Roman: Supermann und Ehrenmann im spanischen Bürgerkrieg

Die Helden in Arturo Pérez-Revertes neuem Roman werden im Spanischen Bürgerkrieg moralisch herausgefordert: Eine atemberaubende Geschichte, fesselnd erzählt.

Heiko Strech
Drucken
Teilen
Knapper, aber virtuoser Stil: Arturo Pérez-Reverte. (Bild: Imago)

Knapper, aber virtuoser Stil: Arturo Pérez-Reverte. (Bild: Imago)

Warnung: «Der Tod, den man stirbt» – der neue Roman des phänomenal erfolgreichen Spaniers Arturo Pérez-Reverte – handelt von einem Macho. Entwarnung: Wir werden trotzdem gnadenlos gefesselt von diesem virtuos geschriebenen Spionagethriller mit historisch-politischem Tiefgang.

Der Macho heisst Lorenzo Falcó, Geheimagent Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Eine Art spanischer James Bond. Wir kennen ihn aus dem früheren Roman «Der Preis, den man zahlt». Kalten Blutes meistert er alle Gefahren. Wie Bond eine Wunschfigur für uns, die wir im Alltag «banaleren» Krisen ausgesetzt sind: Entlassungen, Zurückstufungen, Finanzbetrug, Mobbing und vielem mehr. Da wünscht man sich doch schon mal Problemlösungen per Handkantenschlag oder Revolver.

Handlungsfäden kreuzen sich raffiniert

Doch Pérez-Reverte, geboren 1951, immerhin 21 Jahre lang Kriegsreporter, hat seinen Superman Falcó vor dem Hintergrund realer Ereignisse in den Spanischen Bürgerkrieg versetzt. Ins neutrale marokkanische Tanger.

März 1937. Meisterhaft fokussiert der Autor auf zwei Schiffe, Dingsymbole für den Bürgerkrieg. In Tangers Hafen liegen der Frachter Mount Castle und der Zerstörer Martín Álvarez. Im Bauch der «linken Mount Castle» liegen 30 Tonnen Gold für Moskau-Verbündete. Die «rechte» Álvarez soll die Fahrt verhindern. Kanonen-Verhältnis: eins zu fünf. Nach vier Tagen muss die «Mount Castle» auslaufen. Kurz vorher der Zerstörer.

Dieser Raum-Zeit-Spannungsdichte können wir uns nicht entziehen. Zumal die Schiffs-Bezüge Mount Castle/Álvarez, quasi Hauptakteure, sich überkreuzen mit brisanten Beziehungen zwischen Falcó und der Moskau-Agentin Eva Neretva. Beide verbinden und trennen obsessiver Eros und politische Feindschaft. «Eva» lautet übrigens der Originaltitel des Thrillers. Diese Frau ist Falcó durchwegs gewachsen, gewaschen mit allen Agenten-Wassern.

Ein verführerischer Ausweg: Verrat

Moralische Hochspannung tritt hinzu zwischen den beiden Kapitänen, dem linken Quirós und dem rechten Navia. Die Seemänner verbindet eine Grund-Kameradschaft. Doch sie müssen Feinde bleiben. Und da bietet Falcó auftragsgemäss Quirós mit dessen waffentechnisch weit unterlegenem Schiff einen verführerischen Ausweg an: Geld, freies Geleit – also Verrat. Doch der unscheinbar-knorrige Kapitän bleibt moralisch unzerstörbar. Ein Mann der Ehre und der Solidarität.

Arturo Pérez-Reverte: Der Tod, den man stirbt, 476 S., Insel, Fr. 34.–

Arturo Pérez-Reverte: Der Tod, den man stirbt, 476 S., Insel, Fr. 34.–

Pérez-Reverte versteht sich nicht nur aufs atemberaubende Verknüpfen sich kreuzender Handlungsfäden, sondern schafft auch öfter nächtliche Stimmungsbilder Tangers wie in einem Schwarz-Weiss-Film – siehe «Casablanca».

Existenzialistische Härte durchzieht diesen Roman, mit dem Geworfensein seiner «Helden» in einen grausam-absurden Bürgerkrieg, der Körper und Seelen zerstört: Alles mit knappem Stil und Staccato-Dialogen hervorragend gemeistert.