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THEATER: Das Gift kommt schleichend

Als erste Schweizer Bühne zeigt das Zürcher Neumarkt Michel Houellebecqs «Unterwerfung». Ein grandioser Abend, der nachhaltig verstört.
Valeria Heintges
«Unterwerfung» überzeugt mit einer konzentrierten Inszenierung und den Darstellern Martin Butzke und Marie Bonnet. (Bild: Barbara Braun)

«Unterwerfung» überzeugt mit einer konzentrierten Inszenierung und den Darstellern Martin Butzke und Marie Bonnet. (Bild: Barbara Braun)

Das Publikum war geladen für eine Zirkusvorstellung, im ­römischen Sinne. In einen Circus Maximus, erschaffen von Jo Schramm: ovale Manege, die Zuschauer auf den Seiten, in übereinanderliegenden Rängen. Eine beinahe beklemmende Situation im nicht eben grossen Theater Neumarkt, das sich in seiner letzten Saison unter Peter Kastenmüllers Leitung einen Raum verordnet hat, der Gedankenräume öffnet, aber die Bühne einengt. Katrin Hentschel hat das für ihre erste Inszenierung in Zürich nicht gestört: Sie nutzt die Enge für Konzentration in jeder Hinsicht: In gut 100 Minuten genügen ihr zwei hervorragende Schauspieler und ein verschiebbarer Würfel aus Neonröhren auf ansonsten leerer Bühne für Michel Houellebecqs Roman «Unterwerfung».

Zwischen den Polen Religion und Weltekel

Zu Beginn laute Kirchenglocken. Im Rhythmus der Schläge wirft Marie Bonnet ihre Haare hin und her. «Ich hätte doch versuchen sollen zu beten», schreit sie, und: «Mein Leben ekelt mich an.» Zwischen diesen beiden Polen, Religion und Weltekel, baut Houellebecq sein Gedankenexperiment: François, ein tendenziell frauen- und fremdenfeindlicher Literaturprofessor, wähnt sich am Ende seiner Universitätslaufbahn, sexuell ist er unbefriedigt, Freunde hat er keine. Da bringen die Präsidentschaftswahlen Mohammed Ben Abbes, den Kandidaten der Bruderschaft der Muslime, erst gegen den Front National in die zweite Runde, dann mit freundlicher Unterstützung der etablierten Parteien in den Elysée-Palast. Langsam wandelt sich die laizistische Gesellschaft in ­einen islamischen Vorzeigestaat. Am Ende wird François kon­vertieren – und mit der Aussicht auf eine Wiederanstellung und seinen kleinen persönlichen ­Harem alle seine Probleme lösen. Der Roman, der in Frankreich am Tag des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hébdo erschien, spielt diese Idee in einem weit­gehend ironisch-unaufgeregten Ton durch, wirkt aber doppelt provokativ: Denn er meint nicht nur die aktuellen Geschehnisse, sondern auch sehr deutlich die Kollaboration der Vichy-Regierung mit Hitler-Deutschland.

Präzise inszeniert, genau gesetzte Gesten

Die hervorragende Marie Bonnet, neu im Ensemble, und Martin Butzke teilen sich den Houellebecq’schen Text gekonnt auf: Sie ist zunächst die Wilde, Junge, die in Schlabberhemd und Glitzerstrumpfhose erotisch-unbedarft durchs Leben stapft. Er der Professor im adretten Anzug, mit Weste und Glitzerkrawatte (Kostüme: Regula Zuber). Im Laufe des Abends wird sie ihm immer ähnlicher, während er zusehends verwahrlost, bevor Butzke als zum Islam konvertierter Universitätsrektor im Scheichgewand und mit wehendem Haar erscheint. Katrin Hentschel und ihr Team haben den Abend präzise erarbeitet; gekonnt werden Requisiten eingesetzt oder pantomimisch-komisch ersetzt. Auch zeigen kleine Gesten mehr als lange Reden, etwa wenn Butzke als steifer Professor die Bettwäsche glattstreicht, bevor er sich setzt, oder Bonnet mit wackelnden Füssen ihre Lebens- und Liebeslust markiert. Details wie diese und das präzise Spiel machen den ständigen Rollenwechsel glaubwürdig, auch wenn er eine Frau oder sie einen Mann gibt. So kann der Text wie im Roman selbst beinahe en passant seine ungeheuerliche Frauen- und Bildungsfeindlichkeit entfalten. Hier platzt keine Bombe; vielmehr entweicht permanent ein Gas. Bevor die Gesellschaft merkt, wie tödlich es ist, haben alle längst zu viel davon eingeatmet. Dabei waren die Warnhinweise deutlich – aber sie wurden negiert. Genau davor warnt Houellebecq. Und jetzt auch äusserst eindringlich das Theater Neumarkt in Zürich.

Valeria Heintges

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