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«THE SHAPE OF WATER» STARTET AM 15. FEBRUAR IN UNSEREN KINOS: «Ich bin ein ziemlicher Dickkopf bei der Arbeit»

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro liebt Monster. In seinem mehrfach Oscar-nominierten Spielfilm «The Shape Of Water» gibt es denn auch einen anderen Bösewicht.
Guillermo del Toro beim Dreh mit den Schauspielerinnen Sally Hawkins (links) und Octavia Spencer. (vorne: del Toro, Hawkins, Richard Jenkins).PD

Guillermo del Toro beim Dreh mit den Schauspielerinnen Sally Hawkins (links) und Octavia Spencer. (vorne: del Toro, Hawkins, Richard Jenkins).PD

Guillermo del Toro schwebt auf einer Erfolgswelle. Für «The Shape Of Water, eine anrührende Melange aus Liebes- und Monsterfilm, Pathos und Poesie, erhielt er nicht nur den Goldenen Löwen in Venedig, sondern auch den Golden Globe für die beste Regie und den begehrten US-Produzentenpreis. Auch bei den Oscars kann er sich einiges ausrechnen – mit 13 Nominierungen ist «The Shape Of Water» Favorit. Del Toros Blick in die Vergangenheit des Jahres 1962, in der sich ein mysteriöses Fischmonster in einem Labor mit einer stummen Putzfrau anfreundet, ist gleichzeitig ein Blick auf die Gegenwart. Geändert hat sich für die in den USA lebenden Mexikaner wenig.

Was hat Sie zu diesem «Monster» inspiriert?
Guillermo del Toro:Es gibt eine tolle Tradition von Amphibienmännern in B-Movies – die liebe ich. Aber ich beziehe mich auch auf die japanischen Formen schwarzer Karpfen oder Salamander. Die Kreatur sollte jedenfalls schwarz sein. Besonders angetan haben es mir die Monsterfilme aus den 1950er-Jahren wie Jack Arnolds «Der Schrecken vom Amazonas» mit dem Kiemenmenschen, halb Meeres- und halb Landlebewesen. Ich wollte auch mal den Spiess umdrehen: Nicht das fremde Wesen sollte der gefährliche Bösewicht sein, sondern der Mensch.

Haben Sie die Rollen quasi den Schauspielern auf den Leib geschrieben?
Sally Hawkins als stumme Putzfrau, Octavia Spencer als ihre Freundin und Michael Shannon als sadistischer Regierungsbeamter standen von Anfang an fest. Schon vor Jahren habe ich Sally versprochen, einen Part für sie zu schreiben. Ich kannte sie aus der BBC-Serie «Fingersmith» und aus Mike Leighs «Happy-Go-Lucky».

Sex spielt eine grosse Rolle.
Für mich ist «The Shape Of Water» eine «Die Schöne und das Biest»-Geschichte. Die ist bei manchen ganz rein, bei anderen wieder pervers. Keine der Seiten interessierte mich. Ich wollte eine Lovestory, zu der ganz selbstverständlich Sex gehört. Sally Hawkins ist auch nicht die weisse Prinzessin auf dem Sockel. Sie regelt alles nach Plan, drei Minuten Masturbation am Morgen, drei Minuten Eier kochen, dann das Haus verlassen. Dennoch kann sie diese Reinheit ausstrahlen. Man sollte keinesfalls Reinheit mit Unschuld verwechseln.

Die Liebe ist so fragil und bedroht.
Beide sind beschädigt, brauchen keine Worte, verstehen sich durch Gefühle. Das Gefährlichste auf der Welt ist Perfektion. Nur diese Motherfucker von Faschisten und Nationalisten streben sie an. Nicht-Vollkommenheit bedeutet auch Toleranz, und dafür stehen Monster. Sie sind Aussenseiter und präsentieren sich so, wie sie sind, können nicht lügen. Die wahren Monster sitzen heute in Anzug und Krawatte in den Führungsetagen der TV-Anstalten.

Warum wählten Sie ausgerechnet das Jahr 1962?
Es war ein wichtiges Jahr für Amerika, der Höhepunkt des weissen «American Dream». Die Zukunft schien rosarot. Das alles spielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, dem Wettlauf im All und der beginnenden Bürgerrechtsbewegung. Im Weissen Haus regierte John F. Kennedy. Als er einige Monate später erschossen wird, bricht dieses Camelot zusammen. Der Vietnamkrieg eskaliert, die Gesellschaft spaltet sich. Wer heute sagt «Make America great again», träumt von 1962, der Zeit mit gut laufenden Fabriken, neuen Robotern, prosperierender Landwirtschaft, prächtigen Highways. Dahinter brodelten Probleme wie Rassismus, Sexismus, Klassenunterschiede. Und die gibt es immer noch.

Also ist «The Shape Of Water» auch ein Blick in die Gegenwart?
Zweifellos. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch darum, wie Hass, Aufspaltung und Zynismus unsere Gesellschaft bestimmen. Wer über Zynismus redet, gilt als smart, wer Liebe als Lösung vorschlägt, als ein elender Dummkopf. Man traut sich fast nicht mehr, über Gefühle zu sprechen. Dagegen setzt mein Film Hoffnung und Erlösung, auch wenn das Märchenhafte immer wieder durch die harte Wirklichkeit gebrochen wird. Eine Vermählung zwischen Science-Fiction und Märchen.

Dabei schockiert aber dieses Aufeinanderprallen von Poesie und Fantasie auf der einen und ungeheurer Brutalität auf der anderen Seite.
Diese Bruchstelle ist wahrscheinlich für das Publikum schwieriger als für mich. Ich habe einige sehr brutale Szenen sogar herausgeschnitten. Beides muss nebeneinander existieren können in meinen Filmen. «Pans Labyrinth» war auch schön und brutal.

Fühlten Sie sich auch als Aussenseiter, als Sie anfingen, Filme zu machen?
Was glauben Sie? Als Kind in Mexiko dachte ich an Christopher Lee, Boris Karloff, James Whale und Lon Chaney (Darsteller in Horrorfilmen, Anm. d. Redaktion). Darüber konnte ich mit niemandem reden. Ich bin total mexikanisch, sehe Leben und Tod anders als ein Amerikaner. Gelder für meinen ersten Film in Mexiko («Cronos») zu generieren, ein Melodram über einen 70-Jährigen, der in einen Vampir verwandelt wird, war wahrlich kein Kinderspiel.

Hat Ihnen der Ausstieg aus den geplanten zwei «Hobbit»-Filmen geschadet?
Eine komplizierte Situation. 2013 habe ich noch «Pacific Rim» gedreht, der nächste Film klappte nicht. Warum auch immer. Die meisten Projekte erblicken nicht das Licht der Leinwand, das gehört zum Business. Ich habe in 25 Jahren 24 Dreh­bücher geschrieben, die meisten blieben in der Schublade. In jeden Film investiert man zwei oder drei Jahre. Bei «Hellboy» dauerte es acht Jahre, bis er auf die Leinwand kam. Filmemachen ist kein Dating-Service, sondern eine Ehe auf Zeit. Nichts ist vorhersehbar in diesem Geschäft.

Sie versuchen einen Spagat zwischen Arthouse und Kommerz.
Ich realisiere Filme mit einem Superbudget oder mit einem moderaten wie hier und fühle mich keiner Kategorie zugehörig. Für den Arthouse-Sektor bin ich zu sehr ein Genre- regisseur und für manche Genrefilme zu künstlerisch. Ich existiere an einem Platz, wo ich künstlerisch atmen kann. Nicht gerade leicht. Ich könnte vielleicht schon zwanzig Filme statt zehn gemacht haben, aber ich will meine Vorstellungen durchsetzen und bin ein ziemlicher Dickkopf bei der Arbeit.

Und wie haben Sie diesen aussergewöhnlichen Film in die Gänge bekommen?
Ich hatte erst eine andere Geschichte von einer Expedition im Amazonasgebiet im Kopf. Die ging aber nicht richtig auf. Daniel Kraus, mein Koautor für die Fernsehserie «Trollhunters», berichtete mir 2011 bei einem Frühstück von einer Idee, die er als Teenager hatte: Eine Putzfrau, die in einer Regierungseinrichtung arbeitet, freundet sich mit dem dort gefangen gehaltenen Amphibienmann an und befreit ihn. Da platzte bei mir der Knoten.

Die Finanzierung war sicher nicht leicht.
Nein. Mir schwebte ein klassischer Schwarzweissfilm vor. Das kam beim Studio aber nicht so gut an. Wenn schon einen Film mit politischer Aussage, eine Lovestory zwischen einer Frau und einem Fischwesen, dann ­bitte in Farbe. Das war dann auch meine einzige Konzession.

Inwieweit hat die aktuelle politische Situation Einfluss auf Ihre künstlerische Arbeit?
ls in den USA lebender Mexikaner wurde ich schon Jahre vor Trump mit Nationalismus und Ungleichheit konfrontiert – auch wenn die Obama-Administration versuchte, die Gräben zu verkleinern. Allerdings hätte ich mir nie diese völlig schamlosen Nazi-Aufmärsche vorstellen können und den heute grassierenden Rassismus. Das schockiert mich.

Margret Köhler/Ricore

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