THE HATEFUL EIGHT: Tarantino: «Ich bin nicht sonderlich blutrünstig»

Quentin Tarantinos Filme haben Kultstatus. In seinem neusten Film «The Hateful Eight» spart er wieder einmal nicht mit Blut. Ein Gespräch über Hass und Stil.

Drucken
Teilen
«Ich mag es, wenn die Leute an mich grosse Erwartungen haben», sagt Regisseur Quentin Tarantino (52). (Bild: Keystone)

«Ich mag es, wenn die Leute an mich grosse Erwartungen haben», sagt Regisseur Quentin Tarantino (52). (Bild: Keystone)

Interview Dieter Osswald

Quentin Tarantino, Hand aufs Herz: Können Sie auch echtes Blut sehen?

Quentin Tarantino: Ich bekomme keinen Schreikrampf, wenn ich im echten Leben Blut sehe. Allerdings würde es mir kein Vergnügen bereiten, eine Operation zu beobachten. Ich bewege mich da emotional wohl ziemlich im Mittelfeld: Ich bin weder sonderlich blutrünstig noch zimperlich.

Gut und Böse sind in Ihrem Western zunächst nicht ganz so leicht zu trennen. Wie wichtig sind Nebelkerzen für das dramaturgische Konzept?

Tarantino: Mir gefällt die Idee, dass die Figuren in einem Drehbuch reduziert sind bis zum Skelett. In dieser Geschichte gibt es nicht die üblichen Helden, an denen man sich orientieren könnte. Man kann hier nichts und niemandem trauen. Zugleich kann man alles glauben, was irgendjemand sagt – die Entscheidung bleibt dem Zuschauer überlassen, der Autor enthält sich bei der Frage nach der Wahrheit. Im Verlauf des Films entwickelt sich hoffentlich die Meinung des Publikums – und am Ende hat jeder vielleicht eine ganz andere Story gesehen. Genau das bereitet mit den Kick!

Was wohl jeder Zuschauer sehen wird, ist der enorme Hass, den diese Figuren zunehmend entwickeln. Woher rührt dieses pessimistische Bild?

Tarantino: In unserem Film ist der Hass eine Begleiterscheinung des amerikanischen Bürgerkrieges. Die Story könnte ebenso als apokalyptisches Drama in der australischen Wildnis spielen, bei dem die Figuren die letzten Überlebenden einer Katastrophe wären. Die Gesellschaft, wie man sie kannte, ist zu Staub zerfallen, und nun gibt jeder dem anderen die Schuld dafür. Unsere Apokalypse ist der Bürgerkrieg, denn als solche wurde er von vielen in Amerika damals empfunden.

Sehen Sie keine Hoffnung, solche Gräben zu überwinden?

Tarantino: Die einzige Hoffnung sehe ich in der Zeit. Spätere Generationen werden anders damit umgehen als die Betroffenen.

Wie gehen Sie privat mit Hassgefühlen um?

Tarantino: Ich mache aus meinem Hass ein Drehbuch und investiere die Gefühle in die Entwicklung der Figuren. Tatsächlich schrieb ich dieses Skript zu einer Zeit, als ich persönlich sehr deprimiert und auch sehr wütend war.

Worüber waren Sie wütend?

Tarantino: Darüber möchte ich lieber nicht reden!

Wie kommt ein Tarantino generell auf seine Themen?

Tarantino: Ich finde meine Themen jedenfalls nicht dadurch, dass ich nach ihnen Ausschau halte. Die Suche nach einer Story ist nicht vergleichbar mit der Suche nach einer Frau, mit der man nett Kaffee trinkt oder ins Kino geht. Mir fallen Dinge ein, wenn ich meine Filmstudien schreibe. Auf die Idee zu «Django» kam ich zum Beispiel, als ich mein Buch über den Regisseur Sergio Corbucci geschrieben habe.

Sie haben Ihren Film auf 70-mm-Breitwand gedreht, wenngleich der grösste Teil nur in einer kleinen Hütte spielt – ist das nicht ein bisschen cinematografische Dekadenz?

Tarantino: Mit 70 mm fängt man öde Westernlandschaften, Schneewüsten, aber auch attraktive Schauplätze perfekt ein. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass das Breitwandformat zugleich auch für grössere Intimität sorgt. Du bist näher an den Figuren dran. Ich glaube nicht, dass dieses Format sich nur für Reiseberichte eignet.

Wünschen Sie sich nicht bisweilen die Zeiten zurück, als Sie nur Angestellter einer Videothek waren und keiner ständig grosse Erwartungen an Sie hatte?

Tarantino: Nein, ich mag es, wenn die Leute an mich grosse Erwartungen haben – ich erwarte sogar, dass man grosse Erwartungen an mich stellt. Ich bin stolz, dass ich eine solide Filmografie aufweisen kann. Jeder neue Film muss in diese starke Kette passen, es darf dort kein schwaches Glied geben, schliesslich werde ich mit dieser Kette meiner Filme einmal ins Grab gehen.

Was wäre Ihre Definition von «tarantinoeskem Stil»?

Tarantino: Ich bin wohl der Einzige, der nicht wirklich weiss, was «tarantinoesk» bedeuten soll. Ich schreibe ganz normal meine Sachen – natürlich ist das dann alles «tarantinoesk», aber eben nur, weil es von mir stammt. Jede weitere Bedeutung des Wortes wäre mir unklar. Es ist allerdings wundervoll, dass ich Fans habe, die meine Arbeit sehr mögen. Und die sich auf neue Filme von mir freuen. So wie auch ich mich immer auf den nächsten Martin-Scorsese-Film freue. Oder das neue Werk von Brian de Palma. Oder den neuen Roman von Stephen King. Es ist schön, wenn das Publikum die Arbeit eines Künstlers mitverfolgt.

Hinweis

«The Hateful Eight» startet heute in den Kinos Bourbaki, Capitol, Moderne (Luzern), Lux (Baar), Brunnen, Cinéboxx (Einsiedeln), Maxx (Emmen), Engelberg, Cinema 8 (Schöftland), Cinepol (Sins), Cinebar (Willisau), Seehof (Zug). Eine ausführliche Kritik dazu finden Sie in der gestrigen Ausgabe.