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TESTLAUF: Das Theater als Kampfzone

In der Saison 1969/70 erprobte der streitbare Regisseur Peter Stein am Zürcher Schauspielhaus ein Mitbestimmungsmodell – und wurde schon nach drei Monaten entlassen. Erfolg hatte er dann in Berlin.
Valeria Heintges
Peter Stein beobachtet liegend eine Probe am Schauspielhaus Zürich 1969. (Bild: Leonard Zubler)

Peter Stein beobachtet liegend eine Probe am Schauspielhaus Zürich 1969. (Bild: Leonard Zubler)

Valeria Heintges

Die Bilanz der 68er-Bewegung ist «in ästhetischer Hinsicht gleich null», sagt der Autor, Dramaturg und Theaterkritiker Botho Strauss. Aber die Theaterstruktur haben die 68er zu verändern ­versucht. Im Mitbestimmungsmodell der Schaubühne Berlin etwa entschied statt des Intendanten eine Vollversammlung, die Schauspieler wurden stärker in die Regiearbeit eingebunden, es sollte Einheits- statt Stargagen geben. Manches wird derzeit im Rahmen der MeToo-Debatte wieder diskutiert, um die hierarchische Struktur aufzubrechen, die solche Missbrauchsfälle ex­trem begünstigt.

An der Schaubühne Berlin wurde das Mitbestimmungsmodell zwar umgesetzt, diskutiert und ausprobiert aber wurde es am Zürcher Schauspielhaus, wo die Truppe um Peter Stein vorher eine Art Probelauf startete. «In Zürich verwandelte sich das Schauspielhaus während der Saison 1969/70 für ein paar Monate in eine Kampfzone», erinnert sich Journalist und Autor Christoph Kuhn im Magazin «Du». Die Revolution war kalkuliert: Intendant Peter Löffler wollte den jungen Regisseur Peter Stein an sein Haus binden, um «das traditionelle Programm des Schauspielhauses mit progressiven Stücken zu modernisieren», wie Roswitha Schieb in ihrer Peter-Stein-Biografie schreibt. Das war nötig, denn das Zürcher Theater brauchte eine Erneuerung. Unter dem Titel «Legt endlich Feuer an dies Haus!» hatte schon der Kritiker Hugo Leber im «Tages-Anzeiger» dazu aufgerufen, vergangene Glorie zu vergessen und einen radikalen Neuanfang zu wagen.

Nach der Aufführung Geld für Waffen gesammelt

Für radikale Neuanfänge war Peter Stein der richtige Mann. Er hatte sich mit sehr genauen, radikalen, heftig debattierten Inszenierungen einen Namen gemacht. Sein Début, Edward Bonds «Gerettet» an den Münchner Kammerspielen, wurde frenetisch gefeiert und genauso zum bedeutenden Berliner Theatertreffen eingeladen wie Brechts «Dickicht der Städte» und Goethes «Torquato Tasso» am Theater Bremen. Als Verbindungsmann zwischen Löffler und Stein fungierte Bruno Ganz, der in Bremen Steins «Tasso» war, und der ihm – wie Edith Clever oder Jutta Lampe – über Zürich nach Berlin folgen sollte. «Es ging auf 68 zu, und es ging mehr und mehr um Politisches», erinnert sich Ganz. «Stein war der Mann, der alles, was an aufregenden Sachen auf der Strasse passierte, ins Theater integrierte.» 1968, auf dem Höhepunkt des Vietnam-Kriegs, ­inszenierte Stein Peter Weiss’ «Vietnam-Diskurs» und liess zum Schluss der Aufführung in den Münchner Kammerspielen Geld für Waffen für die Vietcong sammeln. Das war dann doch zu viel: Intendant August Everding schickte ihm die Kündigung.

Steins erste Arbeit in Zürich war wieder ein Stück von Edward Bond, «Early Morning», voller Gewalt, Mord und Kannibalismus. Darin schleppt etwa ein Mann seinen toten siamesischen Zwillingsbruder mit sich herum, hungert sich zu Tode und wird dann gefressen. «Ich wollte sagen, dass die Menschen einander emotional verschlingen», erinnert sich Peter Stein, «sie befinden sich im emotionalen Sinne im Kannibalenzustand.» Sogar aus den Reihen des Ensembles kam Widerstand, ein alteingesessener Schauspieler leitete Buh­rufe per Handbewegung an die Direktoriumsloge weiter. Ältere Zuschauer reagierten empört und türenschlagend, eine Dame forderte lauthals, sie wolle wieder «ansprechendes Theater» sehen. Viele Jüngere jubelten. Und Peter Stein wurde mit seiner sechsten Inszenierung zum vierten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Zürcher Kantonspolizei wollte informiert sein

Die nächste Inszenierung war «Changeling» (Wechselbalg) von Thomas Middleton und William Rowley, Zeitgenossen Shakespeares. In den Hauptrollen spielten Edith Clever und Bruno Ganz, Dramaturg war erstmals Dieter Sturm. Der Inhalt eine Mischung von grotesker Gewalt und derbem Humor, das Einbrechen anarchischer Kräfte in autoritäre Strukturen, das Verhältnis zwischen Herrschaft und Sexualität, zwischen sozialer Ordnung und psychischer Unterdrückung. Ivan Nagel, Kritiker und später Intendant des Hamburger Schauspielhauses, erinnert sich: «Ich sah, wie nach den beiden Premieren die Damen aus ihren kostbaren Täschchen die mitgebrachten Trillerpfeifen hervorzogen, um die Schweiz vorm Import der deutschen Revolution zu retten. Stein war wieder arbeitslos.»

Nach nur zwei Arbeiten in Zürich wurde Stein gekündigt, ebenso allen Schauspielern, die er mitgebracht hatte. Es gab Diskussionen, Demonstrationen, Versammlungen, um ihn zu halten. Sogar Max Frisch meldete sich zu Wort. Genutzt hat es nichts. Am Ende der Spielzeit musste auch Intendant Peter Löffler gehen. Die Revolution wurde noch einmal verschoben.

Über die Diskussionen zur Mitbestimmung hielt ein Mitarbeiter die Kantonspolizei Zürich auf dem Laufenden. Gesprochen wurde über Grundsätzliches: Wem das Theater gehört, für wen es spielt, aber auch, wie eine kollektive Inszenierung aussehen könnte, «welcher Grad von Bewusstsein notwendig», welches Ideal der «Diktatur der Regie» entgegenzusetzen wäre. Die Rede ist auch von «Alibifunktion des bürgerlichen Theaters, Agitationsmöglichkeiten, Polittheater» und von «Mitbestimmung partiell». Dunkel dräuend schreibt der «Beobachter» am Ende der Protokollseite: «Was da von gewissen Leuten angestrebt wird, lässt sich wohl erahnen.»

Individualismus sollte überwunden werden

Diese Ideen wurden dann erst an der Schaubühne Berlin umgesetzt. Vorher hatte die Truppe noch die Möglichkeit, in Zürich drei Monate «Frankenstein» von Wolfgang Deichsel zu proben, ohne es je aufführen zu können oder zu müssen. Das Ergebnis wurde festgehalten im sogenannten Zürcher Papier: «Unsere Erfahrungen in Zürich (‹Frankenstein›) zeigen, dass kollektive Arbeit nur möglich ist, wenn die Interessen der Produzierenden grundsätzlich übereinstimmen ... Wir wollen versuchen, als bürgerliche Schauspieler unseren bürgerlichen Individualismus durch kollektive Arbeit am Theater zu überwinden, um sozial wirksam zu werden (Mao: dem Volke dienen).»

An der Schaubühne regelte das Mitbestimmungsstatut die basisdemokratische Beteiligung aller Beschäftigten. Eine Vollversammlung entschied gemeinsam. Die niedrigste Gage war nur halb so hoch wie die höchste. Als Peter Stein 1985 das Haus verliess, war die Schaubühne noch dreizehnmal zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden.

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