THEATER: Bis der Familientisch zerbricht

Bastian Kraft zeigt Thomas Manns Jahrhundertroman «Buddenbrooks» in Zürich als Verfall einer Familie. Wenn der Roman auf die Bühne soll, dann so.

Valeria Heintges
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Familie Buddenbrook, bevor die Figuren vor den Augen des Publikums förmlich zerfallen. (Bild: Toni Suter)

Familie Buddenbrook, bevor die Figuren vor den Augen des Publikums förmlich zerfallen. (Bild: Toni Suter)

Das rote Buch liegt auf dem Tisch. Spiralbindung, nicht sehr schmuckvoll. Ganz vorne der Stammbaum. Der junge Mann weist auf den Namen ganz unten: Hanno Buddenbrook. «Das hier bin ich», sagt er. Plötzlich stehen sie alle da, aufgestellt an der Rampe: die Eltern, die drei Kinder Thomas, Antonie, genannt Tony, und Christian. Ein Blitzlicht, ein Familienfoto. «Und dies ist ihre Geschichte», sagt Hanno.

Der erzählende Enkel Hanno ist der Hebel, mit dem Regisseur Bastian Kraft Thomas Manns Riesenwerk leicht und ohne Ballast als Untergang einer Handelsdynastie auf die Bühne des Zürcher Pfauen stemmen kann. Peter Baur, Krafts Bühnenbildner auch bei «Homo Faber» und «Andorra», hat ihm dafür einen langen Tisch auf die Bühne gestellt, umstellt von vierzehn grauen Stühlen. Hier treffen sie sich alle: Der alte Konsul, konservativ, prinzipienfest, risikoscheu, auch wenn die Geschäfte «ruhig, allzu ruhig» verlaufen; die Rolle ist Pierre Cornu auf den Leib geschneidert. Susanne-Marie Wrage als seine Gattin bezeichnet ihre arrangierte Ehe im Rückblick als «Erfolg», weil die «besonnene Liebe zur Pflicht» sie getragen habe. Glücklich ist sie nicht geworden, aber ein Fels in der Brandung für ihre Familie.

Thomas als der älteste Sohn versucht verzweifelt, dem Vater zu folgen, tötet dafür alle Lebenslust in sich ab, bis in diesem «höchst mittelmässigen Leben» nur noch eine Fassade übrig bleibt. Edmund Telgenkämper spielt ihn ein wenig zu beherrscht, behauptet das innere Brodeln mehr als dass er es zeigen würde. Bruder Christian ist sein Kontrapunkt in jeder Hinsicht: Daniel Strässer, Gast im Ensemble, spielt den Faulpelz hypochondrisch bis fast in den Wahnsinn. Wie er seinen Körper schlackern lässt und ernsthaft fürchtet, er könne das Schlucken vergessen, ist komisch in der Verzweiflung und verzweifelt in der Komik. Ganz grosse Kunst. Daneben Toni, packend gegeben von Henrike Johanna Jörissen: Zunächst lebenslustig, auch lebenstauglich, wird sie in die erste Ehe gezwungen mit Bendix Grünlich, der sich als Mitgiftjäger entpuppt. Als die zweite Ehe mit Alois Permaneder (umwerfend Matthias Neukirch in beiden Rollen) ebenfalls schiefgeht, zerbricht Tony an der tödlichen Mischung aus Konventionen und Arroganz. Zwei Kameras sorgen für wechselnde, beinahe filmisch wirkende Perspektiven, zoomen heran, halten drauf, unbarmherzig. Die Figuren entblättern sich, zerfallen vor den Augen des Publikums.

Die Säge frisst sich in den Stammbaum

Bastian Krafts Bühnenfassung ist glasklar, seine Umsetzung bestechend, voller faszinierender Details, seine Arbeit mit den Schauspielern überaus genau. Mit den Fingern klopft Claudius Körber als Hanno auf den Tisch –so leise das Geräusch, doch so fatal der Hagel, der die Ernte zerstört. Die riesige Familientafel ist am Anfang noch federnd-leichter Hintergrund zur Sommeridylle am Strand. Doch mit jedem Angriff auf das (Gefühls- und Geld-)Konto frisst sich die Säge kreischend in das Holz, krachend fällt wieder ein Stück auf den Boden. Am Ende sitzen sie an den zerbrochenen Teilen. Und der Stammbaum erlischt.

Valeria Heintges

«Buddenbrooks», Schauspielhaus Zürich, bis 27. November