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Zaubersee-Festival: Tausend Jahre Kümmernis in einer Stunde Musik

Die russische Musik scheint direkt aus der Schwermut geboren. Zwei hochkarätige Konzerte schwelgten in diesem Klischee, an dem bestimmt auch etwas Wahres dran ist. Vorher gabs noch etwas für die Nase.
Roman Kühne
Das Quatuor Danel bot in der St. Charles Hall Meggen eine grossartige Leistung. (Bild: PD)

Das Quatuor Danel bot in der St. Charles Hall Meggen eine grossartige Leistung. (Bild: PD)

Was für ein Elend! Welch Melancholie. Schon Dostojewski wusste es. Wahrhaft grosse Menschen müssen eine grosse Trauer empfinden. Dieser russische Schmerz mag wie ein Klischee scheinen. Am Zaubersee Festival erlebt er jedoch seine unmittelbare Bestätigung, wird mit jeder musikalischen Zeile bestätigt.

Doch dieses östliche Herzweh, zumindest jenes der kulturellen und geistigen Elite, ist nicht dem Fehlen greifbarer Nahrung oder gar körperlicher Entbehrung geschuldet. Vielmehr wuchert es aus einer ganz eigenen Lust am Kummer, einer tiefen Überzeugung zum Leiden und dem Glauben, diesem nicht entrinnen zu können. Der Mongolensturm, das Tatarenjoch, der Petersburger Blutsonntag, der Stalinismus. Bis heute wirken diese Schatten nach. Wie sonst lässt sich erklären, dass der Milliardär Michail Chodorkowski nach acht Jahren Haft beteuert, dass er seine Entscheidung in Russland zu bleiben, nie bereut habe. Diese Neigung zum Dunklen ist auch in den kammermusikalischen Konzerten mit den Händen greifbar. So am Donnerstagabend im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof.

Drei Solisten im Trio vereint

Truls Mørk am Violoncello und Behzod Abduraimov am Klavier legen die düstere Geschichte Russlands in die Cellosonate (op. 119) von Sergei Prokofiev. Wenn Truls Mørk die ersten tiefen Noten spielt, sein Ton unglaublich kernig und voll, der Pianist dieselbe Schwere in ebensolche Töne giesst – dann wird man unweigerlich mitgerissen vom Soge dieser Musik, ihrer gelebten Traurigkeit.

Natürlich wird auch dem Fröhlichen gehuldigt. Ist doch der Schwermut immer auch die Hoffnung inhärent. Erlesen schön schwebt die Zwischenmelodie des dritten Satzes, leidenschaftlich erhaben ist das finales Schwelgen. Wie schon letztes Jahr begeistert das Duo mit seiner musikalischen Grosszügigkeit, ist es ein Genuss, die beiden Musiker im Spiel vereint zu erleben.

Auch im Trio mit Ilya Gringolts an der Violine zieht sich dieses Strömen weiter. Im «Trio élégiaque No. 1» von Sergei Rachmaninoff, aber vor allem im grossen ersten Klaviertrio von Anton Arensky entwickeln die drei Wärme und ein unglaubliches, fast sinfonisches Volumen. Es sind Interpretationen, die in der Romantik schwelgen, emotional weit ausgreifen, jedoch nie ins Platte gehen. Die Kontraste werden gross gezeichnet, ohne scharf oder extrem zu werden. Wie natürlich fliesst der Klang, aus dem Herz geboren. Drei grosse Solisten die sich zu einem grossen Trio finden.

Dem steht am Freitagmorgen in der St. Charles Hall in Meggen mit dem Quatuor Danel eine fixe Formation gegenüber. Und wie! Im Kern des Programms steht das erste Streichquartett von Alexander Mossolow. Hier wird die russische Melancholie für einmal von einem aggressiven, ja teils «bösen» Charakter überlagert.

Das Quartett interpretiert das vom Dadaismus und der «Maschinenmusik» inspirierte Stück mit starken, rhythmischen Gegensätzen, betont den militärischen, ja hackenden Charakter, macht aus der sperrigen Komposition ein spannendes Hörerlebnis. Auch dem bekannten ersten Streichquartett von Tchaikowsky fügen sie neue Facetten bei. Vor allem das Andante, fast ohne Vibrato gespielt, entwickelt eine eigene, sinnliche und entrückte Qualität. Es ist Kammermusik auf höchstem Niveau.

Das teuerste Parfum der Welt

Am Festival gibt es auch abseits der Musik immer wieder kleine Preziosen zu entdecken. Eine der Wunderlichkeiten war am Donnerstagabend die Verknüpfung von Parfum und Musik durch Luca Turin. Der Italiener verfügt über die wohl bekannteste Nase Europas, wenn nicht der Welt. Der Pianist Andriy Dragan spielte im Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof sechs kurze Etüden und Preludes von Alexander Scrjabin und Sergei Rachmaninoff. Dazu verteilte Luca Turin den Zuschauern den passenden Duftstreifen, mit ein paar Anekdoten gewürzt. Darunter befand sich Kuriositäten wie «Breath of God» von Gorilla Perfumes – ein kräftiges, nicht nur angenehmes Odeur – aber auch Auserlesenes wie «Au coeur du desert». Ein Fragrance, das mit seinem kräftigen Kern ausgezeichnet die Prelude in gis Moll (op. 32 Nr. 12) von Rachmaninoff unterlegte.

Dann durfte das Publikum auch noch am wohl «teuersten Parfum der Welt» schnuppern. Das «Iris de Fath», zart und geheimnisvoll, ist die ideale Ergänzung zur schwebenden Etude in cis-Moll von Scrjabin. Ein gelungener Einstieg ins anschliessende Konzertvergnügen.

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