TANZ: Choreografin des Tanz-Festivals Steps: «Ich will Flügel sehen, nicht Arme!»

Sharon Eyal (46) aus Israel ist die Choreografin der Stunde. Ihre Compagnie L-E-V verkörpert Visionen. Bevor sie im Rahmen des Tanzfestivals Steps auch nach Luzern kommt, haben wir Eyal und ihre Partner in Tel Aviv getroffen.

Edith Arnold
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Szene aus dem Stück «OCD Love» von Sharon Eyal und Gai Behar. Die Fortsetzung wird nun anlässlich von «Steps» auch in Luzern gezeigt. (Bilder: PD)

Szene aus dem Stück «OCD Love» von Sharon Eyal und Gai Behar. Die Fortsetzung wird nun anlässlich von «Steps» auch in Luzern gezeigt. (Bilder: PD)

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Tanz und Trance vor Mittag? Ganz normal dort, wo Sharon Eyal gerade ist. Heute in Tel Aviv auf den Probebühnen des Israel Ballets. Dieses will von L-E-V eine Choreografie für die eigene Compagnie. Wie Sadler’s Wells in London oder Göteborgs Operans Danskompani zuvor.

Dazwischen steht das Tanzfestival Steps in der Schweiz an. Gegen 30 Tänzerinnen und Tänzer wärmen sich an diesem Freitagvormittag um 11 Uhr auf. Noch ist das Vogelgezwitscher draussen lauter als der Sound aus dem DJ-System. Sharon Eyal erscheint, kniehohe Socken, zwei T-Shirts übereinander, neue Shorts noch mit Zetteln dran. Wo ist eine Schere? Egal: Haltung, Fokus aufs Wichtige. Sie bespricht sich mit Gai Behar (40), dem Co-Choreografen, und Ori Lichtik (40), dem Kreativ-DJ. «Leute, können wir loslegen?!», fragt die Chefin sanft bestimmt. Und nimmt auf der Tribüne die Zuschauerperspektive ein.

Ein Soundteppich wird ausgerollt: House mit hypnotischen Stimmen. Die Tänzer formieren sich zu geometrischen Anordnungen. «Stärkere Beine!», ruft Sharon Eyal, später: «Gut, guuuuut!» Ein Tänzer schreitet aus, schwenkt die Hüfte immer schneller, bis sie fast nur noch Schweife sind. Kleinste Vibrationen und elektrische Zuckungen bei anderen Körpern. Ori Lichtik fügt weitere Klang­dimensionen hinzu. Auch die Zuschauerbühne bebt: Sharon Eyal schreitet die ganze Zeit den Rhythmus mit. «Bitte nicht kollabieren. Haltet die Spannung!»

Hinter dem DJ-Pult bildet sich ein Nebenschauplatz: Eyals und Behars gemeinsamer Sohn (10) ist mit einem Kollegen eingetroffen. Die Jungs legen die Jacken auf den Boden und gestikulieren zur Musik. Um halb eins sind die Proben fertig. Draussen scheint die Sonne, auch die weissen Gebäude blenden. Wir ziehen um zwei Blocks zu einem Restaurant. Der Rhythmus wirkt beim Gehen nach.

Sharon Eyal, nach 90 Minuten Tanz zu diesem Rhythmus ist man high ...

Ja, Ori Lichtik, unser DJ und Perkussionist, ist fantastisch. Und mein Partner Gai Behar macht alles möglich. Alles zusammen ist wie eine neue Mutation. Wir haben unseren Stil und entwickeln diesen ständig weiter.

Es ist eng im Liaty, einem koscheren Lokal, man sitzt fast aufeinander. Eyal bestellt bunten Salat, Humus und Pita, Behar Spinat mit Ei. Die Kids gestikulieren vor ihren Tellern weiter. Kürzlich sagte William Forsythe, der Revolutionär des klassischen Tanzes, es gebe Direktoren, die das Ballett erneuerten, wie Sharon Eyal. Deren Strukturen seien zwar klassisch, zugleich aber zeitgenössisch und poppig. Als Tänzerin war Eyal 20 Jahre lang die Muse von Ohad Naharin, dem künstlerischen Leiter der internationalen Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Von ihm ging die «Gaga»-Philosophie aus: Tue ganz wenig, spüre ganz viel.

Sharon Eyal, wie gehen Sie beim Choreografieren vor?

Nicht strategisch, sondern emotional und instinktiv. Es kommt einfach aus mir heraus. Es ist ehrlich, sehr rein, an Ort und Stelle gemixt.

Auch synchron wirken die L-E-V-Tänzer sehr individuell.

Wenn ich meine Augen schliesse, sehe ich die Persönlichkeiten der fünf bis sieben Ensemblemitglieder. Ich verlange viel von ihnen. Sie müssen total transparent sein, aber auch extrem physisch. Ich will Flügel sehen, nicht Arme! Den Tänzerinnen und Tänzern sage ich: Stellt euch vor, die Bewegungen existierten bereits, gebt euch einfach in sie hinein!

Bei Steps zeigen Sie «Love Chapter 2». Eine Fortsetzung zu was?

Zu «OCD Love», einem Stück über Zwangsstörung. Auch wenn unsere Themen wechseln, sie drehen sich immer um Liebe und Beziehung. «Love Chapter 2» handelt von Liebe, die falsch läuft.

Weshalb so traurig?

Es ist nicht interessant, nur happy zu sein. Wenn etwas dunkler ist, ist es gleichzeitig auch heller. Mich interessieren die Extreme.

Was inspiriert Sie?

Filme David Lynchs und Lars von Triers.

Der Terminkalender ist eng. Sharon Eyal zieht mit den Kindern ab. Gai Behar setzt sich an die Sonne: etwas zwischen Buddha und Kapitän, mit Zigarette, Bart und Haarknoten, schwarzer Perlenkette, die von einer Silberkette umwickelt ist. Vom avantgardistischen Label Martin Margiela? Nein, von der Mutter (Perlen) und von Sharon (Silber). Ori Lichtik gesellt sich dazu: Bart, mobile Wasserpfeife, gute Laune. Die Männer kennen sich seit jeher. Aus der Undergroundszene heraus prägten sie die Techno- und Rave-Szene mit. Ein Blick respektive ein Ton genügt.

Ist das die After-Party nach der Tanzprobe?

Ori Lichtik: Das ist, was wir versuchen: die Leute in eine Zone zu verführen, wo alles zusammenkommt. Repetitive, groovige, tiefe Klänge begleiten dorthin. Die «Zone» startet bei den Proben, dauert bis zum Ende einer Aufführung und hört eigentlich nie auf.

Gai Behar: Für viele ist eine Premiere das Ende eines Prozesses. Für uns ist sie der Anfang. Jeder Ton, jeder Tanzschritt kann noch besser werden. Wir spielen quasi live auf der Bühne. So bleiben die Stücke immer upgedatet. Sie sind wie eine Salami. Bei jedem Auftritt wird eine frische Scheibe abgeschnitten.

Wie sind die Änderungen sichtbar?

Behar: Eigentlich geht es mehr um das, was man nicht sieht: den Flow.

Lichtik: Ich reagiere aufs Geschehen. Wenn eine Tänzerin eine Bewegung verlängert, kann ich den Ton dehnen. So wird Tanz zu Musik und Musik zu Tanz.

Wie nennen Sie Ihren Stil?

Lichtik: Techno-DJ ist mein Background. Bei der Arbeit mit Sharon und Gai gehe ich auch an den Ursprung, zum Afrikanischen, Minimalistischen, Perkussiven.

Elektronik, um was auszudrücken?

Lichtik: Genau, mit der DJ-Software mische ich vielleicht einen Loop von einer Rockband oder eine Sequenz aus einer Oper mit Rhythmen von mir. Ich bin analoger und digitaler Perkussionist.

Was macht eure Intensität aus?

Behar: Das kompromisslose Bedürfnis, sich nie zu langweilen!

Es ist Freitagnachmittag. Der Ort leert sich, Läden schliessen, der jüdische Ruhetag Sabbat beginnt. Bei Lichtik und Behar stehen Familiendinge an. Das kosmopolite Tel Aviv hat 440000 Einwohner. Eine Frau und ein Mann in Neopren­anzügen laufen mit Surfbrettern über den Boulevard Nordau. Auf zum Meer! Die Strandpromenade zwischen dem Port im Norden und dem alten Hafen im Süden eröffnet sich. Jogger stählen ihren Körper. Selbst deren Hunde mit den auffälligen Halsbändern wirken muskulös. Einige Herrchen gehören wohl zur gefeierten Start-up-Szene. Vom Restaurant Manta Ray aus, das wie eine Muschel am Strand liegt, liesse sich entspannt die Wellenreiter bei Sonnenuntergang beobachten. Wenn man rechtzeitig reserviert hat.

Science-Fiction mit Seele

Via Suzanne Dellal Center für Tanz und Theater geht’s durch die Weisse Stadt zum Rothschild-Boulevard. Das Ensemble aus 4000 weissen Gebäuden im israelischen Bauhausstil gehört zum Unesco-Welterbe. Auf den Speise- und Getränkekarten sieht man nur Hieroglyphen. Zum Glück ist die Tanzsprache international. Kuli Alma, ein trendiger Club, öffnet gerade. Kaum legt die She-DJ die erste Platte auf, tanzen die Besucher. Shakende Schultern, durchpulste Bodys, sogar Smartphone-Nutzer bewegen sich. Je später, desto mehr erwacht die Nacht. Noch den Alphabet Club reinziehen?

Der Gazastreifen, wo Palästinenser ihr schweres Dasein fristen, ist kaum 60 Kilometer entfernt. Jerusalem, das heilige Zentrum von Islam, Judentum und Christentum, liegt noch näher. Wie sagten Ori Lichtik und Gai Behar: Viele Leute hätten realisiert, dass Tel Aviv und Jerusalem zwei verschiedene Sachen seien. Es gebe Spannung im Guten wie im Schlechten. Deshalb sei man sehr progressiv. Und diese Intensität, das Zelebrieren des Jetzt, das kommt auch in den L-E-V-Stücken zum Ausdruck.

Etwa damals, 2016, in «OCD Love»: Während eine Tänzerin ihre Seele nach aussen kehrt, zieht ein Typ wie ein materialisierter Gedanken an ihr vorbei. Sie bleibt in ihrer Bewegungswelt versunken. Auch als zwei weitere Männer leise und elegant auf sie zuschreiten. Sie tragen eine zum Schwert erstarrte Frau. Ihre Fussspitzen stechen auf die Tänzerin ein, bis diese reagiert. Dann werden die zwei Frauen alleine gelassen. Die Gestörte und die Störung freunden sich an. Love?

Und dann «Love Chapter 2»: Zu den bewegten Höhlenmalereien und minimalistischen Rhythmen kommen immer mehr Schichten: Die Tänzerinnen und Tänzer entfalten ihren Körper zu perkussivem Industrial. Wo ist das Stück angesiedelt? In einem Maschinenraum, in einem Bunker? Die sechs Wesen blicken verängstigt: Wem kann man trauen? Repetitive Gesten führen zu ihren Kehlen. Doch sind das noch Menschen, die sich bewegen, oder sind es bereits Maschinen? Zum Stück heisst es: «Nun, da es keine Grenzen mehr gibt, werden wir füreinander gefährlich.»

Sharon Eyal, so kurz vor dem Abflug in die Schweiz, wie meinten Sie das mit Mutation?

Es ist wie ein total neues Gefühl. Eine neue Gestalt, ein neues Element, fast eine neue Art von Lebewesen.

Über welche Kräfte verfügen Menschen in Zukunft idealerweise?

Fantasie, Liebe, Bewusstsein.

Nach Zürich, Basel, Luzern und Bern reist «Love Chapter 2» nach Singapur, London, Edinburgh. Jede Performance sei wie eine weitere Station auf der L-E-V-Reise, sagt Sharon Eyal. Wohin diese weiterführen könnte? «Noch tiefer», sagt die Kreatorin. Tiefer ins Universum? «Und auch tiefer ins Herz.»

Privat und beruflich zusammen: Sharon Eyal und Gai Behar. (Bild: PD)

Privat und beruflich zusammen: Sharon Eyal und Gai Behar. (Bild: PD)