SWISS POP ART: Gerberkäse statt Campbells Suppe

Pop Art entstand auch in der Schweiz. Und die Künstler, die diese Kunstströmung prägten, fanden spezifisch schweizerische Ausdrucksweisen. Das zeigt eine sehenswerte Ausstellung in Aarau.

Christina Genova
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Und ewig lockt Brigitte Bardot (Rainer Alfred Auer). (Bild: Primula Bosshard)

Und ewig lockt Brigitte Bardot (Rainer Alfred Auer). (Bild: Primula Bosshard)

Christina Genova

Schweizer Pop Art hat es nie gegeben. Oder war ein vernachlässigbares Phänomen. So hätte wohl bis vor wenigen Jahren die Antwort vieler Kunsthistoriker auf die Frage nach Schweizer Vertretern dieser Kunstrichtung gelautet, die in den 1950er-Jahren in den USA und Grossbritannien ihren Anfang nahm. Das Aargauer Kunsthaus erbringt mit der ab heute geöffneten Ausstellung «Swiss Pop Art» endgültig den Gegenbeweis. Sie ist das Resultat von drei Jahren Arbeit und umfangreichen Recherchen: «Die Schweizer Pop Art wurde noch nie à fond untersucht, obwohl es sich um ein wichtiges und spannendes Thema der Schweizer Kunstgeschichte handelt», unterstreicht Madeleine Schuppli, Direktorin des Aargauer Kunsthauses und Co-Kuratorin der Ausstellung. Werke von 170 Künstlern wurden angeschaut und schliesslich 50 aus der ganzen Schweiz für die Ausstellung ausgewählt.

Dass Schweizer Pop Art von der Kunstgeschichte lange nicht wahrgenommen wurde, hat mehrere Gründe. Die Schweizer Künstler waren bezüglich Pop Art Spätzünder und entsprechend kurzlebig war das Phänomen. Ein Jahrzehnt, 1962 bis 1972, waren sie dabei und durchwegs sehr jung: «Pop Art war Teil einer unverbrauchten Lebenshaltung, eines unbekümmerten Lifestyles», schreibt Madeleine Schuppli. Die Pop-Art-Phase dieser Künstler fällt deshalb mit ihrem Frühwerk zusammen. Später wurden sie mit anderen Arbeiten bekannt; manche schämten sich gar ihrer Anfänge wie zum Beispiel Franz Gertsch, der seine zweijährige Pop-Phase explizit aus seinem Œuvre ausklammert. Er, der später für seine fotorealistische Malerei bekannt wurde, ist in der Ausstellung mit farbstarken, kontrastreichen Figuren-collagen vertreten, darunter einer dreiteiligen Serie der Rolling Stones.

Pop Art aus Aarau und Bern

Anders als früher angenommen, hatte Pop Art sehr wohl nationale und, wie das Beispiel der Schweiz zeigt, auch lokale Ausprägungen. Denn für einmal befanden sich die produktivsten Szenen nicht in Zürich, sondern in den kleineren Städten Bern und Aarau. Doch was macht das spezifisch Schweizerische der hiesigen Ausprägung von Pop Art aus? Berührungsängste zur Konsumwelt kannte man auch in der Schweiz keine. Markus Müller malt eine bunt gestreifte Badehose der Badener Firma Lahco und verwendet den Markennamen gleich als Titel. Ebenso werden Produkte des täglichen Bedarfs zum Bildmotiv. Nur dass der damals in Paris lebende Basler Samuel Buri nicht wie Andy Warhol Campbells Suppendosen inszeniert, sondern Gerber-Käse-Schachteln, die er mit Alphornbläser, Kuh und Sonnenuntergang überzieht. Auf einem anderen Bild malt Buri mit Hilfe einer Schablone ein «Chalet psychédelique» in leuchtenden Farben und versieht es ähnlich wie Roy Lichtenstein mit einem gepunkteten Raster. Das Chalet basiert auf einer Swissair-Werbung. Die Werbung in Zeitungen und auf Plakaten im öffentlichen Raum war für die Pop-Art-Künstler eine wichtige Inspirationsquelle.

Die Swissness drückt auch bei der angewandten Kunst durch, etwa beim braunen Holzstuhl im Heimatstil, der als Choco-Chair zerfliesst, wie die Lachen unten an den Beinen vermuten lassen – ein witzig-ironischer Entwurf von Trix und Robert Haussmann von 1967. Der Einfluss der Pop Art reichte weit über die bildende Kunst hinaus und beeinflusste das Produkte- und Möbeldesign, auch das zeigt die Aarauer Ausstellung.

Souvenirs aus Appenzell

Eine spezifisch schweizerische Ausprägung ist die abstrakte Pop Art. Sie entstand als selbstbewusste Antwort auf die starke Tradition der konstruktiv-konkreten Kunst in der Schweiz. Künstler wie Markus Raetz oder der Luzerner Urs Lüthi kombinierten einfache Pop-Motive mit geometrischen Elementen und verwenden anders als die Konkreten eine pastellige Farbpalette.

Interessante Bezüge gibt es in der Schweizer Pop Art zur Volkskunst. Ein typisches Beispiel ist die Fotoserie «Souvenirs aus Appenzell» von Barbara Davatz. Ihre bunt kolorierten Schwarz-Weiss-Fotografien zeigen typische Postkartenmotive wie den Appenzeller Senn oder ein Fenster mit den Geranien.

Und wer am Ende der abwechslungs- und lehrreichen Ausstellung noch nicht genug von Pop Art hat, kann im weich gepolsterten Vermittlungsraum fünfzig Rappen in die Jukebox werfen und in den Sound der 1960er-Jahre eintauchen.

«Laut, banal, bunt und ohne Tiefgang»

Zur Ausstellungseröffnung erscheint ein umfangreiches, reich illustriertes Standardwerk, das sich erstmals vertieft mit dem Thema Pop Art in der Schweiz auseinandersetzt. Franz Müller zeigt in seinem Essay auf, dass Pop Art in der Schweizer Kunstgeschichtsschreibung bisher kaum zur Sprache kommt und in den meisten Institutionen marginalisiert wurde.

Yasmin Afschar beleuchtet in ihrem Artikel, wie die Kunstkritiker der neuen Bewegung vorwarfen, laut, banal, bunt und vor allem ohne Tiefgang zu sein. Renate Menzi weist darauf hin, dass es im Möbeldesign galt, sich gegen die vorherrschende Gute Form abzugrenzen und in der Grafik eine Loslösung von der Klarheit und Strenge des Swiss Style nötig war.(gen)

Swiss Pop Art. Formen und Tendenzen 1962–1972, Scheidegger & Spiess 2017, Fr. 69.–.

Bis 1.10., Aargauer Kunsthaus, Aarau.

Barbara Davatz, Souvenirs aus Appenzell, 1968

Barbara Davatz, Souvenirs aus Appenzell, 1968

Trix und Robert Haussmann, Choco-Chair, 1967

Trix und Robert Haussmann, Choco-Chair, 1967

Urs Lüthi, Supercortemaggiore, 1967 (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Urs Lüthi, Supercortemaggiore, 1967 (Bild: Aargauer Kunsthaus)

Markus Müller inszenierte das Auto, ein beliebtes Bildmotiv, als Objekt der Begierde. (Bild: Brigitt Lattmann)

Markus Müller inszenierte das Auto, ein beliebtes Bildmotiv, als Objekt der Begierde. (Bild: Brigitt Lattmann)