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THEATER: Einer gegen die Spiessermoral

Vor 100 Jahren verstarb der deutsche Dramatiker Frank Wedekind. Mit Stücken wie «Frühlings Erwachen» vermag er bis heute zu provozieren und gilt grossen Komödianten noch immer als Vorbild.
Heiko Strech
Frank Wedekind (1864-1918), Schriftsteller und Dramatiker an seinem Schreibtisch. (Bild: Getty)

Frank Wedekind (1864-1918), Schriftsteller und Dramatiker an seinem Schreibtisch. (Bild: Getty)

Heiko Strech

Berlin 1905: Der Dramatiker und Schauspieler Frank Wedekind steht vor Gericht. Wegen «Verbreitung unzüchtiger Schriften». Am Ende: Freispruch.

Zürich 2009: Ein Deutschlehrer am Literargymnasium Zürich steht vor Gericht. Die Mutter einer Schülerin klagt, weil der Lehrer mit seiner Klasse Wedekinds Pubertäts-Tragödie «Frühlings Erwachen» gelesen hat. Am Ende: Freispruch.

Unglaublich, dass Frank Wedekind 100 Jahre nach seinem Wirken, längst anerkannt als grosser Dramatiker, wegweisend für die Moderne mit seinen Tragi-Grotesken – dass er noch heute derart provoziert. Unglaublich, aber auch erfreulich. Denn provozieren heisst ja «hervorrufen», Auseinandersetzung fördern. Eine der Grundaufgaben von Kunst. «Ich glaube nicht, dass ein heutiger Komödienschreiber an Wedekind vorbeigehen kann», sagte Friedrich Dürrenmatt.

Jugendzeit auf Schloss Lenzburg

Frank Wedekind wurde am 24. Juli 1864 als zweites von sechs Kindern des Arztes Friedrich Wilhelm und der Emilie Wedekind in Hannover geboren. Aus politischen Gründen mit der Familie in die Schweiz emigriert, kaufte Vater Wedekind das Schloss Lenzburg. Frank besuchte in Aarau das Gymnasium. 1890 begann er in Zürich mit dem Schreiben von «Frühlings Erwachen», seiner Kindertragödie. Erst 1906 kam sie zur Uraufführung unter Max Reinhardt in Berlin.

Das Stück war im wilhelminischen Deutschland mit seiner Doppelmoral – Verlobter geht ins Bordell, Verlobte wartet brav bis zur Heirat – eine ungeheure Provokation. Geht es doch um nichts anderes als um das Hereinbrechen der Naturgewalt Sexualität in die Pubertät. Ein Schüler onaniert auf dem Klo, zwei schwule Schüler küssen einander, Wendla und Melchior gehen ins Heu, zeugen ein Kind. Eine Abtreibung tötet Wendla. Ein gnadenlos karikiertes Lehrerkollegium wirft Melchior von der Schule, weil er für seinen Mitschüler Moritz eine Aufklärungsschrift verfasst hat. Nichts weiter.

2013 entschied sich die Theatergruppe des Zürcher Literargymnasiums mit ihrem Leiter, eine Bühnencollage aus «Frühlings Erwachen» und eigenen Texten aufzuführen. Ein Schüler sagte darin: «Auch wenn zwischen uns 122 Jahre liegen, unsere Gefühle sind gleich.» So produktiv reagierten die Jugendlichen auf den Schulskandal von 2009. Wedekind seinerseits hielt grossartig produktiv durch gegen alle Widerstände von Verbot und Zensur. Wegen eines Spottgedichts auf Kaiser Wilhelm kassierte er sieben Monate Festungshaft. Der Bürgerschreck war übrigens auch ein witziger Unterhalter. Im Kabarett «Die Elf Scharfrichter» verpackte er Satire in geistreiche Chansons. In eigenen Stücken trat Wedekind als Schauspieler auf, nicht durchweg professionell, aber mit überwältigendem Charisma.

Eine amoralische Anstalt gegen die Spiessermoral

Sein Lieblingsautor? Friedrich Schiller! Denn auch für Wedekind war das Theater eine «moralische Anstalt». Allerdings eher eine «amoralische Anstalt» gegen die Spiessermoral. In der Tragödie «Lulu», von 1913, seinem Hauptwerk, stellt er in der Rolle eines Zirkusdompteurs im roten Frack eine betörende Frau auf die Bühne: «Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, / Das – meine Damen! – sehn Sie nur bei mir.» Das «Tier» Lulu steht, im Gegensatz zu den domestizierten «Haustieren», für die freie Liebe. In typisch Wedekind’scher Zuspitzung stürzt sie Männer reihenweise in Leid und Tod. Das starke Stück lässt bis heute niemanden kalt.

Wedekind, beeinflusst von Zirkus und Tingeltangel, entwickelt früh ein «Theater der Grausamkeit», entfaltet mit ausgepichtem Bühneninstinkt ein hoch expressives Panorama von Sex and Crime auf der Bühne. Am Ende ersticht Jack the Ripper die Lulu. Aber Wedekind meint es ernst im Grotesken: Lulu ist nicht einfach eine Femme fatale, sondern die unterdrückte Menschennatur überhaupt.

Am 9. März 1918 starb Wedekind in München an einer missglückten Blinddarmoperation, längst berühmt als wegweisender Dramatiker. Gegen zehn Lulu- Filme wurden inzwischen gedreht, zuletzt 2009 einer fürs ZDF. Sie alle überragt Alban Bergs Oper «Lulu» von 1937 im Zürcher Opernhaus – das kongeniale Meisterwerk.

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