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THEATER: Die schmutzige Vergangenheit des Meister Proper

Das neue Stück von Martina Clavadetscher stochert im Bodensatz einer vorgeblich perfekten Dorf­gemeinschaft. Die Uraufführung in Luzern überzeugt.
Julia Stephan
Stammtischrunde im Kleintheater: Julia Schmidt, Jürg Plüss, Prisca Gaffuri, Patric Gehrig. (Bild: PD/Ingo Höhn)

Stammtischrunde im Kleintheater: Julia Schmidt, Jürg Plüss, Prisca Gaffuri, Patric Gehrig. (Bild: PD/Ingo Höhn)

Es ist wie mit einem Kübel voller Schmutzwasser. Man muss ihn nur lange genug stehen lassen, dann setzen sich die Schmutzpartikel schon von selber am Boden ab. Aber wehe, man stochert darin herum! Dann kommt gleich alles wieder hoch.

Die in Brunnen lebende Dramatikerin Martina Clavadetscher hat die Metapher vom trüben Wasser in ihrem Stück «Später.Früher.Meister» auf eine Dorfgemeinschaft übertragen. Die pflegt ihr Image, indem sie alten Dreck aufzuwirbeln strikt vermeidet. Als ein Bademeister einem ausländischen Jungen das Leben rettet, kommt das dem als ausländerfeindlich verschrienen Dorf gerade recht. Die gute Tat des «Meisters», die ihn zum Helden macht, behebt das Imageproblem. Dass der Meister kein Meister Proper ist, darüber schaut man grosszügig hinweg.

Zweiter Teil im Schwimmbecken

Die Uraufführung von Clavadetschers Stück spielte sich am Dienstagabend gleich an zwei Standorten ab: der erste Teil in einer klaustrophobischen Stammtischrunde im Luzerner Kleintheater, der zweite Teil im Neubad, wo uns der Bodensatz der Dorfgemeinschaft schliesslich unbarmherzig im dortigen Schwimmbecken präsentiert wird.

Dennoch darf man in diesem Stück auf keine Reinigung, auf keinen kathartischen Moment hoffen. Clavadetscher beschreibt eine festgefahrene, verschworene Dorfgemeinschaft, welche die Selbstkonfrontation meidet, aber peinlich genau auf ihre Aussenwirkung bedacht ist. Und als einer von ihnen und doch ziemlich abseits sitzt Jürg Plüss im Kleintheater Luzern als Bademeister Marco mit aufgestützten Ellenbogen vor seinem Bier. Auf dem Gesicht dieses Mannes, der sich auch mal autoaggressiv mit der Hand an die Birne schlägt, spielt ein Lächeln, das man künstlich, teuflisch, wissend oder verzweifelt nennen kann. Nur eines ist sicher: Unangemessen ist es allemal.

«Schau, Meister, du bist uns wichtig», rufen die andern über den riesigen Stammtisch, wie er in gleicher Ausführung, nur viel kleiner, auch im Restaurant Helvetia steht. Dass Clavadetscher in diesem harmlosen Ausruf das englische Wort «Showmaster» mitschwingen lässt, ist kein Zufall. Denn genau das fordert die Dorfgemeinschaft von ihrem Meister: keine Aufrichtigkeit, sondern Entertainment. Es hängen die Rauchschwaden über den Köpfen, es fliesst der Schnaps, es wird gelacht und gegen das Unbehagen angehustet. Jede Entlastungshandlung ist der Runde recht. Denn der Meister, über den in der Inszenierung mehr geredet wird, als er spricht, will nach vielen Jahren plötzlich reinen Tisch machen – die Bierflaschen räumt er weg. Und mit knappen Bemerkungen zum Tod der Helen, die vor Jahren seinetwegen ins Wasser ging, stört er die Stammtischheimeligkeit empfindlich.

Im Stil einer Marthaler-Inszenierung vereinigen sich die um den Tisch versammelten Dorfkäuze (Patric Gehrig, Julia Schmidt, Prisca Gaffuri) über die langen Stammtischdistanzen zum Chor. Man singt sich die Welt mit «Alright» von Supergrass (Musik: Christov Rolla) schön und macht aus der Runde mit falschen Tönen eine Zweckgemeinschaft. Notfalls mit einem Jodel: Der hat sich als Kommunikationsmittel zwischen grosser Distanz beziehungsweise Distanziertheit ja bewährt.

Naiv und grausam zugleich

Die deutsche Regisseurin Sophie Stierle hatte 2006 schon das erste Stück von Martina Clavadetscher am Luzerner Theater uraufgeführt. Als Kennerin der Clavadetscher-Partituren konzentriert sich ihre Inszenierung ganz auf die Rhetorik der Figuren, die ihre Zweifel über die laut postulierte Einigkeit im Bier ersäufen. Viel zu oft fällt an diesem Abend ein Satz wie «Das braucht man eigentlich gar nicht zu sagen», mit der die Figuren die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gedachtem gleich selbst offenlegen. Diese Menschen reden sich die Welt einfach und schön, sie sind rührend naiv und grausam zugleich, weil sie die Welt so sehen, wie sie sie sehen möchten. Und in dieser Welt hat ein Unrecht, wie es Helen (Marie Gesien) durch den Meister erfahren hat, keinen Platz. Die steht in Teil zwei der Inszenierung mit ihrem orangen Kleid, das so gar nicht zu ihrer herabgedimmten Lebensfreude passen will, verloren im Neubad-Pool wie die Emanation des schlechten Dorfgewissens.

Tragweite rückblickend klar

Obwohl der Wechsel vom Kleintheater in den Neubad-Pool auf der Textebene erst mal konstruiert wirkt – was er auch ist, das Stück wurde für die beiden Standorte geschrieben –, wird die Qualität dieses Orts- und Zeitsprungs in die Vergangenheit im Verlauf des Abends offenbar: Erst in der Vergangenheit, die sich im und um den Neubad-Pool abspielt, begreifen wir die Tragweite des vormals gehörten Stammtischgeredes. Und stellen neue Fragen an den Text.

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