THEATER: Der Zerfall weckt nichts als Schrecken

Mit Balkanpop mischt Predrag Štrbac am Luzerner Theater «Tschechows Kirschgarten» auf: Ein Stück über das Ende des Alten und über das ungewisse Neue.

Urs Bugmann
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Eine müde, überlebte Gesellschaft, die sich nicht aufraffen kann: Jörg Dathe, Bettina Riebesel, Sonja Damjanovic (von links). (Bild: Luzerner Theater/Toni Suter)

Eine müde, überlebte Gesellschaft, die sich nicht aufraffen kann: Jörg Dathe, Bettina Riebesel, Sonja Damjanovic (von links). (Bild: Luzerner Theater/Toni Suter)

Leuchtend rot glänzen die Schuhe des Kaufmanns Lopachin. Unterm Kittel trägt er ein T-Shirt mit seinem eigenen Konterfei, in der Rechten hält er eine Flasche Champagner. Er blickt hinauf, von der Bühne in die Zuschauerränge. Er sucht jemanden und findet ihn, ein Leuchten kommt in die Augen, er winkt, erhält keine Antwort, das Winken erlahmt, Enttäuschung steht ihm im Gesicht.

Der serbische Schauspieler Milan Kovacevic spricht in seiner Eingangsszene als Lopachin serbisch: Er wartet auf die Ankunft von Ljubow Andrejewna, der Gutsbesitzerin, die aus Paris zurückkehrt auf ihr Gut mit dem Kirschgarten. Fünf Jahre war sie nicht mehr hier, seit ihr Mann gestorben, der Sohn ertrunken ist. In Paris hat sie ihr Liebhaber ausgenützt und beraubt, auf ihrem Gut hier in Russland sitzt noch immer der alte Diener Firs (Horst Warning) in einer Art Zirkusuniform und unter einer Wolke von Staub.

Es wird abgebaut

Das Landgut ist heruntergekommen. Wenn Andrejewna und ihr Bruder Gajew die schweren Tücher wegziehen, zeigt ein Baumhaus seinen lottrigen Zustand, Spinnweben spannen sich über Treppen und Geländer. Kräftig erscheinen nur die Stämme der Kirschbäume, die das Baumhaus mitten in einem Sandkasten-Geviert tragen. Es ist ein Haus aus der Vergangenheit. Hier werden Besitz und Wohlstand nur noch gespielt, die Zinsen sind nicht mehr bezahlt, der Glanz und das reiche Leben sind vorbei.

Die serbische Bühnenbildnerin Vesna Popovic zeigt den Spielort als Mitspieler: Das Baumhaus wird zerfallen und am Ende des Stücks abgebaut, bis nur noch das stählerne Gerüst im Sand steht, wenn die enteigneten Besitzer weggehen, zurückkehren und wieder weggehen. Lopachin hat den Kirschgarten ersteigert. Er wird ihn abholzen lassen, in Parzellen aufteilen und darauf Sommerhäuser errichten.

Ljubow Andrejewna fährt zurück nach Paris, ihr Bruder nimmt eine Stelle bei einer Bank an, ihre Stieftochter Warja geht ins Ungewisse, denn aus der Heirat mit Lopachin wird nichts, so wenig wie aus der Liebe von Andrejewnas Tochter Anja zu dem Studenten Trofimow, der nie im Leben aus seinen grossen Worten zu Taten finden wird.

Auf den Kern reduziert

Predrag Štrbac, der den «Kirschgarten» von Anton Tschechow im Rahmen des schweizweiten Festivals Cultures­capes Balkan 2013 am Luzerner Theater inszeniert, hat das Stück auf seinen Kern reduziert und zeigt es mit fünf Schauspielern aus dem Luzerner Ensemble und zwei Gästen aus Serbien, wo er selber herkommt. Der Kern des Stücks, das sind der Zerfall des Alten und die Ungewissheit über das Neue in einer müden und elanlosen Gesellschaft. Erst die Gummibärchentüte weckt den trägen Gajew, der sich wortwörtlich fallen und nicht wieder aufhelfen lässt, wenn der Kirschgarten verkauft ist.

Die Inszenierung zeigt frech aufgepeppt, in bunten und grotesk überzeichneten Kostümen (Dragica Lauševic) und mit geschmeidigem Balkan-Pop garniert (Musik Stefan Paul Goetsch) Tschechows Sicht auf eine Welt, die verdrängt und überspielt.

Vordergründig und offensichtlich

Das ist kurzweilig und lustig, ein Spektakel, das dem Stück alle Melancholie austreibt und den Figuren ihre Zwischentöne nimmt. Bettina Riebesel als Ljubow Andrejewna, Juliane Lang als ihre Tochter Anja, die serbische Schauspielerin Sonja Damjanovic als Stieftochter Warja, Jörg Dathe als Gajew, Milan Kovacevic als Lopachin, Samuel Zumbühl als Trofimow und Horst Warning als alter brabbelnder Diener spielen untadelig ihre Figuren. Doch in dieser leicht schrillen Inszenierung erhalten sie kaum Gelegenheit, die Tiefen aufscheinen zu lassen und die lottrigen Fassaden über ihrer Not aufzubrechen. Verlogenheit und falscher Schein sind vordergründig und offensichtlich, was sie verbergen, bleibt unangetastet.

Hinweis

Weitere Aufführungen am Luzerner Theater: 17., 20., 27., 30. Oktober, 2., 8., 14., 15. (geschlossene Vorstellung), 20., 22., 24., 30. November. Tickets: Tel. 041 228 14 14, www.luzernertheater.ch