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Lucerne Festival mit Neuer Musik: Teamgeist und Klavierwahnsinn

Mit Pierre-Laurent Aimard, der Academy, dem London Symphony Orchestra und Simon Rattle ging der «Kosmos Stockhausen» beim Lucerne Festival zu Ende. Ein in mancher Hinsicht grossartiger Abschluss eines Festivals im Festival.
Katharina Thalmann
Im Luzerner Saal gelangte Stockhausens «Gruppen» für drei Orchester zur Aufführung. (Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 9. September 2018))

Im Luzerner Saal gelangte Stockhausens «Gruppen» für drei Orchester zur Aufführung. (Bild: Priska Ketterer/LF (Luzern, 9. September 2018))

Karlheinz Stockhausens Klavierstücke erfordern Konzentration. Nicht nur vonseiten des Publikums, sondern auch des Interpreten. So kam es, dass Pierre-Laurent Aimard das Klavierstück VIII in der Maihofkirche abbrach, um eine Fotografin zu massregeln. Sie habe sich zu sehr entlang der Wand bewegt. Betroffene Blicke, unangenehme Stille. Verständlicher ist die Konzentration, die dem Publikum abverlangt wird: Noch nie wurden Karlheinz Stockhausens Klavierstücke in toto am Lucerne Festival aufgeführt. Entstanden zwischen 1952 und 1961 gehören sie erst seit 2008 vereinzelt zum Festival-Repertoire.

Pierre-Laurent Aimard erwies sich am Sonntag als idealer Vermittler des 75-minütigen Zyklus. Seit eh und je der modernen (Klavier-)Musik verpflichtet, mit elegantem Klang und Mut zur Eskalation, präsentierte er die elf Klavierstücke in selbstgewählter Reihenfolge.

Die Nummern eins bis vier sind Stockhausens «punktueller» Phase zuzuordnen; sie klangen alle ähnlich, aber nicht gleich, und in Aimards Anordnung (III, IV, II, I) war die Tendenz zu immer mehr Tönen und Vielklängen angelegt. Nach und nach integrierte Stockhausen auch den Pedalgebrauch als seriellen Parameter, und im Klavierstück VII fühlte man sich in die spektralistischen Siebziger in Frankreich katapultiert: Klangsinnliche Obertöne fächerten sich auf – so schön kann serielle Musik also klingen!

Glissandi, Cluster und Kontraste

Die penetrant repetierten Akkorde des Klavierstücks IX machte Aimard mit einem endlos-homogenen Decrescendo zu einem Höhepunkt des Morgens. Dank der pulsierenden Inseln war den seriellen Kapriolen in den Zwischenräumen mit Vergnügen zu folgen. Aimard endete mit einem Paukenschlag, beziehungsweise Ellbogenschlag: Mit weissen Fingerhandschuhen ausgestattet, spielte er das Klavierstück X voller Glissandi, Cluster und Kontraste. Klavierwahnsinn vom Feinsten.

«Gruppen» mit Groove

Nach einer Ruhephase am Nachmittag lud die Academy am Abend gleich zweimal zu Stockhausens «Gruppen». Das Konzert wurde mit Spannung erwartet. Nicht nur wegen der erstmaligen Kooperation zwischen dem Orchester der Lucerne Festival Academy und dem London Symphony Orchestra (LSO), sondern auch wegen Jaehyuck Choi und Ruth Reinhardt, die für Matthias Pintscher sehr kurzfristig eingesprungen waren. Nun mag man von der festivalinternen Kommunikationsstrategie in der Causa Pintscher halten, was man will, kann Gerüchte befeuern, dementieren oder ignorieren. Am Sonntag jedoch dominierten die Kunst und ein unerschütterlicher Teamgeist die Bühne – die Gerüchte wurden irrelevant.

Die drei Gruppen waren im Luzerner Saal verteilt – die Orchester spielten jeweils gegen die Wand, damit sich die Dirigenten Simon Rattle, Duncan Ward und Jaehyuck Choi stets im Blick hatten. Die drei bildeten fast so etwas wie ein Free-Jazz-Trio: Stets die Aktionen der anderen mit Blicken abfangend, gaben sie ihren Orchestern Einsätze, grinsten, groovten, gestalteten. 1958 uraufgeführt, ist «Gruppen» nach wie vor ein Meilenstein.

Es war eine Freude, die Köpfe zu recken und den Klängen zu folgen. Als die Blechbläser ihre schneidenden Akkorde durch den Raum wirbeln liessen, sorgte das für Gänsehaut. Auch die kammermusikalischen Passagen kamen im Luzerner Saal zur Geltung, Cello-Pizzicati mit kleinen Trommeln und Kuhglocken entfalteten ebenso ihren Reiz wie die krächzende E-Gitarre.

Zwei fremde Planeten

Weiter ging es im Konzertsaal mit Messiaen und Nono. In den Stockhausen-Kosmos auch zwei fremde Planeten zu integrieren, machte insofern Sinn, als sie Stockhausens musikalische Pionierarbeit zementierten. Hätte Nono für sieben Gruppen komponiert, wenn Stockhausen nicht drei Jahrzehnte zuvor für drei Gruppen geschrieben hätte? Olivier Messiaens «Et expecto resurrectionem mortuorum» für Bläser und (Metall-)Schlagzeug wurde mit Simon Rattle und dem LSO zu einem monumentalen Auferstehungshymnus: ohne Furcht vor dem Fortissimo und nie zu gravitätisch.

Die Academy und Ruth Reinhardt spielten als Kontrast dazu Luigi Nonos «No hay caminos, hay que caminar... Andrej Tarkowsij». Die Academy-Alumni brachten solche Raummusik heuer schon mit György Kurtags op. 27 und Fritz Hausers «rundum» zu Gehör.

Luigi Nono ist radikal: Aus nur sieben (Viertel-)Tönen rund um den Ton G, wurde das Wandern des Klangs durch den Saal zur Metapher für den ewig wandernden Komponisten. Reinhardt meisterte ihren spontanen Einstand souverän, und das Orchester erwies sich einmal mehr als leidenschaftlicher Neue-Musik-Profi.

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