SZENE: Dinge, die plötzlich weg sind

Alltag Bald wird es wohl keine Telefonkabinen mehr geben. Das mag Nostalgiker traurig stimmen, ist aber eine logische Konsequenz.

Michael Graber
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Plötzlich weg: Swisscom-Telefonkabine. (Bild: Keystone)

Plötzlich weg: Swisscom-Telefonkabine. (Bild: Keystone)

Michael Graber

Es ist ein schleichender Abgang: Die Telefonkabine wird in wenigen Jahren wohl gänzlich verschwunden sein. Die Swisscom, so stand es im Bericht der «Schweiz am Sonntag», wird bald nicht mehr per Gesetz gezwungen sein, in jeder Schweizer Gemeinde eine Telefonzelle aufzustellen, also wird sie es auch kaum noch machen. Warum auch? Hat ja mittlerweile sowieso jeder ein Handy, und Leute unter zwanzig können sich wohl kaum vorstellen, wozu man diese komischen Häuschen je gebraucht hat.

Es ist wirklich schwierig, den verbliebenen knapp 5000 Telefonkabinen noch einen Nutzen abzugewinnen. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen sich Schlangen bildeten vor den Münztelefonen. Etwa im Pfadilager, um dem Mami daheim auszurichten, was es alles in das Fresspäckli zu packen hat. Das schreibt man heute bequem per SMS nach Hause da hört man das Seufzen der Mutter auch nicht, wenn man ihr sagt, dass man wirklich kein Studentenfutter wolle, sondern stattdessen lieber noch eine Tafel Schoggi mehr.

Immer gemüffelt

Der Telefonkabine geht es wie vielen anderen Dingen: Sie wird nicht mehr gebraucht, aber sie hat einen nostalgischen Wert. Gerade Leute über dreissig können viele Geschichten erzählen, die sich irgendwie in einem Telefonhäuschen abgespielt haben. Wie es immer etwas gemüffelt hat in den Kabinen und die gewünschten Seiten im Telefonbuch immer schon herausgerissen waren. Die Telefonbücher waren zudem massiv verankert, und schon alleine das Aufschlagen war ein regelrechter Kraftakt. Wer alte englische Filme schaut, sieht sie immer wieder: die roten Telefonhäuschen, in denen der Kommissar die neusten Erkenntnisse an die Kollegen durchgab und so dem Mörder auf die Schliche kam. Wer heute in einem Telefonhäuschen telefoniert, macht sich vor allem schnell verdächtig, er wolle irgendetwas Illegales organisieren schliesslich kann so eine Telefonkabine ja deutlich schlechter vom Staat überwacht werden als ein persönliches Mobiltelefon.

Aber Achtung: Nostalgiker laufen schnell Gefahr, in einen Früher-war-alles-besser-Modus zu fallen. Was oft Quatsch ist. Die meisten Dinge, denen wir, wie an der Telefonkabine, etwas sentimental nachhängen, sind nämlich immer durch bessere Sachen ersetzt worden. Die Kassette etwa gibt es heute kaum mehr, weil CD und MP3 das schlicht überflüssig gemacht haben. Dort kann man nicht nur deutlich längere und mehr Musik speichern, sondern muss auch nicht jeweils mit dem Bleistift mühsam das Band zurückrollen.

Es fehlt an Seele

Nostalgiker werden jetzt entgegnen, dass es den neuen Dingen, die ihre Lieblinge ersetzten, an Seele fehle. Das mag teilweise auf den ersten Blick sogar stimmen. Ein Walkman ist ein deutlich sinnlicheres Gerät als ein MP3-Player schon alleine die Grösse und das Gewicht machen viel aus. Und in einer Telefonkabine duftet es (oder es müffelt eben), das kann ein Handy nicht ersetzen. Ein Fortschritt an Technik geht fast immer mit einem Rückschritt an Sinnlichkeit einher.

Aber: Seele können sich diese Gegenstände nicht selber einhauchen. Das machen immer noch die Menschen. Durch Verklärung, oder eben schöne Erlebnisse, die man mit oder dank ihnen macht.

Geben wir es zu: Ein bisschen schade ist es halt schon. Nehmen wir etwa den alten analogen Fotoautomaten. Kaum war ein Paar frisch zusammen, begab man sich hinter den Vorhang in die Kabine, um sich küssend auf einem Foto festzuhalten. Eine Zurück-Taste gab es nicht. Die Blitze waren viel zu hell, und nicht selten hatte man die Augen auf dem Endprodukt nicht aus Liebe oder Leidenschaft geschlossen, sondern einfach, weil man geblendet war. Bis die Fotos aus dem Automaten kamen, dauerte es lange fünf Minuten, und wer zu früh draufpatschte, ruinierte das Werk sogleich wieder.

Heute knipsen wir Selfies mit dem Mobiltelefon. Ist einfacher, kostet weniger und kann mit zwei Klicks in die ganze Welt verschickt werden. Auch hier ist es schlussendlich eine komplett logische Ablösung gewesen. Das mag den Hersteller von solchen Fotoautomaten zwar ärgern, es ist aber schlicht nur konsequent. Ähnlich erging es den gedruckten Stadtplänen, das kann das Mobiltelefon mit GPS deutlich besser und genauer darstellen. Zudem ist es praktischer und wird einem nicht beim ersten Windstoss aus den Händen geblasen.

Trockenshampoo?

Weitere Beispiele findet man im schönen Buch «Das Lexikon der verschwundenen Dinge» von Volker Wieprecht und Robert Skuppin. Dabei gehen die Autoren all diesen Sachen auf den Grund. Zwar ist es mitunter etwas deutsch, und gewisse Dinge sind in der Schweiz nie geläufig gewesen, aber es ist ein wunderbares Sammelsurium. Bei vielen der beschriebenen Sachen bemerkt man erst, dass sie weg sind, wenn man wieder darüber liest.

Oder mögen Sie sich etwa noch an das Trockenshampoo erinnern?