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THEATER: Dimitris Lebenskreis hat sich geschlossen

Auch das Tessin trauert um Dimitri. Während seiner langen Karriere hatte sich der «Clown aus Ascona» in seinem Heimatkanton aber nicht nur Freunde gemacht.
Auftritt im KKL Anfang 2015: Auf der Bühne solo. (Bild: Neue LZ / Philipp Schmidli)

Auftritt im KKL Anfang 2015: Auf der Bühne solo. (Bild: Neue LZ / Philipp Schmidli)

Gerhard Lob, Ascona

Zufall? Schicksal? Am letzten Samstag trat Dimitri auf dem Monte Verita von Ascona auf. Auf dem Programm stand die Premiere des Freilichtspiels «Träume eines anderen Lebens», das die Ansiedelung der Lebensreformer vor über 100 Jahren an diesem Ort thematisierte.

Clowneskes Schauspiel

Für Dimitri war das Spiel am Originalschauplatz ein Eintauchen in die eigene Geschichte. Seine Eltern waren im Umfeld der damaligen Monteveritaner ins Tessin gekommen. Er spielte den legendären Karl Vester, dessen Sohn Carlo seine Schwester Ninon geheiratet hatte. Vester, ein Kauz mit langem Rauschebart als Verkäufer salzlosen Brots. «Es ist nicht so leicht, jemanden, den man gut gekannt hat, zu interpretieren. Ich rette mich aber dadurch, dass ich diesen originellen Menschen clownesk darstelle», hatte Dimitri im Vorfeld gesagt. Oft genug hatte er in seiner Karriere betont: Ich bin ein Clown, kein Schauspieler. Die Lacher am Premierenabend hatte er natürlich auf seiner Seite.

Mit diesem Freilichtspiel schloss sich in gewisser Weise der Lebenskreis Dimitris. Denn in Ascona kam er 1935 unter dem bürgerlichen Namen Dimitri Jakob Müller auf die Welt. Die künstlerische Begabung wurde ihm in die Wiege gelegt: Sein Vater Werner Jakob Müller war Bildhauer, seine Mutter Maja Kunsthandwerkerin. In der Schule, das erzählte Dimitri immer wieder gerne, sei er ein Desaster gewesen; auch die häufigen Schulwechsel nützten nichts. Nur in Zeichnen und Gymnastik war er gut. Schon mit sieben Jahren fasste er den Entschluss, Clown zu werden.

Auch Sänger und Maler

Hartnäckig arbeitete Dimitri an seiner Karriere (vergleiche auch Haupttext rechts). Ab 1959 trat er in Soloprogrammen auf. Stücke wie Porteur, Teatro und Ritratto wurden zu Klassikern seines Repertoires. Zudem malte er und sang Volkslieder. Mit beidem trat er auch in unserer Region in Erscheinung: Seine Canti popolari etwa sang er, zusammen mit Roberto Maggini, vor einigen Jahren im Restaurant Hammer in Eigenthal. Eine Ausstellung mit Bildern von ihm und seiner Frau Gunda war beispielsweise im letzten Herbst in der Galerie Grunder Perren in Adligenswil zu sehen.

Gunda Salgo hatte er 1961 geheiratet, sie ist die Frau, die viele als treibende Kraft und entscheidende Stütze hinter seinem Erfolg sehen. Mit ihr gründete Dimitri 1971 ein Theater in Verscio und 1975 die Dimitri-Schule, mittlerweile eine Akademie für Bewegungstheater und Teil der Fachhochschule der italienischen Schweiz. «Mit der Schule wurde eine Utopie Realität», sagte gestern Oliviero Giovannoni, ein Musiker und langjähriger Weggefährte Dimitris. Es war eine der vielen Reaktionen auf den Tod des grossen Clowns, der im Tessin aber nicht immer nur Freunde hatte.

Dimitri bezeichnete sich als apolitisch, unterstützte aber immer humanitäre Aktionen und Menschenrechtsaufrufe, zeigte sich auf der Seite von Flüchtlingen, setzte seine Unterschrift unter etliche Appelle. In seinem Heimatkanton wurde Kritik am Gutmenschen laut. Und nicht selten war die Aufforderung zu hören, er solle sich doch darauf beschränken, «den Clown zu machen».

Dimitri fühle sich stets als Weltenbürger. «Ich liebe das Multikulturelle», sagte er. Auch solche Aussagen fanden im Tessin nicht immer Beifall, wo er – trotz seiner Zweisprachigkeit und Kindheit in Ascona – als «Deutschschweizer» etikettiert war. Das erging auch dem Theater Dimitri in Verscio so, das lange als Ort für Deutschschweizer galt.

Theater als Belastung

Das Theater stellte im Übrigen zuletzt eine psychische Belastung für seinen Gründer dar. Die Stiftung hatte entschieden, auf Anfang 2016 eine Neuausrichtung unter der neuen Theaterdirektorin Kami Manns in die Wege zu leiten. Dimitri kam mit vielen Neuerungen nicht zurecht, fürchtete um sein Lebenswerk. Es entstand ein Machtkampf, in dessen Folge der Verwaltungsrat der Stiftung – mit Ausnahme der Mitglieder der Familie Dimitri – Ende Juni zurücktrat. Im Moment ist nicht klar, wie es beim Theater organisatorisch weitergeht.

Privat hatte sich Dimitri schon vor Jahrzehnten in ein einsam stehendes Haus im wilden Centovalli zurückgezogen. Die Natur dort war für ihn ein Ausgleich zum urbanen Leben während der zahlreichen Tourneen und Gastspiele im In- und Ausland. Den Tod fürchte er nicht, sagte er letzten September aus Anlass seines 80. Geburtstages während eines langen Gesprächs in seinem Haus in Borgnone. Aber er habe Angst vor Krankheit, Leiden oder langem Siechtum. Es blieb ihm erspart. Sein Wunsch ging in Erfüllung.

Hinweis

Das Freilichtspiel «Monte Verita: Träume eines anderen Lebens» wird trotz Dimitris Tod weiter aufgeführt. Die Rolle von Karl Vester wird der Luzerner Regisseur Livio Andreina nun selber übernehmen. Infos: www.teatromonteverita.ch

Emil: «Ich habe ihm vor dem Theater abgepasst»

REDAKTION are. Emil Steinberger (83) gehört zur gleichen Generation grosser Schweizer Künstler wie Dimitri. Er hat ihn bereits vor über 50 Jahren kennen und schätzen gelernt.

Emil Steinberger, Dimitri ist tot, was sind Ihre Gedanken dazu?
Emil Steinberger: Die Schweiz hat mit ihm ein Juwel verloren. Ich habe starke Erinnerungen an ihn. Etwa, dass er ein wunderbarer Zuhörer war, der einen mit grossen Augen anschaute und immer wieder sein unglaubliches Lächeln zeigte.

Wie schätzen Sie ihn als Künstler ein?
Steinberger: Den Künstler kann man vom Menschen nicht getrennt betrachten. Dimitri war keine reine Kunstfigur.Was er tat, war extrem persönlich und eigenständig, nur er konnte das. Es ist eine sehr subtile Kunst, weit weg von Schenkelklopfkomik und sehr einfühlsam. Als gemeinsamen Nenner seiner Kunst kann man vielleicht die Fröhlichkeit bezeichnen, die er überall zeigte.

War er einfach ein grosses und extrem vielseitiges Talent?
Steinberger: Nicht nur. Dimitri hatte auch eine solide technische Seite, war gut ausgebildet, übte etwa auf seinen Instrumenten jeden Tag. Und die Dramaturgien der Bühnenprogramme hat er schon sehr genau konzipiert.

Er hatte also auch viel Disziplin.
Steinberger: Ja, aber er besass zugleich jene Leichtigkeit, die es braucht, um Projekte wie etwa das eigene Theater einfach anzugehen und sich von mahnenden Stimmen nicht lähmen zu lassen. Ich kenne das selber, als ich mit dem Kleintheater startete. Wenn man da auf jeden hören und alles abwägen würde, käme so etwas nie zu Stande.

Sie erwähnen das Kleintheater Luzern, wo Dimitri oft aufgetreten ist. Auch schon in den Anfängen, als Sie selber noch Leiter waren?
Steinberger: Dimitri trat Ende der Sechzigerjahre im damaligen Stadttheater Luzern auf. Ich wollte ihn aber unbedingt ins Kleintheater kriegen. So habe ich ihm einmal nach einer Vorstellung vor dem Stadttheater abgepasst. Zuerst erschien seine Frau Gunda. Ich bekniete sie, Dimitri möge bitte mit mir reden.

Und was antwortete sie?
Steinberger: Sie meinte, Dimitri würde vielleicht nach dem Abschminken zu mir kommen. Offenbar sagte sie ihm dann, dass draussen ein sympathischer Typ auf ihn warte (schmunzelt). Er kam schliesslich, und ich rechnete ihm vor, dass er mit zehn Auftritten im Kleintheater viel mehr Leute ansprechen würde als im Stadttheater. Er sagte zu, und die zehn Aufführungen waren ein voller Erfolg.

Emil musste also auf Dimitri warten, um vorsprechen zu können.
Steinberger: Ja, sozusagen. Damals war ich primär der Leiter des Kleintheaters und als Kabarettist erst lokal einigermassen bekannt. Und Dimitri war schon da ein grosser Star.

Fredy Knie jr.: «Er war neugierig und fleissig»

REDAKTION are.Zirkusdirektor Fredy Knie jr. (70) kannte Dimitri über viele Jahre, vor allem auch, weil jener 1970, 1973 und 1979 jeweils Gaststar des Programms war.

Fredy Knie: Wie reagierten Sie gestern Morgen auf die Nachricht vom Tode Dimitris?
Fredy Knie jr.: Ich konnte es nicht glauben, wollte es nicht wahrhaben. Ich habe mich sofort im familiären Umfeld erkundigt, ob das wirklich stimmt. Sein Tod hat alle überrascht und bestürzt. Er hatte noch so viele Pläne. So hätten im nächsten Frühjahr die Dreharbeiten zu einem Film über ihn starten sollen.

Wie haben Sie ihn in den Zeiten der Engagements beim Circus Knie erlebt?
Knie: Er war ein grosser Künstler und gleichzeitig ein unglaublich lieber und liebenswürdiger Mensch. Sofort hat er sich in die Zirkusfamilie integriert, seine Fröhlichkeit und positive Einstellung waren buchstäblich ansteckend. Zugleich war er sehr neugierig und hat im Zirkus auch immer wieder neue Fähigkeiten entwickelt.

Zeigte er im Zirkus denn andere Dinge als vorher auf der Bühne?
Knie: Immer wieder, etwa im Bereich der Clownerie oder der Akrobatik. Er war extrem fleissig im Üben zusammen mit anderen Artisten.

Sind Sie danach mit ihm im Kontakt geblieben?
Knie: Ja, regelmässig; mit ihm und seiner Familie. Er hat sich selber auch immer wieder gemeldet. Und nicht selten schaute er bei uns im Zirkus vorbei. Wir werden ihn sehr vermissen.

Mit der Familie. (Bild: Neue LZ / Philipp Schmidli)

Mit der Familie. (Bild: Neue LZ / Philipp Schmidli)

Beim Interviewtermin mit unserer Zeitung. (Bild: Neue LZ / Corinne Glanzmann)

Beim Interviewtermin mit unserer Zeitung. (Bild: Neue LZ / Corinne Glanzmann)

Emil Steinberger. (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)

Emil Steinberger. (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)

Fredy Knie jr. (Bild: Keystone/Enno Leanza)

Fredy Knie jr. (Bild: Keystone/Enno Leanza)

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