Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TAGUNG: Basil Rogger: «Wir müssen lernen zu verzichten»

Die IG Kultur beschäftigt sich am Samstag mit der Frage, was für eine Zukunft die Kultur hat. Ein Gespräch mit Basil ­Rogger, Kulturmacher und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste.
Pirmin Bossart
«Der Gigantismus wird noch gigantischer werden», sagt Basil Rogger. Im Bild ist das «Allmend rockt» 2016. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 4. 6. 2016))

«Der Gigantismus wird noch gigantischer werden», sagt Basil Rogger. Im Bild ist das «Allmend rockt» 2016. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 4. 6. 2016))

Interview: Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Basil Rogger, was tut die Kultur unserer Gesellschaft? Wie lebenswichtig ist sie?

Kultur im Singular gibt es nicht, und wer vorgibt, es gebe sie, macht sich verdächtig. Es gibt Kulturen. Und natürlich gibt es zwischen Kulturen Konkurrenzen, Kämpfe um Vorherrschaften, um Deutungshoheiten. Eine neue Kultur entsteht da, wo sich Kulturen begegnen, nicht da, wo sie sich voneinander abschotten. Deshalb ist die Offenheit zentral. Und weil «Kultur» das ist, was entsteht, wenn sich Kulturen begegnen, ist sie eines der relevantesten Mittel, um eine Gesellschaft davor zu bewahren, dass sie auseinanderdriftet. Im Feld der «Kultur» können wir die Konsequenzen von gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen verhandeln.

Die Trennungen zwischen Hochkultur und Alternativkultur, etablierter und freier Szene beginnen sich bereits aufzulösen. Wie wird diese Entwicklung weitergehen?

High & Low, E und U, «Kulturkultur» und Bindestrich-Kulturen sind keine sich ausschliessenden Alternativen mehr. Ein Beispiel: Vor fast siebzig Jahren erschien «Charlie Parker with Strings», auf dem der Bebop-Erfinder von einem Streichquartett begleitet wurde. Und: Es werden auch in Zukunft neue kulturelle Disziplinen oder Sparten entstehen.

Die Digitalisierung bringt traditionelle Kulturmärkte ins Wanken. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Streaming die Tonträger ersetzt. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Die Entwicklung des Tonträgermarkts ist ein ungemein interessantes Beispiel. Das, was zum Verschwinden gebracht wurde, war nicht «der Kulturmarkt» und schon gar nicht die Musik, sondern das Geschäftsmodell der Tonträgerindustrie. Diese hat die neuen Technologien der digitalen Distribution gnadenlos unterschätzt und das teuer bezahlt.

Die Musik gibt es weiterhin.

Entstanden sind zahllose de­zentrale Strukturen, Klein- und Kleinstunternehmen, deren Existenz man auch nicht romantisieren darf. Vieles davon ist extrem prekär. Diese Veränderungsdynamik wird sich selbstverständlich auch auf andere Kultursparten auswirken: auf das Buchwesen, das Theater, den Film. Die Suche nach den tragfähigen Geschäftsmodellen ist längst im Gang.

Was für Formate werden den Kulturbetrieb von morgen prägen? Werden die Stadien immer grösser, die Shows immer gigantischer? Oder gibt es ein Abdriften in virtuelle Konsumformen?

Natürlich wird der Gigantismus noch gigantischer werden, bis zur Selbsterschöpfung. Und natürlich werden sich die Nischenkulturen weiter ausdifferenzieren und weiterblühen, wenn auch auf ökonomisch schwankendem Grund. Und auch hier schafft die Digitalisierung neue Präsentations- und Distributionsformate.

Trotz prekärer Kulturförderung schliessen jedes Jahr Hunderte von Kunst- und Musikstudierende ihre Ausbildung ab. Viele kommen auf den freien Markt. Was raten Sie diesen?

Wie in jedem Berufsfeld ist auch in den Künsten eine Ausbildung keine Garantie für einen Job oder gar eine Lebensstelle. Und Fördergelder können ja nicht ein Einkommensmodell fürs Leben sein, sie sollten ergänzend wirken. Gleichzeitig zeigen Forschungen der schweizerischen Kunsthochschulen, dass die meisten Abgänger nach einer Durststrecke von bis zu zwei Jahren ihren Platz in der Kulturwelt finden. Das Kulturfeld bleibt auch in beruflicher Hinsicht nach wie vor interessant. Gleichzeitig sind die Hochschulen ständig dazu aufgefordert, ihre Ausbildungen weiterzuentwickeln und zu aktualisieren.

Die wachsenden Kulturangebote machen es einem durchschnittlichen Kulturliebhaber nicht leicht, sich vertieft auf etwas einzulassen. Vor lauter Angeboten weiss man oft nicht mehr, was wichtig ist. Wäre weniger nicht mehr?

Was wir in allererster Linie brauchen, ist eine Navigationshilfe im kulturellen Informationsozean. Kulturkommunikation gewinnt an Bedeutung. Was wir in zweiter Linie brauchen, ist Verzichtskompetenz. Nicht mehr die Auswahl dessen, was wir wollen, sondern die Auswahl dessen, was wir nicht wollen, steht im Zentrum. Die drohende Gefahr der Filterblase ist zwar erkannt, aber noch nicht behoben. Da gibt es noch viel zu tun, in erster Linie aber für uns selber, dass wir uns von den Algorithmen nicht einlullen lassen.

Die Möglichkeiten erleichtern es, dass immer mehr Menschen Kultur produzieren und verbreiten können. Wenn jeder zum Künstler wird, wer bezahlt dann noch?

Alle. Noch nie wurde so viel Geld für Kultur ausgegeben wie heute. Aber eben: Es wurde auch noch nie so viel Kultur produziert. Grundsätzlich ist die Demokratisierung der kulturellen Produktion etwas Tolles: Kulturmachen wird zum partizipativen Projekt. Die Frage, wer das alles lesen, hören, betrachten soll, bleibt bestehen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.