Jungstar am Lucerne Festival: Teuflische Virtuosität ganz in Weiss

Am Wochenende steuerten das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und die Festival Strings starke Luzerner Beiträge zum Thema Kindheit bei. Im Rampenlicht standen der Jungdirigent Joseph Sieber (27) und die Geigerin Leia Zhu (11).

Urs Mattenberger
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Das jüngste Solistin: die englische Geigerin mit chinesischen Wurzeln, Leia Zhu (11), spielt mit den Festival Strings Lucerne. (Bild: LF/Peter Fischli)

Das jüngste Solistin: die englische Geigerin mit chinesischen Wurzeln, Leia Zhu (11), spielt mit den Festival Strings Lucerne. (Bild: LF/Peter Fischli)

Mit der Beteiligung von vier einheimischen Orchestern war Lucerne Festival noch nie so stark ein Luzerner Festival wie in diesem Sommer. So präsentierten an diesem Wochenende – nach Auftritten des Luzerner Sinfonieorchesters und des 21st Century Orchestra – die Festival Strings die 11-jährige Geigerin Leia Zhu. Und im Late Night vom Samstag bewies das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester (ZJSO) umgekehrt, dass es längst den Kinderjahren entwachsen ist.

Starker Auftritt des ZJSO und seines Dirigenten

Für viele mochte es eine Überraschung sein, auf welch hohem Niveau das aus jungen Musikern und Musikschülern aus der Zentralschweiz bestehende ZJSO beliebte Repertoirestücke spielte, bei denen man Vergleiche mit Gastorchestern riskiert. Aber schon die Wiedergabe von Paul Dukas’ «Zauberlehrling» blies und fegte solche Bedenken beiseite und bestätigte, welch gewaltigen Fortschritt das ZJSO in den letzten Jahren gemacht hat.

Da zeigten sich grundlegende Orchestertugenden wie eine atmosphärische Pianissimo-Kultur, nur punktuell getrübtes, präzis ineinandergreifendes Räderwerk und grossorchestraler Schmelz und Pathos. Punkto Volumen stiess zwar Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre «Romeo und Julia» auch an Grenzen. Aber wie Dirigent Joseph Sieber auch hier die Kräfte explosiv bündelte und grosse Steigerungsbögen formte, zeigte, dass das Leistungsniveau nicht zuletzt seiner Aufbauarbeit zu verdanken ist.

In Gershwins «An American in Paris» verband sich all das mit einer Leichtigkeit und Lässigkeit, die das Orchester erst recht in seiner Form zeigte. So jung wie die Musiker war auch ein grosser Teil des Publikums. Schade nur, dass dieses Einsteigerkonzert nicht als solches genutzt wurde. Nach Siebers lockeren Ausführungen über die vorangehende Probewoche wäre man gespannt gewesen, wie das auf neue Formate spezialisierte ZJSO eine After-Concert-Party im KKL ausgerichtet hätte.

Auch wenn die Mitglieder des ZJSO 14 bis 20 Jahre jung sind – die Solistin im Sonntagsnachmittagskonzert der Festival Strings hätte selbst sie alt aussehen lassen. Leia Zhu reichte Konzertmeister Daniel Dodds gerade mal an die Brust und bekam vom Publikum wohl auch für ihr weisses Kleidchen den Kinderbonus.

Die Unschuld des Wunderkindes

Aber spielt sie bereits so, dass man ihre Konzerte auch ohne diesen Bonus besuchen würde? Es ist die Frage, die sich bei allen Wunderkindern stellt. Und auch im Fall von Leia Zhu hätte man sie wohl mit geschlossenen Augen kaum einfach so bejaht. Klar, in Mozarts Adagio KV 261 übernahm sie Phrasierungen des Orchesters, und ihr eher schmaler Ton fügte sich geschmeidig ins Spiel des Orchesters ein. Aber das diskrete, aber gleichförmige Vibratospiel blieb etwas pauschal. In den teuflisch schweren Geigenzaubereien von Paganinis «La Campanella» erreichte dann vor allem ihr stupendes Doppelgriff-Spiel ein Niveau, das einen auch ohne Wunderkind-Bonus zum Staunen brachte.

Ob das für die grosse Ausnahmekarriere reicht, lässt sich aus alledem nicht schliessen. Nur zu gerne wüsste man deshalb, wie damals Anne-Sophie Mutter gespielt hat, als sie 1976 13-jährig am Festival in Luzern entdeckt wurde. Bei Leia Zhu stimmt schon mal zuversichtlich, dass sie bei allen Erfolgen ihre Kindlichkeit offenbar bewahrt hat. Im Gespräch mit Daniel Dodds fand sie nach einstudierten «Amazing»-Floskeln zu einer überraschend persönlich wirkenden, sympathischen Natürlichkeit, die auch ihrem Spiel zugutekommen dürfte.