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Tatort Umwelt: Krimis werden grün

Die «Tatort»-Ermittler sind Sündern jeder Couleur auf der Spur. Klimasündern noch nicht. Das soll sich nun ändern. Weniger Beleuchtung oder nachhaltige Hotels für die Crew: Was den Krimi nachhaltiger macht.
Roland Schäfli
Der SWR produziert schon nachhaltigere Krimis. Das Schweizer Fernsehen will mit dem neuen «Tatort» einen Test starten.

Der SWR produziert schon nachhaltigere Krimis. Das Schweizer Fernsehen will mit dem neuen «Tatort» einen Test starten.

Hollywood ist einer der grössten Umweltsünder der USA. Nur die Ölraffinerien pumpen in Kalifornien mehr giftige Stoffe in die Umwelt als die Studios. Doch die Filmbranche bewegt sich: Disney und weitere Branchenriesen haben der «Green Production Policy» zugestimmt. Deutsche Produktionshäuser wie Pro7 haben Ideen der Amerikaner bereits übernommen. Kürzlich wies die «FilmCommission Bodensee» in Konstanz Filmschaffende auf beiden Seiten der Grenze auf die Möglichkeit hin, den Green Consultant Fabian Linder zurate zu ziehen. Als Nachhaltigkeitsbeauftragter hat er mehrere «Tatorte» des SWR in den grünen Bereich begleitet. Die deutschen Kommissare zücken auf Verbrecherjagd nebst der Polizeimarke bereits ein grünes Attest: Ihre Produzenten wenden den Greenshooting-CO2-Rechner für Film und TV an.

Stadt-Krimi grüner als Land-Krimi

So weit ist das Schweizer Fernsehen noch nicht. Aber mit dem Neustart der Serie und zwei weiblichen Ermittlerinnen passt der Zeitpunkt, den helvetischen «Tatort» grün einzufärben. Aber lässt sich ein deutscher Krimi wirklich mit seinem Schweizer Pendant vergleichen?

«Ein Berliner Tatort hat mit Sicherheit eine geringere Umweltbelastung als ein Tatort auf dem Land»,

erklärt Linder. Denn in der grünen Bilanz schlägt zum Beispiel negativ zu Buche, dass die Filmschaffenden beim Landdreh anreisen müssen.

Vorderhand geht es erst darum, das Bewusstsein zu fördern. Nicht nur bei den Verursachern, auch bei den ausstrahlenden Sendern. Diese verlangen zwar umweltverträgliche Machart, doch vom Elektroauto bis zur Ökotoilette soll der externe Produzent alles selbst anschaffen. Dieser Umdenkprozess ist beim Schweizer Fernsehen im Gang. Urs Fitze, Leiter Fiktion, gibt grünes Licht für ein Pilotprojekt: Wenn im November die Kameras für den neuen Schweizer «Tatort» laufen, ist das nicht nur die Feuerprobe für die beiden neuen Kriminologinnen, sondern auch ein Test auf Nachhaltigkeit. «Zodiac Pictures» – das Unternehmen hat schon mehrere «Tatorte» verantwortet – übernimmt dabei einen Studienauftrag.

Stromfresser und Dreckschleudern

Produzent Lukas Hobi will mit den Erfahrungswerten nachvollziehbare Eckdaten ermitteln. Dabei braucht er nicht bei null zu beginnen. Das SRF pflegt bereits eine Zusammenarbeit mit dem deutschen «Greenfilm»-Experten Philip Gassmann. «Sämtliche Erfahrungen aus Deutschland lassen sich gut auch in der Schweiz anwenden», hat Gassmann festgestellt. Und: «Wenn man wirklich Erfolg haben möchte, muss man Experten an Bord holen – sonst bleibt das Thema an der Oberfläche.»

Für Gassmann ist die Pre-Produktion die entscheidende Phase. Schon in der Administration, wo Stromfresser wie Kopierer und Büroserver stehen, besteht hohes Einsparpotenzial. Am Drehort selbst lässt sich der ökologische Fussabdruck um mehrere Nummern verkleinern. Etwa durch die Beleuchtung: LED-Panels haben eine höhere Lebensdauer als herkömmliche Glühlichter. Neue Produkte sind zum Beispiel LED-Drohnen für das Oberlicht. Obwohl Kameras mit immer weniger künstlicher Beleuchtung auskommen, bringen die Beleuchter zu viel Material mit. Gassmanns Empfehlungen: ein Testlauf vor dem Dreh. Im Dekobau, wo der Entsorgungsalbtraum Styropor noch immer gang und gäbe ist, rückbaufähiges, einheimisches Material verwenden. Alternativen sind aus Pflanzenresten gewonnene Materialien.

Scout soll nachhaltige Hotels suchen

Was Napoleon über Armeen gesagt hat, gilt auch für Filmcrews: Sie reisen auf ihrem Magen. Das Catering verbraucht Unmengen von Plastikgeschirr. Alles kleine Fische, verglichen mit dem hohen CO2-Anteil des «rollenden Campingplatzes». Vor allem hochkarätige Crewmitglieder werden sogar über kurze Distanzen eingeflogen. Dass der «Tatort» von Luzern nach Zürich umzieht, wo die meisten Produktionsfirmen ihren Sitz haben, ist ein günstiger Nebeneffekt. Nicht zu unterschätzen: der Materialtransport zu den Lokationen. Als erster «Filmtruck mit Gasmotor der Welt» wurde jüngst ein 7,5-Tonner vorgestellt, günstiger im Verbrauch als Diesel. Elektrofahrzeuge, im Stil eines Golfkarts, wären für die kurzen Strecken am Drehort ideal.

Übernachtungen machen beim «Tatort» ganze 40 Prozent der CO2-Emissionen aus. Location-Scouts sollten sich nach Hotels mit Nachhaltigkeitslabel umsehen. Vielleicht grösste Dreckschleuder am Set ist der Diesel-Generator; Abhilfe schaffen könnte da die neue Entwicklung des kanadischen Hybridgenerators, der «Portable Electric». Solar-Generatoren sind zudem geräuschlos, was die Tonleute freut. Für Gassmann ist die «Green Production» eine Chance für die Dienstleister, die damit «in die eigene Zukunft investieren». Letztlich hängen die Emissionen ebenfalls von der Handlung ab. So geht zum Beispiel viel Komparserie ins Geld – und in die CO2-Bilanz. Sollten nun einfach Massenszenen aus den Drehbüchern gestrichen werden? Da zieht Urs Fitze von SRF eine Grenze: «Es ist wie mit dem Rauchen: wenn es für die Charakterisierung einer Figur wichtig ist, dass sie raucht, dann muss sie das auch tun können und nicht aus erzieherischen Gründen unterlassen.»

Nicht in jeder Konsequenz

In Deutschland ist der «Grüne Drehpass» bereits Diskussionsthema bei der Vergabe von Fördergeldern. Zusätzliche 5000 Euro sind bei der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg zu holen, wenn im Projekt ein Green Consultant eingerechnet wird. Die MFG stellt einen CO2-Rechner zur Verfügung, der Vergleichswerte ermittelt. Denn die Kosteneinsparung ist natürlich das beste Argument. Der deutsche Tatort «Fünf Minuten Himmel» (24 Drehtage/90 Minuten) hätte 139 Tonnen CO2-Emission verursacht. Dank angewandtem Green-Konzept waren es 80 Tonnen – eine Verringerung um 42 Prozent.

Dass im Krimiherstellungsprozess in der Schweiz ein Umdenken stattfinden muss, davon ist Fitze überzeugt. Noch ist ein «grünes Label» beim Schweizer Fernsehen jedoch nicht als Kriterium für die Erteilung des Produktionsauftrags angedacht. Doch das könnte sich bald ändern.

«Da wir die Filme finanzieren, möchten wir auch mit gutem Beispiel vorangehen»,

sagt Fitze weiter.

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