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THEATER: Erst Frau, dann Mensch?

Die Berner Rapperin Steff la Cheffe steht in Bern zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Die Energie stimmt in diesem absurden Genderparcours nach dem Vorbild von «Alice im Wunderland».
Szene aus dem Stück «Alice». (Bild: Janosch Abel)

Szene aus dem Stück «Alice». (Bild: Janosch Abel)

«Sie wöui immer no wüsse, wie das sig als Frou, i dem männerdominierte Hip-Hop-Zoo», rappte die Bernerin Steff la Cheffe 2013 unter der Sonne Südafrikas. Die Youtube-Kommentare zum Musikvideo «Ha ke Ahnig» prasselten mehrstimmig, aber in vielem einstimmig: «Guter Song», befanden einige. Und die Frau: «Vor allem hübsch!» Irgendwie hatten ihre Fans nicht richtig hingehört. Irgendwie hatten auch die Medien ihre Ohren auf Durchzug gestellt. Die Frau war frech, schön und intelligent. Also machten sie Steff la Cheffe zum Fräuleinwunder und die Platte «Vögu zum Geburtstag» zur Nebensache.

Steff la Cheffe ärgerte das. Mit dem Musiker Fabian Chiquet, der mit seiner Band The Bianca Story Theatermusik macht, und der Tänzerin Annalena Fröhlich hat sie sich noch vor ihrem gerüchteweise auf 2018 angesetzten Albumrelease entschieden, diese Stereotypen, wenn man sie schon nicht los wird, wenigstens als Absurditäten hinzunehmen. Wie die kleine Alice sprechende Tiere und ausgehebelte Naturgesetze im Kinderbuchklassiker «Alice im Wunderland».

Im Spitallift in die Abgründe der Stereotypen

Statt wie Lewis Carrolls Heldin durch ein Kaninchenloch in eine Parallelwelt zu plumpsen, fährt Alice (Gina Gurnter) in der Produktion von Chiquet/La Cheffe/Fröhlich in der Berner Theaterspielstätte Vidmarhallen mit einem Spitallift unter die Erde. Zwischen streng nach Geschlecht separierten weiss bekittelten Ärzten und Krankenschwestern. Und mit der unangenehmen Fahrstuhlintimität, wie sie einst der Soziologe Erving Goffman beschrieb. «Wie spät ist’s, Fräulein?», fragt der Ärztegott. «Das Fräulein können Sie sich sparen», antwortet Alice. Ein paar Stockwerke weiter sind wir bei der Frage: «Haben Sie Kinder?» Wie kann es sein, dass so eine intime Frage im Fahrstuhl gestellt wird? Wie kann es sein, dass man zuerst als Frau wahrgenommen wird, und dann als Mensch? Alice trifft in der untersten Minusetage auf einen Haufen Frauenstereotype, mit denen sie nichts anfangen kann: die esoterische Urmutter mit Fellmütze, die das weibliche Schöpferprinzip beschwört, die Traditionalistin («Frauen müssen Opfer bringen»), die Vatertochter mit Megaprinzessinnenschleife im Haar, die Reinigungskraft, die alles schultert, und eine Karrierefrau in der Gestalt einer Magdalena Martullo-Blocher. Dazwischen brüllt Steff la Cheffe als Aktionistin Befreiungsparolen oder murmelt sich durch Wortketten, welche die Sprache auf ihre Geschlechterstereotype abklopfen. Die auf O-Tönen von Frauen des Netzwerks Terre des Femmes Schweiz aufbauende Produktion ist keinesfalls eine Männerabrechnung. Musikproduzent Könz darf zwar als einziger Mann auf der Bühne einen schlechten Frauenwitz erzählen. Er wirkt dabei aber nicht lächerlicher als der Rest. Der Abend führt Frauenstereotype als unlogische Konstrukte vor. Was daraus zu folgern wäre, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Julia Stephan

Vorstellungen in Bern ausverkauft. Ab 30.11. Aarau, Theater Tuchlaube. Ab 5.12., Roxy, Birsfelden. Ab 12.12. Theater Neumarkt, Zürich. alice-theater.com

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