THEATER: Ein Mordsspektakel im Technosound

Mutige Inszenierung von «Marat/Sade»: Am Luzerner Theater wird das französische Revolutionsdrama von Peter Weiss zum Singspiel und Musiktheater.

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Show in der Badewanne: Marat (Hans-Caspar Gattiker) als Bassist im Stück «Marat/Sade». (Bild: PD / Toni Suter)

Show in der Badewanne: Marat (Hans-Caspar Gattiker) als Bassist im Stück «Marat/Sade». (Bild: PD / Toni Suter)

Kurt Beck

Eigentlich spielt das Theaterstück, das Peter Weiss schlagartig berühmt machte, in einer Irrenanstalt. So kündet es bereits der epische Titel des Dramas an: «Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade.» Beim Hospiz zu Charenton handelte es sich um eine psychiatrische Klinik, in der neben psychisch kranken auch politisch unbequeme und renitente Individuen versorgt wurden. Peter Weiss hat das Erfolgsstück vor über 50 Jahren geschrieben. Inzwischen haben psychiatrische Kliniken ihr Image und ihre Therapien verbessert. Das war mit ein Grund, weshalb Regisseurin Bettina Bruinier den Ort der Handlung für die Inszenierung am Luzerner Theater verlegte. Zum andern wollte sie die Schauspieler nicht mit dem Aufwand belasten, den es erfordert, die Rolle von psychisch Kranken zu spielen.

Tollhaus Showbusiness

Doch das Drama von «Marat/Sade» findet in einem Tollhaus statt, die Regie musste also einen passenden Ersatzort finden und wurde im Showbusiness fündig. Eine sinnige Wahl, wie sich im Verlauf der Premiere am Samstagabend zeigen sollte: Die Band «De Sade» hat ein Konzeptalbum mit dem Titel «Marat» eingespielt. Verstärkt hat sich die Band mit Problemjugendlichen aus der Erziehungsanstalt Charenton. Ermöglicht wurde das Projekt durch die Stiftung «Charenton goes Kultur». Das Theaterpublikum kann nach der Vorstellung mit dem Kauf von CDs, T-Shirts und Buttons das Projekt unterstützen.

Kern des Stücks ist neben der Erdolchung von Marat – die Konfrontation zwischen dem dogmatischen Revolutionär Jean Paul Marat und dem radikalen Individualisten Marquis de Sade. Die beiden unterschiedlichen Weltanschauungen prallen unversöhnlich aufeinander. «Ich glaube nur an mich selbst», sagt de Sade. «Ich glaube an die Sache», kontert Marat. Marat will die Revolution, koste es, was es wolle, durchziehen. Für den Zyniker de Sade ist das massenhafte Töten inzwischen sinn- und aussichtslos.

Geschmeidiger de Sade

Wer Recht hat, beantwortet das Stück nicht. Es endet mit einer offenen Frage. In der Inszenierung von Bettina Bruinier kommt allerdings de Sade (Christian Baus) besser weg. Er, eloquent und geschmeidig, überlebt den blassen und steif agierenden Marat (Hans-Caspar Gattiker). Als Vertreterin der bürgerlichen Mitte handelt Charlotte Corday, die Marat umbringt, um Tausende vor der Guillotine zu retten. Juliane Lang spielt die Mörderin mit beachtlichem Körpereinsatz. Wenn sie wach ist, sorgt sie für Action im Spiel.

Als Theater im Theater hat Weiss sein Drama angelegt und damit den ernsthaften Stoff aufgebrochen und Platz für reichlich Spektakel geschaffen. Die Ins­zenierung von Bettina Bruinier hat den Freiraum genutzt und die szenische Verortung im Musikbusiness konsequent durchgezogen. Das Drama ist zum Singspiel geworden, zu dem Stefan Paul Goetsch die Musik geschrieben hat. Die Band, mit Marat am Bass, produziert einen technoiden Elektrosound, zu dem die Schauspieler den Text in Sprechgesang und Songs vortragen. Band und Sänger hauen von Beginn weg mit Power los und fegen allfällige Erwartungen des Publikums lautstark weg.

Mit der Inszenierung haben Regisseurin und die Schauspieler einiges gewagt. Doch das Konzept ist im Grossen und Ganzen aufgegangen und hat die Spielfreude der jungen Gastschauspieler der Zürcher Hochschule beflügelt. Dass der gute und immer noch aktuelle Text von Peter Weiss sich im Spektakel zu behaupten vermochte, erbaute auch jene, die der Musik wenig abgewinnen konnten.

Hinweis

Nächste Vorstellungen: 20., 22., 29. März, 2., 11. April, 1., 3. Mai. www.luzernertheater.ch Wir verlosen 3x2 Tickets für die Aufführung «Marat/Sade» am 20. März, 19.30, im Luzerner Theater. Wählen Sie heute die Nummer 0901 83 30 23 (1 Fr. pro Anruf, Festnetztarif) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.