TANGO: Ein getanzter, trauriger Gedanke

Egal, ob man Tango gerne hört, ihn leidenschaftlich tanzt oder vielleicht lieber nur zuschaut: Bei Pfingsttango kommen alle auf ihre Rechnung.

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Schon im letzten Jahr wurde im Luzerner Hotel Schweizerhof Tango getanzt. (Bild: pd)

Schon im letzten Jahr wurde im Luzerner Hotel Schweizerhof Tango getanzt. (Bild: pd)

Ernste, konzentrierte Gesichter, Körper, die sich diszipliniert, scheinbar streng und präzise bewegen, Musik, die melancholisch und dramatisch zugleich klingt. Tango-Veranstaltungen, sogenannte Milongas, erfreuen sich in Luzern schon seit einigen Jahren einer immer grösseren Beliebtheit. Das zeigt sich auch am Festival Pfingsttango, das dieses Jahr zum letzten Mal von der Zürcher Tanzschule El Social durchgeführt wird. «Ich habe vor sechs, sieben Jahren mit Tango angefangen, da war noch nicht so viel los», erzählt Stefan Quaderer von Luz de Tango.

Dass sich die Tango-Szene zwar langsam, aber stetig entwickelt hat, verdankt die Zentralschweiz laut Quaderer vor allem den Tango-Tanzschulen. «Die Tango-Schule im Soussol und das Tango-Studio (siehe Box) haben neuen Schwung in die Szene gebracht. Ebenso der Zentralschweizer Tango-Verein Luz de Tango», betont er.

Viel Zeit investieren

Offenbar tanzen also immer mehr Leute Tango. Doch wer sind diese Leute? «Die Tango-Szene unterscheidet sich von anderen Tanzszenen, zum Beispiel von der Salsa-Szene. Tango ist ruhiger, die Leute sind eher älter, so ab 30 Jahren. Beim Tango-Tanzen ist man sich ausserdem näher als etwa beim Salsa, wo viel offener getanzt wird. Das ist nicht jedermanns Sache», erläutert Nicole Burns-Hansen der Tanzschule Tangostudio und vom Veranstalter-Team Pfingsttango 2013.

«Bei uns tanzt der Bauer wie der Anwalt. Tango spricht auch den Intellekt an», betont Nicole Burns-Hansen. Auch Stefan Quaderer sieht ein sehr breites Publikum an den Milongas. «Ob man vorher schon getanzt hat oder nicht: Tango ist die Königsdisziplin beim Tanz», ist er überzeugt. «Man muss viel üben und Zeit investieren.» Für den Mann sei das Führen schwierig, die Frau muss sich hingegen gehen lassen.

Selber wurde Stefan Quaderer von einem Kollegen zum Tango-Tanzen mitgenommen. «Erst wollte ich nicht. Dann ging ich ein paar Mal mit. Seither lässt mich der Tango nicht mehr los.» Ähnlich geht es Karin Betz. Die Frankfurterin stellt in Sursee ihre neue Anthologie «Tango fatal» vor (siehe Box) und legt selber als DJ Tango auf.

«Am Tango fasziniert mich, dass es ein sehr poetischer Tanz ist. Er verbindet auf eine schöne Weise Musik, Text und Bewegung. Beim Tanzen hat man eine innige Paarverbindung, es entsteht eine spezielle Energie», schwärmt die Autorin. Selber hat sie den Tango nicht etwa in Argentinien, sondern in Japan entdeckt.

Livemusik für Extra-Energie

Gehört der Tango nicht eigentlich nach Argentinien, statt nach Japan oder Luzern? «Wer in Buenos Aires tanzen gehen kann, dem hilft natürlich die Energie dieser Stadt», bemerkt Tanzlehrerin Nicole Burns-Hansen. «Aber man muss nicht nach Argentinien. Wir haben viele Argentinier hier, die uns unterrichten», weiss Stefan Quaderer.

Dabei ist die körperliche Nähe, die beim Tango entsteht, durchaus ein Thema. «Wie nahe man tanzt, bestimmt die Frau. Wie viel Nähe man zulassen will, das ist ein Prozess, der sich entwickelt», betont der leidenschaftliche Tangotänzer. «Anfänger fangen nicht gleich mit dem Milongero-Stil an, bei dem man Wange an Wange tanzt.» Mehr Nähe ist denn auch nicht gleichbedeutend mit besser tanzen: «Die Nähe erzeugt zwar Intimität. Doch sie lässt den Tanz auch statischer werden, da man für Figuren ja Platz braucht. Ich wechsle selber gerne ab.»

Abwechseln tun die meisten Tangotänzer auch zwischen Musik aus der Konserve und Livemusik. Was bevorzugt wird, ist abhängig von der Stückwahl der Musiker. «Zu konzertantem Piazzolla tanzt es sich nicht so einfach. Aber Livemusik gibt natürlich Extra-Energie», meint ­Nicole Burns-Hansen.

An Tangopfingsten werden sowohl Live­musik, DJs, Shows und Kurse geboten. Tango für jedermann. «Es kommen sogar ausländische Tango-Interessierte nach Luzern. Luzern ist eine schöne Stadt mit guten Sälen», erklärt Nicole Burns-Hansen, wieso Pfingsttango in Luzern stattfindet. Natalie Ehrenzweig

Tango – die getanzte Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit

Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich im Süden von Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, im Hafenviertel La Boca der Tango entwickelt. Die Mischung aus schwarzen, kreolischen und spanischen Elementen war ein fröhlicher Tanz. Die Anlässe, an denen getanzt wurde, nannte man Milongas («Wirrwarr»). Die lebensfrohe Milonga gilt heute als Vorläufer des Tango Argentino.

Als Buenos Aires Ende 19. und Anfang 20. Jahrhundert von Einwanderern überrannt wurde, platzte die Stadt aus allen Nähten. Viele Einwanderer waren ohne Arbeit und ohne Familie. So entwickelte sich in den Vororten, den Barrios, der Tango, der nicht mehr so fröhlich, sondern melancholisch, wehmütig, aber auch stark und wütend klang. Enrique Santos Discépolo, ein wichtiger Tango-Komponist, hat es auf den Punkt gebracht: «Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.»

Erst ein Hit in Paris

Das wichtigste Instrument des Tangos ist das Bandoneon, das mit Matrosen Ende 19. Jahrhundert von Deutschland nach Buenos Aires kam. Ab 1920 besteht eine typische Tango-Besetzung aus zwei Bandoneons, zwei Geigen, einem Piano und einem Bass.

Bevor man aber in Argentinien stolz auf den Tango war, musste er im fernen Paris einen Boom erleben. Schon 1910 wurde in der Pariser Gesellschaft Tango gelehrt und getanzt. Nun entdeckte auch der Mittelstand von Buenos Aires den Tanz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Tangomusik auch zur Konzertmusik entwickelt. Das gefiel den alten Tango-Fans nicht. So feiert die Musik Astor Piazzollas ihre grossen Erfolge vor allem ausserhalb von Buenos Aires.

Hier wird das Tanzbein geschwungen

Pfingsttango Luzern dauert vier Tage und bietet Tango zum Zuschauen, Zuhören und zum Mittanzen.
Freitag, 17. Mai, 20.30, Pfarreisaal Hof, Luzern: Eröffnungsmilonga mit Tanzshow mit dem Duo Ranas, mit Julio Mendes und Marina Lienhardt und DJ Marina.
Samstag, 18. Mai, 22.00, Hotel Seeburg, Luzern: Milonga mit Livemusik und Tanzshow mit dem Quinteto Beltango und DJ Marie-
Antoinine und Tanz von Roberto Reis und Natalia Lavandeira.
Sonntag, 19. Mai, 19.30, Hotel Schweizerhof, Luzern: Milonga und Tanzshow, Livemusik mit Alejandro Ziegler Tango Cuarteto, Show mit José Halfon und Virginia Cutillio Horacio.
Montag, 20. Mai, 17.00, Buvette, Luzern: Open-Air-Milonga mit Show von Luis und Nicole (bei schlechtem Wetter im Hotel Schweizerhof).
Workshops: Von Freitag bis Montag, 17. bis 20. Mai werden an verschiedenen Orten sehr spezifische Tango-Workshops für verschiedene Niveaus angeboten. Infos zu Programm und Workshops:

Weitere Tango-Veranstaltungen:

Tanz auf dem Inseli: Am 23. Juni, 28. Juli, 25. August und 22. September wird Tango Argentino ab 17.00 in der Buvette in Luzern getanzt.
Michael Zisman: Konzert des Bandoneon-Spielers, Sonntag, 26. Mai, 11.00, Kirche St. Jost, Blatten.
Tango-Abend: Montag, 27. Mai, 20.00, Buchhandlung Untertor, Sursee: Buchpräsentation «Tango fatal» von Karin Betz.

Viele Zentralschweizer Tango-Infos:
Einstiegskurs: Montags um 18.30 im Sousol in Luzern, Einstieg jederzeit möglich (Tango-Schule:
).
Milonga Martes Classico: Dienstags um 21.00 im Sousol, Luzern (www.tangotanz.ch).
Practica und Milonga: Freitags um 20.45 im Besito, Luzern (Tango-Schule: www.tangostudio.ch).red

Michael Zisman spielt in Blatten. (Bild: pd)

Michael Zisman spielt in Blatten. (Bild: pd)