THEATER: «Ein Theaterspektakel für alle Sinne»

«La Fura dels Baus» steht weltweit für grosses Theaterspektakel: Regisseur Carlus Padrissa sagt, wieso die Truppe jetzt das Verkehrshaus in Luzern verzaubert.

Interview Roman Kühne
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Mitbegründer der Theatertruppe «La Fura dels Baus»: Carlus Padrissa hat alte Bindungen an Luzern. (Bild Ingo Höhn)

Mitbegründer der Theatertruppe «La Fura dels Baus»: Carlus Padrissa hat alte Bindungen an Luzern. (Bild Ingo Höhn)

Die spanische Gruppe «La Fura dels Baus» machte weltweit Furore mit innovativen Theaterformen und opulenten Aufführungen, die mehr das Spektakel denn die innere Psychologie ins Zentrum stellen. Sie hat Olympische Spiele eröffnet, den «Ring des Nibelungen» mit Zubin Metha inszeniert oder im Film «Das Parfum» die orgiastische Schlussszene gespielt. Ab diesem Samstag sind Sänger, Schauspieler und Tänzer in einer Produktion des Luzerner Theaters im Verkehrshaus zu sehen – in der Regie des Mitbegründers und Leiters von «La Fura dels Baus», Carlus Padrissa.

Carlus Padrissa, Sie haben als Regisseur auf der halben Welt gastiert, so in der Oper in Mailand («Tannhäuser») oder der Bayerischen Staatsoper («Turandot»). Nun also Luzern?

Carlus Padrissa: Luzern ist für mich wie ein Kreis, der sich schliesst, weil ich Luzern meine künstlerische Initialzündung verdanke. Ich bin in Spanien auf dem Land aufgewachsen, unser erstes Haus hatte nicht einmal Strom. Die einzige Verbindung zur Welt war die Schwester meines Vaters, die in Luzern arbeitete. Sie war am Spital tätig und hat sich um ein Kind gekümmert. Regelmässig schickte sie uns Geld und Fotos, die ich alle digitalisiert und immer auf dem Laptop dabeihabe. (Er zeigt Bilder mit seiner Schwester auf der Kapellbrücke und auf dem Pilatus.) Den Namen Luzern kannte ich sogar noch vor Barcelona. Ich habe ihr viele Briefe geschrieben, viele davon mit einem gezeichneten Schiff. Vom Geld haben wir uns unter anderem einen Fernseher gekauft. Ich erinnere mich noch heute, wie ich der Tante schrieb, dass ich keine Zeit hätte zu schreiben, da ich Fernsehen schauen müsste.

Und wie führte diese Verbindung zu einer künstlerischen Initialzündung? Damit ist ja wohl kaum der Fernseher gemeint?

Padrissa: Das Geld meiner Tante aus Luzern ermöglichte es uns, ein Haus in Moià zu kaufen. Ein kleines Dorf mit 3000 Einwohnern, aber einer unglaublich reichen Kultur. Zum Beispiel stammt der grosse Wagner-Tenor Francesc Viñas (1863–1933) aus demselben Dorf, und noch heute gibt es einen Gesangswettbewerb in seinem Namen. Dort habe ich dann mit ein paar Freunden unsere Theatergruppe gegründet.

Luzern haben Sie dann später auch mal besucht?

Padrissa: Als wir 1985 unsere erste Produktion in der Schweiz, in Zürich, hatten, bin ich an einem freien Tag in den Zug gestiegen und nach Luzern gefahren. Ich habe all die Orte besucht, wo meine Schwester gelebt hat, Emmenbrücke, den See, die Stadt. Noch heute habe ich die Souvenirs von Luzern, unter anderem eine Kuckucksuhr. Am besten hat mir als Kind jedoch immer die Schokolade geschmeckt. In Francos Spanien gab es, um die einheimische Industrie zu schützen, keine ausländische Schokolade.

Zurück zu Ihrer Regiekarriere.

Padrissa: Wir sind 1979 mit einem Eselskarren von Moià aus losgezogen und haben während 70 Tagen in den umliegenden Dörfern Theater gespielt. An einem Ort verbot der Bürgermeister unseren Auftritt, weil wir von der Reise zu schmutzig waren. So ist «La Fura dels Baus» entstanden. Das tönt jetzt nach Jugendgruppe. Der Aufwand, die Bürokratie, war jedoch enorm. Der Karren musste eine Nummer tragen. Der Durchbruch kam dann vier Jahre später mit «Accions». Es war ein sehr physisches, «brutales» Theater. Inmitten des Publikums haben wir mit Feuer, Staub, Steinen und Energie ein Spektakel inszeniert. Körper werden angemalt, ein Auto zusammengeschlagen, am Schluss bricht alles zusammen. Diese Produktion ist heute noch etwas vom Besten, was wir gemacht haben.

Also müssen sich die Zuschauer in Luzern auf viel Physis einstellen.

Padrissa (lacht): Die Produktion «Cantos de Sirena» in Luzern ist sicher ruhiger. Ich wollte etwas mit dem Wasser machen, am liebsten mit unserem Schiff, auf dem wir seit ein paar Jahren spielen. Aber das war logistisch natürlich nicht möglich. Mit dem Verkehrshaus, seinen schiffsähnlichen Bäuchen, haben wir einen optimalen Ort gefunden. Aber natürlich, das Publikum wird sehr nahe am Spektakel sein, hat die Möglichkeit, sich zu erheben. Dieses «Kabaretthafte» ist für mich sehr wichtig, die Interaktion mit dem Publikum. Es gehört für mich zu meiner Vorstellung des «Gesamtkunstwerks».

Ein Gesamtkunstwerk im wagnerschen Sinne?

Padrissa: Durchaus. Das Theater ist ein Instrument, um die Leute in eine andere Welt zu transportieren. Und hier wollen wir alle Ebenen ansprechen. Wir haben zum Beispiel eine kleine Küche. Natürlich geht es nicht darum, die Leute zu nähren, sondern um Stimmungen und Gefühle zu kreieren. Alle Sinnesebenen sollen offen und aktiv sein.

Und die Geschichte?

Padrissa: Es geht, grob gesagt, um eine Art «Faust» im Wasser. Seine Suche nach der Perfektion, gespiegelt in den fantastischen Klangmaschinen meines Freundes Roland Olbeter. Eigentlich ist es eine Suche nach dem Gesang der Sirenen.

Premiere: Samstag, 10. Januar, 19.30 Uhr, Verkehrshaus Luzern. Weitere Aufführungen bis 22. Februar. VV: Tel. 041 228 14 14.

Einen Ausschnitt des Stücks sehen Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/bonus