TESSIN: Schweizer Theatertreffen mit Luzerner Beteiligung

Am vierten Schweizer Theatertreffen sorgte eine Luzerner Koproduktion für frischen Wind. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis das noch junge Veranstaltungsformat ein festes Publikum findet.

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War auch am Schweizer Theatertreffen: Der aufstrebende Theatermacher Max Merker (40), fotografiert im Theater Winkelwiese in Zürich. (Bild: Roger Grütter/LZ (Zürich, 25. April 2017))

War auch am Schweizer Theatertreffen: Der aufstrebende Theatermacher Max Merker (40), fotografiert im Theater Winkelwiese in Zürich. (Bild: Roger Grütter/LZ (Zürich, 25. April 2017))

Migration, global erweiterte Blickwinkel und schweizerische Abschottungsmentalität – die Auswahl der acht besten Stücke des Jahres am vierten Schweizer Theatertreffen war inhaltlich erstaunlich homogen. Das in Partnerschaft mit dem Bundesamt für Kultur ausgetragene Theatertreffen hatte seine Auswahl wie gewohnt streng nach dem Konkordanzprinzip getroffen. Zu sehen waren Tessiner, Westschweizer und Deutschschweizer Produktionen. Über 200 Stücke waren evaluiert worden.

Gastgeber des jedes Jahr in einer anderen Sprachregion stattfindenden Theatertreffens war nach Winterthur und Genf dieses Jahr das Tessin, wo man das Thema Migration hautnah erleben konnte. Zum einen am Polizeiaufgebot an den grenznahen Bahnhöfen, zum anderen auch ganz konkret als Zuschauer. Weil die Zahl der Theaterhäuser in Lugano nicht ausreichte, um alle Inszenierungen zu zeigen, transferierte man die Zuschauer mit Shuttlebussen an vier Theater in Chiasso, Lugano und Bellinzona.

Dass eine der interessantesten Inszenierungen des Jahres, Simon Stones am Theater Basel aktualisierte, zum Berliner Theatertreffen geladene Inszenierung von Tschechows «Drei Schwestern», aus technischen Gründen nicht gezeigt werden konnte, war bedauerlich; dass sie im Programmheft nur im Vorwort erwähnt ist, sorgte für Irritationen.

Freuen durfte man sich über Milo Raus feinfühlige Inszenierung «Empire». Im Stück erzählen Profischauspieler mit Migrationshintergrund in einer Küche ihren Weg nach und durch Europa. Persönliche Schicksale verzahnten sich hier mit europäischer Kulturgeschichte.

Die einzige Luzerner Koproduktion der Auswahl kam vom Kleintheater. Max Merker und Mat­thias Schochs virtuoser Abend über den Humor der Marx Brothers («Before I speak I have some­thing to say»), hob sich dank spielerischem Ansatz wohltuend vom Rest ab.

Kleingeist versus Freigeist

Zum Auftakt am Mittwochabend war im neuen Tessiner Kulturflaggschiff Lac (Lugano Arte e Cultura) der im Tessin geborenen Schauspielerin Ursina Lardi der Grand Prix Theater 2017/Hans-Reinhart-Ring überreicht worden. Ein Podium zum Thema postmigrantisches Theater machte am Samstag offenbar, wie wenig Freigeist und wie viel Kleingeist sich manchmal verbirgt im sich nach aussen hin traditionell offen und durchlässig gebenden Theaterbetrieb. Dass die Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, kurzfristig ihre Teilnahme absagte, war der etwas lustlos geführten Debatte nicht unbedingt förderlich. Die Tochter einer türkischen Gastarbeiterin hatte den Begriff des «postmigrantischen Theaters« vor Jahren ins Leben gerufen. Er fordert eine Theaterkultur, die einer durch Migration geprägten Gesellschaft gerecht wird, indem sie Menschen mit Migra0tionshintergrund am Theater zu Akteuren werden lässt.

Dass das nicht immer klappt, machte die in der Schweiz lebende kongolesische Schauspielerin Carine Kapinga am Podium mit Leidenschaft klar. Ohne «Bühnendeutsch» sei es ihr trotz Ausbildung versagt, an einem Stadttheater eine grosse Rolle zu erhalten. Der designierte Schauspieldirektor des Konzerttheaters Bern, Cihan Inan, Sohn türkischer Gastarbeiter, ortet die Gründe im Kanondenken deutschsprachiger Bühnen und damit verbundener Sprachfixierung.

Nächste Station: Zürich

Die Frage, ob die an manchen Theatern angestossenen Integrationsprojekte aufgrund verfügbarer Fördermittel stattfinden oder aus einem echten Bedürfnis heraus, blieb offen. Ebenso, ob das Schweizer Theatertreffen künftig sein Stammpublikum finden wird. Die bunten, aber allzu ab­strakten Plakate des Theatertreffens gingen am Wochenende etwas unter in den Strassen voller flanierender Touristen. Das nächstjährige Treffen soll dann in Zürich stattfinden.

 

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch