THEATER: Eine starke Frau geht unter

Bettina Oberli inszeniert am Theater Basel «Anna Karenina» nach Tolstois Roman: In sinnlichen Bildern macht sie die Mechanik der Beziehungen deutlich.

Urs Bugmann
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Die Gefühle sind zu gross: Zoe Hutmacher spielt Anna Karenina in Basel.

Die Gefühle sind zu gross: Zoe Hutmacher spielt Anna Karenina in Basel.

Es ist die Geschichte vom Untergang einer Frau: Anna Karenina trifft auf den Rittmeister Wronski, verfällt ihm, er ihr in brennender Liebe. Sie verlässt ihren Mann und den über alles geliebten Sohn, glaubt mit der Gewöhnung Wronskis Liebe verloren zu haben und fordert Ausschliesslichkeit. Für ihre mächtige Liebe ist er zu schwach, in Verzweiflung wirft sie sich vor den Zug.

Leo Tolstois Roman spiegelt Annas Geschichte in den Beziehungen ihrer Schwester und ihres Bruders, der seine Frau betrügt. Ihr rät Anna zu Versöhnung und Duldung. Kitty, Annas Schwester, weist Lewin, der sie liebt, zurück, sieht sich durch Anna der Liebe Wronskis beraubt und heiratet am Ende doch Lewin, den Zweifler.

Bettina Oberli (Interview siehe Kasten) inszeniert die Bühnenfassung von Armin Petras auf nüchterner, aber funktionaler und wandlungsfähiger Bühne (Alain Rappaport) in überaus sinnlichen Bildern. Die Kostüme von Anne-Catherine Kunz markieren die Charaktere und zeigen mit gewendeten Kitteln und Kleidern Stimmungswechsel und Distanzveränderungen an.

Aus der Bahn geworfen

Unter dem tief auf den Bühnenboden herabgelassenem Portal sind zu Beginn nur die gleitenden Füsse und Beine der Schlittschuh laufenden Gesellschaft zu sehen. Schwungvoll rollt Kitty auf die Vorbühne, liegt, aus der Bahn geworfen, hingestreckt da. Oben aus einem Fenster beugt sich Lewin, der ihr den Heiratsantrag macht. Die beiden reden in Figuren- und in Erzählersätzen: «... hörte er sich sagen ...», die die Übersetzung des Romans ins Theaterstück kenntlich machen. Und doch ist es sinnliche Theatergegenwart, intensiv und mit Körpereinsatz gespielt. Im Spiel liegt die Atmosphäre, nicht in den Kulissen, die einen Festsaal mit hohen Vorhängen andeuten, einen üppig gedeckten Tisch zum Mittelpunkt machen.

Stumm zunächst, ehe er sich als Diener vorstellt, der von der Gesellschaft nicht gehört wird, weil er eine andere Sprache – Berndeutsch – spricht, bewegt sich Kutti MC durch die Szenen. Ruhig räumt er auf, bringt Kleidungsstücke herbei, sammelt sie ein, wischt den Bühnenboden blank, liest die vom Strauss gefallenen Blüten ein. Zum Beat, den die Tischgesellschaft mit Messern auf Tisch und Flaschen schlägt, räsoniert der Rap-Poet über die Gesellschaft, die viel weiss, nur nichts über sich. Er stellt Fragen, gibt dem Spiel eine melancholische Kommentarlinie, die im gemeinsam gesungenen Lied des Dällebach-Kari gipfelt: «Es het einisch eine gseit ...»

Zoe Hutmacher spielt die Anna Karenina mit Verve, Dirk Glodde ihren Mann mit leicht verbissenem Ernst. Silvester von Hösslin ist ein etwas blasser Wronski, glaubhaft zu schwach für Anna. Judtih Strössenreuters Kitty ist ein quirliger Spielball ihrer eigenen Gefühle, auch sie dem Mann Lewin (Martin Butzke) bei weitem überlegen. Es sind die Frauen, die stark sind in diesem Stück – es hilft ihnen aber nichts in dieser Gesellschaft mit ihren Konventionen und Verstellungen.

Hinweis

Theater Basel, Schauspielhaus. Die nächsten Aufführungen: 13., 15., 18., 19., 22., 26. April, 5., 7., 11., 13., 18., 25. Mai. www.theaterbasel.ch