Männergewalt im Kino: Täter bleiben in Erinnerung, die Opfer nicht

Filme wie «Der Läufer» oder «Utoya 22. Juli» zeigen Extrembeispiele von Männern, die ihre psychischen Probleme in Gewalt entladen. Unbeabsichtigt schaffen solche Filme aber eine Erinnerungskultur für die Täter, welche Opfer ausser Acht lässt.

Philipp Bürkler
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Erfolgreicher Waffenläufer und brutaler Gewalttäter: Max Hubacher in der Rolle des Serientäters Jonas Widmer in «Der Läufer». Bild: Andrea Stalder.

Erfolgreicher Waffenläufer und brutaler Gewalttäter: Max Hubacher in der Rolle des Serientäters Jonas Widmer in «Der Läufer». Bild: Andrea Stalder.

Fast jeder Täter - oder potenzielle Täter - kann sich heute sicher sein: Früher oder später wird sein Fall verfilmt oder in der Literatur aufgearbeitet. Je grausamer die Tat, desto höher die Chancen, auf der Leinwand zu landen. Je bestialischer, blutiger und entfernter von gesellschaftlichen Normen, umso einfacher lässt sich daraus ein Drehbuch schreiben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es auch der Vierfachmord von Rupperswil eines Tages ins Kino schafft.

Seit einigen Wochen läuft «Utoya 22. Juli» in den Kinos. Der Film basiert auf den Verbrechen des rechtsterroristischen Massenmörders Anders Breivik, der an einem Tag 77 Menschenleben auslöschte. 72 Minuten lang folgt die Kamera der Hauptdarstellerin Kaya, die im Chaos zwischen Verletzten und Leichen ihre kleine Schwester sucht. In den kommenden Tagen feiert ausserdem «22. Juli», ein weiterer Film über Breiviks Verbrechen, Premiere auf Netflix. Dieser Film stellt Breivik ins Zentrum, seine Vorbereitungen, seine Tat und den anschliessenden Prozess.

Zwischen Angepasstheit und Gewalt

In die Schweizer Kinos kommt heute ein Film, in dem es um einen jungen Mann geht, der seine psychischen Probleme im Alltag durch Gewalt verarbeitet. In diesem Fall explizit durch Gewalt gegen Frauen. «Der Läufer» von Regisseur Hannes Baumgartner erzählt in fiktionalisierter Form das reale Verbrechen von Mischa Ebner, der 2002 in Bern nachts auf Strassen mehrere Frauen angegriffen und eine dabei tödlich verletzt hatte. Es ist ein Portrait über einen zwiespältigen Menschen. Auf der einen Seite führt Jonas Widmer, wie Ebner im Film heisst, ein gewöhnliches, angepasstes und integriertes Leben. Er hat eine Freundin, ist professioneller Langstreckenläufer, trainiert für den Olympia-Marathon, hat zwei Mal den Frauenfelder Waffenlauf gewonnen und arbeitet als Koch. Auf der anderen Seite ist er der psychisch Kranke, der mit seinem Leben nicht zurecht kommt. Als Kleinkind wurden er und sein Bruder von den Eltern verstossen und wuchsen bei Adoptiveltern auf. Als Erwachsener schafft er es nicht, über seine Probleme zu sprechen, er ist völlig abgekapselt von der Aussenwelt, hat keinen Zugang zu seinen Emotionen. Seine Aggressionen entladen sich jedoch gewaltsam an zufällig ausgesuchten Frauen.

«Mich hat diese Widersprüchlichkeit des Täters interessiert», sagt Regisseur Baumgartner. «Ich fragte mich, weshalb wird ein sozial integrierter Mensch zu einem Täter?»

Diese Frage beantwortet der Film jedoch nicht. Es bleibt unklar, weshalb Jonas einen solchen Hass auf Frauen entwickelt. Ist seine schwierige Kindheit dafür verantwortlich, seine (vielleicht vermeintliche) gesellschaftliche Ächtung oder sind es gar Misserfolge im Sport? Hat ihn der Suizid seines Bruders in diese Gewalt getrieben? Oder spielt gar ein völlig anderer Faktor mit? Die Widersprüchlichkeit zwischen seiner sozialen Integration und seiner Gewalt wird im Film nicht aufgelöst. Die Zuschauer bleiben ratlos zurück. Weshalb hat er das getan?

Unnötige Aufmerksamkeit und Ruhm für Täter

Oft sind es gerade jene Fälle, die am meisten schockieren und verstören, die von unscheinbaren Tätern begangen werden, von denen niemand so etwas erwartet hätte. Angepasste und Normalos. Durch ihre Angepasstheit und vordergründige Normalität lassen solche Menschen nicht in ihr Inneres blicken. Zwischenmenschliche Probleme und potenzielle Gefahren werden bei solchen Tätern nicht erkannt, oft sogar nicht einmal in der eigenen Familie oder Arbeitsumfeld. Vielleicht wäre die vermeintliche Integration in eine Gesellschaft ein interessanterer Filmstoff, um der Frage nach dem Warum auf den Grund zu gehen.

Der Versuch, das Handeln eines Täters zu entschlüsseln, ihn ins Zentrum zu hieven, gibt ihm unnötigen Raum und Öffentlichkeit, die ihm nicht zustehen. Auch in der medialen Berichterstattung bei Gewaltverbrechen steht meistens der Täter im Mittelpunkt. Immer wird versucht, das Verhalten des Täters zu verstehen und zu erklären. Im Falle von «Der Läufer» sollen bei einigen Vorführungen sogar Psychiater und Psychologen dem Publikum das Unverständliche verständlich machen.

Filmische Aufarbeitungen von Gewaltverbrechen - vor allem aus Perspektive des Täters - drücken die Täter zu rasch und meist auch unbeabsichtigt in die Opferrolle. Die Zuschauer vergessen leicht, welch kriminelle und verbrecherische Energie in solchen Menschen steckt. Die Opfer bleiben jedoch aussen vor und haben kein Gesicht. Auch in «Der Läufer» wird das Leid der Familie, die ihre Tochter verloren hat, keine Sekunde thematisiert. Im Zentrum steht der Täter. Keine Sekunde wird darüber reflektiert, mit welchen Konsequenzen und traumatischen Belastungen die überlebenden Opfer noch heute fertig werden müssen. Wie Angehörige und Hinterbliebene der Opfer auf solche Verfilmungen reagieren, kann nur vermutet werden.

Es ist falsch, wenn Tätern eine Erinnerungskultur zuteil wird, während Opfer keine verdiente Beachtung finden. Es darf nicht sein, dass Täter durch ihre Verbrechen mit einer Kinoinszenierung «belohnt» werden, während die Opfer vergessen gehen. Es gäbe auf der Welt so viele interessante Menschen, die eine spannende Geschichte für einen Film hergeben würden. Weshalb entscheiden sich Autoren dennoch immer wieder dafür, männlichen Gewaltverbrechern solche Aufmerksamkeit zu schenken? Sollte man sie nicht einfach vergessen?