Tatort-Kolumne
«Marlon»: In der neuen Folge aus Ludwigshafen sind alle Figuren irgendwie auch Täter

Lena Odenthal und Johanna Stern ermitteln im Fall eines toten Kindes, das vor seiner Ermordung sein ganzes Umfeld an dessen Grenzen brachte. Für Überraschungsmomente bleibt da nicht viel Raum.

Julia Stephan
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«Tatort: Marlon». Regie: Isabel Braak, So, 20.05, SRF1.

«Tatort: Marlon». Regie: Isabel Braak, So, 20.05, SRF1.

SWR

Der kleine Marlon ist ein Systemsprenger: Laut und zornig rammt er seine Faust in die Schwachstellen seines Umfelds. Einer Mitschülerin hat er den Arm gebrochen. Seine Eltern fürchten sich vor seinem überquellenden Zorn. Ein Kind, wie man es an jeder Schule kennt. Das alle braucht und niemanden hat. Genau so ein Marlon liegt im neuen Ludwigshafener «Tatort» tot am Fuss einer Schultreppe und ist quasi die Ouvertüre für ein Gesellschaftsstück über kindliche Vernachlässigung.

Lena Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern, die vor vielen Jahren selbst als Vorzeigemutter in den «Tatort» eingestiegen war und dank einer Scheidung ihr perfektes und unsympathisches Image ablegen durfte, treten in diesem sehr klar gestrickten Fall als Anwältinnen auf.

Während Odenthal als ehemaliges Problemkind selber die Partei für den kleinen Marlon ergreift, versetzt sich Stern in die schwierige Lage der Eltern. Dazwischen urteilen gemobbte Hausmeister, ängstliche Lehrer, überforderte Kinder, überengagierte Sozialarbeiter und übergriffige Eltern von Mitschülerinnen über den Fall, ohne dass man Marlon dabei in irgendeiner Form näher käme.

Die Selbstdemontage der Figuren, die irgendwie alle auch Täter waren, gelingt in dieser Folge hervorragend. Dass die verschiedenen Haltungen zum Problemkind Marlon pädagogisch wertvoll auf so viele Figuren aufgeteilt werden, lässt den Film allerdings derart aufgeräumt wirken, dass für Überraschungsmomente nicht mehr viel Raum übrig bleibt. Der vom Liedermacher Reinhard Mey bereits in den 1970er-Jahren besungene Mörder, der doch immer der Gärtner ist, wird am Ende auch hier seinen grossen Auftritt haben.

«Tatort: Marlon». Regie: Isabel Braak, So, 20.05, SRF1. Wir geben drei von fünf Sternen.

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