich jeden Morgen den Stift in die Hand nehmen zu können.