THEATER: Die Vielstimmigkeit unserer Existenz

Dimitri de Perrot ist einer der erfolgreichsten Theater-Exporte der Schweiz. Nach einer Auszeit zeigt er heute seinen ersten Solo-Abend im Krienser Südpol – als Uraufführung.

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Klangtüftler Dimitri de Perrot (40) im Bühnenbild seiner neuen Produktion im Südpol. Er will die visuellen Reize zurückfahren. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Klangtüftler Dimitri de Perrot (40) im Bühnenbild seiner neuen Produktion im Südpol. Er will die visuellen Reize zurückfahren. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Julia Stephan

«Il s’est caché» – «er hat sich versteckt», mutmasst ein Mitarbeiter von Dimitri de Perrot (40) und zeigt lachend auf die Zuschauerränge im Theaterhaus Südpol in Kriens. Dort richtet de Perrots Technikerteam gerade eine komplexe Soundanlage für die Konzertinstallation «Myousic» ein. Es ist de Perrots erste Soloarbeit überhaupt, und der Satz seines Kollegen ist ein Scherz mit Hintersinn. Denn «Myousic», am Mittwoch im Südpol als Weltpremiere zu sehen, feiert den Moment des Konzerts nicht nur auf der Bühne. Die raschelnden Füsse des Sitznachbarn, das Getuschel im Rücken und die abschweifenden Gedanken der Konzertbesucher werden in der Installation ihre eigenen Noten setzen.

Den Zuschauern beim Zuschauen zusehen. Das macht der gebürtige Neuenburger seit fast 20 Jahren. Mit dem Clown und Bewegungskünstler Martin Zimmermann ist er mit Produktionen wie «Gaff Aff», «Chouf Ouchouf» oder «Hans was Heiri» ein erfolgreicher Schweizer Theater-Export geworden – der Tourneeplan der beiden reichte zeitweilig von New York bis nach Tokio.

Wer einmal das wortlose Objekt- und Bewegungstheater von Zimmermann & de Perrot gesehen hat, wird dessen Bilder so schnell nicht wieder los. Es sind Bilder von Existenzen, die, wenn sie nicht hilflos auf dem Klangteppich de Perrots ausrutschen, ihr Gleichgewicht in spektakulären Bühnenbildern verlieren. Die Arbeiten von Zimmermann & de Perrot zeigen das Leben als fragiles Konstrukt, das es immer wieder neu auszurichten gilt.

Zweijährige Auszeit

Trotz steigender Erfolgskurve haben sich de Perrot und sein Kollege Zimmermann eine zweijährige Auszeit gegönnt. – «Nach jahrelanger Arbeit im Duo war es für uns beide wichtig, etwas Eigenes zu machen», sagt de Perrot. Kommt hinzu, dass ihm das Leben als entwurzelter Künstlernomade zwar oft wie ein Geschenk vorkam, ihn aber auch ermüdet hat. Ganz bewusst hat er seine sichere, aber rastlose Existenz gegen etwas Zeit eingetauscht. «Wenn dein Leben aufs Optimum getaktet ist, kommt es dir abhanden», sagt er. In den letzten Monaten hatte er Zeit, «Gewohntes durcheinanderzuwirbeln, um andere Betrachtungsweisen zu ermöglichen».

Diese neuen Sinneserfahrungen verlangten nach ungewöhnlichen Strategien. Um dem visuell übersättigten Menschen von heute den Blick freizuschaufeln, hat de Perrot in seinem ersten Soloprogramm alle visuellen Reize zurückgefahren. Dem Nebensinn «hören» will er so mehr Gehör verschaffen. In den letzten zwanzig Jahren haben sich auf seinem Computer ein Terabyte Alltagsgeräusche angehäuft, zum Beispiel eine Sammlung mit Geräuschen von Menschen, die zum Sprechen ansetzen. «Wie Menschen vorm Sprechen Luft holen, sagt mehr über sie aus als alles, was darauf folgt», sagt der leidenschaftliche Menschenbeobachter, für den noch «im Nichts etwas steckt» – und sei es nur ein Ohrenspitzen.

Ähnlich wie andere «sprachlose» Bühnenkünstler – man denke nur an den Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann und sein verspieltes Musiktheater – interessiert de Perrot die Vielstimmigkeit unserer Existenz, die sich eben gerade nicht auf eine griffige Sprachformel bringen lässt. Mit dem ehemaligen Sophie-Hunger-Schlagzeuger Julian Sartorius will er in seiner Konzertinstallation Musik irgendwo zwischen Künstleridee und Publikumserwartung erzeugen. Zwischen dem Ich und dem Du, das sich im Programmtitel zu «Myousic» vereint.

Beeinflusst, aber autonom

Den eigenen Ausdruck sucht de Perrot an der Schnittstelle von Bild und Ton. Dabei stellt er sich auch jeweils die Frage, wie er sich von den Dingen, die ihn umgeben, und für die er als empathischer Künstler empfänglich ist, beeinflussen lassen kann, ohne dabei seine Autonomie zu verlieren. Dies alles hat ihn während seiner Auszeit beschäftigt und hat nun auch ins Projekt «Myousic» hineingespielt.

Kunst und Leben ist bei de Perrot sowieso kaum zu trennen. Seine Lebenshaltung durchdringt alle Lebensbereiche. De Perrot ist einer dieser Menschen, die ihre Lebensgeschichte laufend nachvollziehen, ihren Standort immer wieder neu bestimmen. Deshalb erkennt er auch mühelos, was seine jugendliche DJ-Karriere in den illegalen Kellerclubs von Zürich mit seiner Zeit als internationaler Theaterkünstler zu tun hat. Während dieser Phase durfte er solch unglaubliche Kopfgeburten wie einen bühnengrossen Plattenspieler verwirklichen.

Klangvolle Wechselbäder

Tauchte de Perrot früher Clubgänger in klangvolle Wechselbäder – vom Chanson zum Hip-Hop-Beat – will er auch in seinem ersten Ton-Theater am Mittwoch die Menschen dorthin führen, wo sie sich niemals hingewagt hätten. Für de Perrot das höchste der Gefühle: «So etwas macht mich einfach glücklich.»

Hinweis

Dimitri de Perrot & Julian Sartorius, «Myousic». Premiere: Mi, 8. 6., 20.00 Uhr im Südpol, Kriens. Nächste Termine: Do, 9. 6., und Fr, 10. 6. Mit dem Freitag-Ticket kommt man kostenlos zur anschliessenden Lesung mit Michael Fehr und Manuel Troller.