THEATER: Den Wahn hält kein Damm

Als Freilichtspiel zeigt das Theater Giswil «Häxä machä» von Romano Cuonz: ein Stück über Menschenjagd nach einer wahren Geschichte.

Urs Bugmann
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«Hesch s Bätte verleert?»: Ueli Zutter (Pfarrer), Alexandra Anderhalden (Marie).

«Hesch s Bätte verleert?»: Ueli Zutter (Pfarrer), Alexandra Anderhalden (Marie).

Der Schauplatz ist imposant: Hoch türmen sich die Felsbrocken als Damm vor der Laui auf. Ein paar Holzstege, sonst nichts als mächtige Steine, vorn ein Klotz, der als Wirtshaustisch dient. Mitten in der Natur, vom Wald umgeben, spielen die Laien des Theaters Giswil ein Stück aus finsteren Zeiten, als die Laui als gewaltige Sturmflut über die Ufer ging und mitriss, was sich ihr in den Weg stellte. Auch die alte Kirche ging im Wildwasser unter.

In leuchtenden Signalwesten werden die Herren der Obrigkeit auf dem Traktoranhänger herangefahren. Der Landammann stellt sich für den Pressefotografen in Pose, verspricht Beistand und Hilfe, Hochwasserschutz und einen neuen Campingplatz. Es ist Jetztzeit, der Pfarrer geht hinten über den Kamm des Naturdamms aus riesigen Felsbrocken und hält sich ein Smartphone ans Ohr. Das silberne Kreuz auf dem schwarzen Cover leuchtet hell zur Tribüne herüber.

Sündenböcke

Aber eigentlich erzählt Romano Cuonz in seinem Stück, das Teil des Zentralschweizer Kulturprojekts «sagenhaft» der Koechlin-Stiftung ist, eine Geschichte aus dem Jahr 1629. Pfarrer Wanner will nach dem Untergang der alten eine neue Kirche bauen, in der alten, verkündet er, hockt der Teufel. Die Regierung will den Bau nur erlauben, wenn Schuldige, Sündenböcke für das Lauiunglück gefunden sind. Von Schadenzauber wird gemunkelt und von Hexenwerk. Wer gezaubert hat, ist allen klar.

Dort, am Rand des Dorfs steht das Häuschen der Bergmanns. Einen schwarzen Hund mit feurigen Augen hat man dort gesehen. Die Leute sind Hergezogene, «Vecker», der Mann trinkt zu viel, und die Frau malt sich ihre Lippen rot. Nachts fliegt sie auf dem Besen durch die Luft. Marie und Caspar, die Kinder der Bergmanns, werden gehänselt und geplagt, der Pfarrer nimmt Marie ins Gebet und verlockt sie, zu erzählen, was sie nachts an Teufelswerk treibt. Unschuldig beichtet sie ihre Träume.

Die Regisseurin Annette Windlin zeigt am Lauidamm kraftvolle Szenen, lässt am Steintisch bechern und jassen und lautstark streiten. Vater Bergmann spinnt im Suff Fantastereien, die haargenau aussprechen, was sich die Dörfler und die Mächtigen so denken.

Verurteilt und gerichtet

Hin und wieder kann eine Figur ein wenig von ihrem Innenleben zeigen, deuten sich Zweifel und Zwiespalt an. Doch das Stück malt eher breitflächig, erzählt seine Geschichte in grossen Zügen und zielstrebig auf das absehbare Ende hin: Unter der Folter haben die vier Bergmanns ihre Hexereien gestanden, sie werden verurteilt und hingerichtet – nur Caspar wird begnadigt.

Vor und auf den Gesteinsbrocken wird kraftvoll lebendiges Theater gespielt. Christoph Blum, Peter Mutter und Samuel Berchtold begleiten das Stück stimmungsvoll mit Klarinette, Örgeli und Bass. Annemarie Wieland hält als Botin den Erzählfaden und singt vom kalten, menschenvernichtenden Wahn und von den erfrorenen Gefühlen – bei der Premiere am Freitag war es sehr kalt.

Hinweis

Weitere Aufführungen beim Rietlisteg in Giswil (Grossteil, Grundstrasse) vom 29. Mai bis 29. Juni. Beginn 20.45 Uhr, Abendkasse und Theaterbeiz ab 18.30 Uhr. www.theater-giswil.ch