THEATER: Antiker Stoff im discohaften Outfit

Eine klassische Tragödie am Luzerner Theater: Wojtek Klemm inszeniert Sophokles’ «Antigone» mit besonderen Statisten und reichlich Action.

Kurt Beck
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«Antigone» am Luzerner Theater: Kreon (Jörg Dathe, Mitte) als Discokönig im wilden Tanz mit Antigone (Juliane Lang, rechts). (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

«Antigone» am Luzerner Theater: Kreon (Jörg Dathe, Mitte) als Discokönig im wilden Tanz mit Antigone (Juliane Lang, rechts). (Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf)

KURT BECK

Wer ist im Recht? Das ist die zentrale Frage, um die sich die griechische Tragödie «Antigone» dreht. Im Stück, von Sophokles vor knapp 2500 Jahren geschrieben und vor einem Jahr neu übersetzt vom Luzerner Altphilologen Kurt Steinmann, treffen zwei Rechtssysteme aufeinander, deren Kollision den Untergang aller Protagonisten herbeiführt. Göttliches Recht oder obrigkeitliche Verordnung welches ist höher zu werten? Oder, aktueller formuliert, was gilt mehr: internationales Menschenrecht oder nationalstaatliches Gesetz? Das Gewissen des Individuums oder die kollektive Norm? Der Konflikt wird im Stück nicht auf rechtsphilosophischer Ebene verhandelt, sondern existenziell ausgetragen unter Einsatz und Verlust des Lebens.

Fataler Bruderkampf

Die Faktenlage ist folgende: Die Stadt Theben hat einen Angriff feindlicher Truppen siegreich abgewehrt. Die fremde Armee wurde von Polyneikes angeführt, der seinen Bruder Eteokles mit Gewalt von Thebens Thron stossen wollte. Die beiden Brüder, beides Söhne von Ödipus, hatten vereinbart, abwechslungsweise die Herrschaft über Theben auszuüben. Doch Eteokles, der die erste Amtszeit übernahm, wollte die Macht nicht mehr abgeben. In der Schlacht trafen die beiden Brüder aufeinander und töteten sich gegenseitig. In der Folge bestieg ihr Onkel Kreon den Königsthron und ordnete als eine der ersten Amtshandlungen an, dass Polineikes, der die Stadt angegriffen hat, nicht beerdigt werden durfte: «Ihn ... soll keiner mit dem Grabe ehren noch beklagen, nein, unbestattet lass man seinen Leib zum Frass den Vögeln und den Hunden.» Wer das Verbot missachtet, «dem sei hier in der Stadt der Tod durch Steinigung durchs Volk bestimmt».

Fromme Freveltat

Antigone ist die Einzige, die sich widersetzt und ihren Bruder beerdigt und dabei den Tod in Kauf nimmt. «Schön ist mir nach solcher Tat der Tod. Lieb werd ich bei ihm liegen dann, dem Lieben, nach frommer Freveltat.» Wächter erwischen Antigone auf frischer Tat, schleppen sie vor den König, der sie zu Tode verurteilt und sie bei lebendigem Leib einmauern lässt. Sein Sohn Haimon, der Bräutigam von Antigone, versucht seinen Vater umzustimmen, vergeblich. «So muss man denn, was angeordnet ist, verfechten und nie darf einem Weib man unterliegen.» Kreon bleibt stur. Sein Macho-Stolz lässt es nicht zu, sich von einer Frau kleinkriegen zu lassen.

Erst als der Seher Teiresias Kreon nahen Tod in seiner Familie voraussagt, lenkt dieser ein. Doch zu spät: Antigone hat sich erhängt, Haimon und seine Mutter Eurydike haben sich ebenfalls umgebracht.

Klare Entscheidung

Die Frage, wessen Recht höher zu bewerten sei, das königliche von Kreon oder das moralische von Antigone, beantwortet die Inszenierung am Luzerner Theater eindeutig. Antigones «fromme Freveltat» ist legitim. Allerdings macht der deutsche Regisseur Wojtek Klemm Antigone nicht zur strahlenden Heldin. Er zeigt sie als zweifelnde junge Frau, die als Einzige in der ganzen Stadt Widerstand leistet, leisten muss, weil ihr Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie keine andere Möglichkeit zulässt. Antigone ist letztlich ein verzweifelter Mensch, der, allein gelassen von allen, fast durchdreht und sich in den Tod flüchtet.

Asylbewerber auf der Bühne

Im Programmheft auf der Besetzungsliste sind neben den Protagonisten neun «Fremde» aufgeführt mit Namen, die auf eine aussereuropäische Herkunft schliessen lassen. Gleich in der ersten Szene löst sich das Rätsel. Regisseur Klemm siedelt das Stück in der Jetztzeit an und verortet es in einem bunkerartigen Betonkeller einer Asylunterkunft. Die neun «Fremden» sind tatsächlich Fremde, es sind Flüchtlinge aus Afrika, die in einer Asylunterkunft in der Zentralschweiz leben. Ihre Präsenz auf der Bühne irritiert und wirft die naheliegenden Fragen auf, welche Menschenrechte Asylbewerber in unserer Gesellschaft haben, welche ihnen zugestanden oder abgesprochen werden. Im Verlauf des Abends gewöhnt man sich an die «Fremden». Im üppigen Spektakel, das auf der Bühne abgeht, werden sie zu Statisten.

Regisseur Wojtek Klemm hat Sophokles’ Tragödie mit viel Action, Musik und zweifelhaftem neuem Textmaterial auf die Bühne gebracht. Es wird getanzt, gesungen, geliebt, eine Kissenschlacht veranstaltet und mit einer Putzmaschine herumgekurvt, was unterhaltend sein mag, aber in dieser unvermittelten Form vom Eigentlichen ablenkt.

HINWEIS

«Antigone» von Sophokles in der Neuübersetzung von Kurt Steinmann. Die nächsten Aufführungen am Luzerner Theater: 16., 17., 20. 12.; 6., 8., 9., 11., 15., 18., 23. 1. 2015. www.luzernertheater.ch

Wir verlosen 3-mal zwei Tickets für die Aufführung vom Samstag, 20. Dezember, 20 Uhr, Luzerner Theater. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 25 (Fr. 1.50 pro Anruf, Festnetztarif), oder nehmen Sie teil auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe

Bild: Luzerner Theater/Tanja Dorendorf

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