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Südpol Luzern: Tarantino im Blut

Den Kultfilm «Reservoir Dogs» gibt es jetzt live zu sehen. Im Stück «Like a Virgin» bringen Manuel Kühne & Co. die gewalttätige Geschichte auf die Südpol-Bühne – und das mit vollstem Körpereinsatz
Jana Avanzini
Patric Gehrig als Mister Blonde (links) und Ladislaus Löliger als Nice Guy Eddie. (Bild: PD/Ingo Höhn)

Patric Gehrig als Mister Blonde (links) und Ladislaus Löliger als Nice Guy Eddie. (Bild: PD/Ingo Höhn)

Er war der erste Kinofilm von Quentin Tarantino und man nennt ihn den grössten Independentfilm aller Zeiten – «Reservoir Dogs». Diesen Film, der 1992 in die Kinos kam, auf die Bühne zu bringen, haben sich der Luzerner Schauspieler und Regisseur Manuel Kühne und sechs Kollegen vorgenommen, und die Erwartungen sind gross. Wohl nicht nur bei den Tarantino-Jüngern. Der Südpol ist an der Premiere am Dienstagabend ausverkauft. Spannung mischt sich mit Beunruhigung, denn Tarantinos Streifen sind für ihre Brutalität und Blutrünstigkeit bekannt.

Dabei ist die Geschichte des Tarantino-Klassikers weder komplex noch besonders kreativ. Sechs Männer sitzen in einem Café, jeder kennt nur den Decknamen des anderen: Mr. White, Mr. Orange, Mr. Blonde, Mr. Pink, Joe Cabot und sein Sohn, Nice Guy Eddie. Sie sprechen über Madonnas Song «Like a Virgin», über Schwänze und Trinkgelder. Dann brechen sie auf, verlassen das Lokal und schlendern so cool wie nur möglich in ihren Anzügen und dunklen Sonnenbrillen durch die Strassen. Dann nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Der Coup ist schiefgegangen

Stück für Stück treffen die Männer nach dem gemeinsamen Überfall in einer Lagerhalle ein, dem Treffpunkt. Ein Coup ist tödlich schiefgegangen, und es gilt zu klären, wer aus dem Team sie bei der Polizei verraten hat. Mit Blut wird dabei nicht gegeizt. Doch die eigentlichen Gewaltszenen entstehen im Kopf des Zuschauers. Der Überfall und die Vorgeschichte einzelner Figuren wird nur in ganz kurzen Rückblenden gezeigt. Der Film ist dialoglastig, die Lagerhalle wirke beinahe wie eine Theaterbühne, schrieben die Kritiker. Das haben Kühne & Co. offenbar als Aufforderung verstanden.

Im Südpol werden an der Kasse Kopfhörer verteilt. Aus diesen tönt eine Weile Musik, während die Zuschauer sich an der Bar unterhalten. Doch plötzlich wandern immer mehr Hörer über die Ohren. Fast unbemerkt haben sechs Männer an einem Tisch in der Shedhalle Platz genommen – ihre Stimmen werden über die Kopfhörer laut und deutlich. Fünf von ihnen palavern über Kurkuma, Männerschnupfen und dann auch über Madonna. Einer blättert in seinem schwarzen Büchlein. Die Dialoge, besonders die improvisierten Teile, sind in ihrer absurden Banalität Tarantino mehr als würdig.

Rund um die Spielfläche sitzen die Zuschauer

Rundherum stehen die Zuschauer mit ihren Kopfhörern scheinbar noch viel näher dran. Als wären wir Teil des kultigen Vorspanns, schlendern wir nach der ersten Szene zum Soundtrack «Little Green Bag» hinter den Männern in den schwarzen Anzügen in Richtung Halle. Hier nehmen wir rund um die Spielfläche an allen vier Wänden Platz. Die Südpol-Halle dient als Lagerhalle, nur wenige Industrielampen deuten sie an. Ein kleiner Teil der Bühne ist mit einem Teppich, zwei Sofas, ein paar Bildern und einer kleinen Bar als Büro von Joe Cabot erkennbar.

Die Inszenierung hält sich über grosse Strecken stark an den Film. Einzelne Teile, wie die dramatische Autofahrt, werden zum Hörspiel mit dem Erzähler Manuel Kühne. Gefoltert wird vor der Türe, für den Zuschauer hör- aber nicht sichtbar. Trotzdem steht den Zuschauern der Schrecken im Gesicht, als Patric Gehrig, grossartig als psychopathischer Mr. Blonde, mit dem abgeschnittenen Ohr des Polizisten zu «Stuck In The Middle» zurück auf die Bühne tanzt. Es fliesst Blut, mal besser, mal weniger gut – wie man das vom Theaterblut kennt.

Die Erschossenen schlagen sich mit Heftigkeit auf die Brust, um die Blutpakete unter den weissen Hemden zum Platzen zu bringen und die Zuschauer schwanken zwischen Lachen und Schlucken. Die Überraschungsmomente kommen oft auch über die Kopfhörer. Immer wieder werden Hintergrundgeräusche und Hall, passend zum jeweiligen Raum, oder der originale Soundtrack unter die Dialoge gelegt – eine zusätzliche Ebene, für die man den Tondesignern Jon Gavin Gyr und Kevin Schneeberger ein Kränzchen winden müsste. So wie den sechs Schauspielern, Christoph Künzler, Hans-Caspar Gattiker, Ladislaus Löliger, Nikolaus Schmid, Romeo Meyer und Patric Gehrig, die sich auf der Bühne in kurzweiligen 100 Minuten zwischen Fluchen und Tanzen, zwischen Foltern, Töten und Sterben verausgaben. Eine grossartige Leistung.

Blutiger Line Dance

Die Inszenierung überzeugt besonders in den Momenten, in welchen Kühne & Co. etwas stärker vom Film abweichen. Das echte Tarantino-Gefühl stellt sich ein, wenn sie sich ganz auf sich verlassen. Bei den improvisierten Dialogen, noch bevor die ersten Film-Sätze fallen, in der vielschichtigen Rückblende von Mr. Orange, der mit seiner Agenten-Coaching-Szene, die stark an eine Theaterprobe erinnert, einen Höhepunkt des Abends setzt. Und natürlich bei den tänzerischen Einlagen und wie dem Line Dance der bühnenblutverschmierten Toten zum Abschied. Dem hätte man gern noch etwas länger zugesehen.

Weitere Aufführungen: Do 13., Fr 14. und Sa 15. Dezember, Südpol Luzern.

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