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THEATER: «Eine Chance, das Stadttheater neu zu denken»

Experten debattierten über Vor- und Nachteile einer Salle Modulable. Per Video ermutigte ein Stardirigent zum Weiterfliegen.
Die möglichen Standorte der Salle Modulable.

Die möglichen Standorte der Salle Modulable.

Es gibt eine Anekdote aus Polen, und die hat mit Luzern viel zu tun: Warschau plant neben dem grossen Kulturpalast ein neues Theaterhaus. Der situativ veränderbare Raum sollte nach der Ursprungsidee nach vorne und hinten offen sein. Ein spektakulärer theatraler Luftraum also, durch den im Prinzip sogar Flugzeuge donnern könnten.

Flugzeug fliegt durchs Theater

Myriam Prongué, Leiterin Theater der Stiftung Pro Helvetia, brachte diese Geschichte aus Warschau mit. An der vom Theaterclub Luzern initiierten Diskussionsrunde zur Salle Modulable im Neubad in Luzern unter der Leitung des pensionierten NZZ-Klassikexperten Peter Hagmann verriet sie, in Polen sei man von dieser hochfliegenden wie mutigen Idee inzwischen wieder abgerückt. Erstens kämen bei weitem nicht in allen Theaterstücken Flugzeuge vor. Und zweitens wollten die Warschauer nicht auf ihre klassische Guckkastenbühne und deren Repertoire verzichten.

Es ist genau dieser gordische Knoten, den man in Luzern noch lösen muss: Wie kann das von einer privaten Spende angeschobene Millionenprojekt Salle Modulable, über dessen Standort Luzerns Stadtrat im Sommer 2016 entscheidet, ein Haus werden, in dem sich auch die breite Masse zu Hause fühlt? Denn vom Theaterhaus mit variabel veränderbarem Innenraum, das auf eine Idee von Pierre Boulez zurückgeht, werden weniger die grossen Opernbühnenschlager profitieren, als die ohnehin schwer vermittelbaren Werke mit anspruchsvollen Klang-Raum-Konzepten.

Repertoirebetrieb – ja oder nein?

Auf diese Frage wusste die Diskussionsrunde am Dienstagabend, an der sich auch Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger, Claus Spahn, Chefdramaturg des Opernhauses Zürich, und Roger Merguin, Leiter des Theaterhauses Gessnerallee Zürich, beteiligten, keine letzte Antwort. Spahn bestätigte, dass gewisse Stücke im Opernhaus Zürich in der Tat nur mit Kompromissen umsetzbar seien, bezweifelte aber auch, dass ein klassischer Repertoirebetrieb in der Salle Modulable überhaupt möglich sei. Genau dieser Repertoirebetrieb aber bringt die Massen gewöhnlich in die Konzert- und Theatersäle dieser Welt.

Gestritten wurde auch über die ästhetische Notwendigkeit, Künstler, Publikum und Bühne wild durcheinanderzuwürfeln. Michael Haefliger ist überzeugt, das Aufbrechen der Guckkastensituation werde dazu führen, dass das Publikum vom Bühnentod künftig heftiger berührt werde, die Salle Modulable somit auch «soziale Grenzen überwinden» helfe. Spahn äusserte sich da vorsichtiger. Für ihn sei die Notwendigkeit solcher Experimente nur selten gegeben. Jeder Raum bleibe letztlich ein Raum. Haefliger, der jahrelang Gespräche mit Künstlern geführt hat, ist hingegen sicher: Der Wunsch nach so einem Raum sei unter Künstlern riesig.

Profitiert auch das Sprechtheater?

Das Sprechtheater sieht das mit der Innovation ohnehin entspannter. Viele Häuser – etwa das Zürcher Schauspielhaus und sein Schiffbau – haben schon heute ihre modulablen Spielräume. Auch die Gessnerallee mit ihren drei Sälen zähle dazu, sagte deren Leiter Merguin. Tatsächlich experimentieren Künstler wie etwa der für seine begehbaren Bühnenbilder bekannte Szenograf Dominic Huber schon heute intensiv mit ungewöhnlichen Raumsettings.

Etwas zurückhaltend blieb man bei der Frage, welchen Mehrwert dieses Haus dem Sprechtheater bringen wird. Wird allein schon seine Existenz bekannte Regisseure und Theatergruppen nach Luzern locken, um Theater neu zu denken? Gäbe die Salle Modulable auch Raum für aufwendige Produktionen aus massentauglicheren Sparten wie Nouveau Cirque oder Musical?

Roger Merguin bezweifelt, dass an einer solchen Bühne klassisches Repertoiretheater mit festem Ensemble, wie man es vom Luzerner Theater kennt, weitergeführt werden könnte. «Eine Salle Modulable bietet die Chance, Stadttheater neu zu denken», sagte er. Anders als Claus Spahn glaubt er aber sehr wohl, dass man sich auch als Haus ohne Ensemble ein Stammpublikum erarbeiten könne, das sich mit dem Haus identifiziere. In der Gessnerallee würden auch ohne festen Vertrag immer wieder die gleichen Künstler auftreten. Man dürfe jetzt nicht zu klein denken, in Zürich schaue man schon ein wenig neidisch auf dieses Projekt.

Simon Rattle macht Mut

Die schönste Vision schickte Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, in einer persönlichen Videobotschaft ins Neubad: «Die Salle Modulable soll ein ‹Cirque de Soleil des Theaters› werden», sagte er. Wenn hier etwas «Ausserordentliches, Bahnbrechendes, Verführerisches» gebaut werde, «werden die Leute in Scharen kommen, um sich das anzuschauen». Sein Aufruf ermutigt zum Weiterfliegen.

Julia Stephan/ Mitarbeit: Hugo Bischof

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