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SURSEE: Die gute Form benimmt sich schlecht

Der Jazzfestival-Gründer und Grafikdesigner Niklaus Troxler sucht Offenheit in der Musik wie in der Gestaltung. Eine Ausstellung im Sankturbanhof, im Somehuus und im städtischen Raum lädt dazu ein, so erfrischend unkonventionell zu denken wie er.
Julia Stephan
Am Donnerstag wurden 60 Troxler-Plakate auf dem Martignyplatz in Sursee aufgestellt. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 17. August 2017))

Am Donnerstag wurden 60 Troxler-Plakate auf dem Martignyplatz in Sursee aufgestellt. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 17. August 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Das Ziel ist im Weg», pflegte Niklaus Troxler (70) früher zu seinen Designstudenten zu sagen, wenn sie sich mit ihren geistigen Konzepten selbst blockierten. Die raffinierte Umkehrung der Redewendung «Der Weg ist das Ziel» thematisiert nicht nur das Unterwegssein als wichtiges Instrument im künstlerischen Schaffensprozess. Der geniale Satz benennt auch das Gift für jeden kreativen Selbstausdruck: die Zielstrebigkeit.

Das Spiel liebt Niklaus Troxler sowohl am Jazz – 1975 gründete er das heute weltberühmte, inzwischen von seinem Neffen fortgeführte Jazzfestival Willisau – als auch in seiner Arbeit als Grafikdesigner, die ihm weltweit Preise einbrachte. Die Stiftung des Kleintheaters Somehuus in Sursee widmet dem 70-Jährigen nun die Veranstaltungsreihe «Art und Jazz». Eröffnet wird sie heute mit der Vernissage einer hervorragenden Ausstellung im Sankturbanhof, dem Somehuus und an öffentlichen Plätzen der Stadt, wo Troxlers Plakate in ihrer natürlichen Umgebung mit der Welt kommunizieren.

Das Moma machte ihn berühmt

Kuratorin Sara Zeller, Expertin für Schweizer Designgeschichte, hat eine Auswahl aus Troxlers riesigem Fundus an Siebdruckplakaten einschliesslich seiner Collagen und selten gezeigten Landschaftsaquarelle und Lithografien getroffen. Sie bringen einem die verrückten, querdenkenden Arbeiten des Künstlers näher. Eine Station der Ausstellung beschäftigt sich intensiv mit dem kometenhaften Aufstieg Troxlers Ende der 1980er, als das Museum of Modern Art in New York (Moma) mit einer Ausstellung ein internationales Schlaglicht auf ihn warf.

Plakate, die Kampagnen machten

Aufschlussreich sind Beispiele von Plakaten, die Kampagnen machten, anstelle für solche eingespannt worden zu sein. Troxlers prämiertes Plakat von 1993 etwa, auf dem die Wörter «Gewalt» und «Halt» sich überschreiben. Troxler gestaltete es, nachdem er selbst Augenzeuge von Gewalt geworden war. Das Wort ist Imperativ («Halt»!) und relativierender Partikel zugleich und ist somit nicht nur ein Aufruf, sondern reflektiert auch die Gleichgültigkeit unserer achselzuckenden Gesellschaft in Bezug auf ­Gewalt im öffentlichen Raum.

Die grösste Zahl von Troxlers Arbeiten bezieht sich aber aufs Jazzfestival Willisau, für das er jahrzehntelang selbst Plakate ­gestaltete. Es sind Band- und Künstlerporträts berühmter Formationen. Experimente, die ­Illustration und Typografie zusammenbringen, fast immer verzichteten sie auf den Einsatz von Fotografie.

Mal beschreiben die typografischen Zeichen den Umriss eines Jazzmusikers, mal bilden gezeichnete Instrumente Buchstaben für eine Bandankündigung. Und so mancher Schriftzug kommt daher wie eine schwer leserliche Partitur. Troxler zerlegt Wörter und Objekte, um sie variantenreich wieder zusammenzusetzen. Auf seinen Collagen experimentiert er mit zerstückeltem farbigem Klebeband. Das Ergebnis sind dynamische, flirrende Farbflächen. Ähnlich wie der Jazzlaie in der Musik zunächst vergeblich ein Muster sucht, erkennt man hier Wörter und Bilder erst bei langem Hinschauen.

Jazz ist Körperarbeit

«Die gute Form», dieses schweizerische Gütesiegel für Funktionalität und Zurückhaltung, benimmt sich bei Troxler erfrischend schlecht. Stattdessen sind Einflüsse der Op-Art, Pop-Art und des Comics erkennbar. Und weil Jazz Körperarbeit ist und der Körper Resonanzräume, tauchen in Troxlers rhythmisierten Arrangements vorzugsweise Körperteile auf, etwa der Pianistenfinger oder das Ohr. Und frech-plakativ zeigt der Künstler die Vernetzung und die Dynamiken zwischen Bandmitgliedern mit Pfeilen an.

Die Imitation analoger Techniken ist in Sursee einer der spannendsten Ausstellungsschwerpunkte. Ob Bleistift- oder Kugelschreibergekritzel, Tinte auf Löschpapier oder das Schriftbild einer Schreibmaschine: Troxler überführt diese Techniken in Siebdruckplakate, die Wahl seiner Mittel immer mitreflektierend. Etwa auf einem Plakat, auf dem Troxler Boxerfiguren gestempelt hat. Beim Stempeldruck, so scheint es, überträgt sich hier ganz selbstverständlich die Bewegungsenergie der zuschlagenden Faust auf den künstlerischen Schaffensprozess.

Hinweis: «World Wide Willisau – Retrospektive Niklaus Troxler». Sankturbanhof, Sursee. Vernissage: heute Sa, 17 Uhr. Konzert mit Irène Schweizer und Pierre Favre um 19 Uhr im Stadttheater. Auftakt der Reihe «Art & Jazz».Vollständiges Programm: www.somehuus.ch

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